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Kommentar Eine Steuer auf Fettiges und Süßes darf kein Tabu mehr sein

Jeder zweite Deutsche ist übergewichtig. In anderen Ländern hat eine Unternehmensabgabe auf ungesundes Essen bereits Wirkung gezeigt.
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Lebensmittelhersteller stehen immer mehr in der Kritik, weil sie Kunden mit zu viel Zucker, Salz und Fett krank machen. Quelle: AFP
Burger mit Pommes

Lebensmittelhersteller stehen immer mehr in der Kritik, weil sie Kunden mit zu viel Zucker, Salz und Fett krank machen.

(Foto: AFP)

Diesen Herbst bringt Nestlé in Japan eine kleine Revolution auf den Markt: Kitkat-Schokoriegel ohne Zuckerzusatz. Gesüßt wird ausschließlich mit dem süßen Fruchtfleisch der Kakaofrucht. Das spart nicht nur Ressourcen. Der Riegel enthält auch 40 Prozent weniger Zucker als sonst. Der weltgrößte Lebensmittelkonzern setzt damit ein wichtiges Signal für die gesamte Branche: Es geht auch gesünder und schmeckt trotzdem.

Lebensmittelhersteller stehen immer mehr in der Kritik, weil sie Kunden mit zu viel Zucker, Salz und Fett krank machen. Mehr als jeder zweite Deutsche ist laut Statistischem Bundesamt übergewichtig, mehr als jeder sechste gar adipös – Tendenz steigend. Ernährungsbedingte Krankheiten wie Diabetes, Schlaganfälle und Infarkte verursachen hierzulande Kosten von rund 70 Milliarden Euro im Jahr.

Keine Frage, jeder Erwachsene ist für sich selbst verantwortlich und kann frei entscheiden, wie er sich ernährt. Aber den meisten fehlt heute die Zeit, täglich selbst zu kochen. Lieber greifen sie zu Fertiggerichten und Snacks für unterwegs – Hauptsache, schnell und lecker.

Ausgewogen und gesund sind die wenigsten Gerichte. Die Industrie hat es geschickt verstanden, von klein auf unseren Geschmack auf Zucker und Fett zu konditionieren. Das fängt schon mit gesüßten Babytees, Schokolade und Bonbons an, die in TV-Spots lange als gesund beworben wurden („Extraportion Milch“, „Vitamine und Naschen“).

Doch Lebensmittelfirmen können den Schwarzen Peter nicht allein den Verbrauchern zuschieben. Die Industrie ist in der Pflicht, gesündere Produkte anzubieten. Die Hersteller, die uns Zuckerjunkies über Jahre angefixt haben, müssen uns auf Entzug setzen.

Endlich erkennen die ersten Unternehmen, dass sich mit gesünderen Lebensmitteln gutes Geld verdienen lässt. Denn immer mehr Verbraucher legen Wert auf einen gesunden und nachhaltigen Lebensstil. Laut den Marktforschern von GfK sind es heute 31 Prozent, vor fünf Jahren waren es erst 18 Prozent.

So gerieren sich etliche Lebensmittelhersteller, die Milliarden mit Süßkram und Snacks verdienen, plötzlich als Gesundheitsapostel. Sie stoßen ungesunde Marken ab und wenden sich gesunden Snacks, Veggieprodukten oder Tees zu.

So hat sich Unilever von der Salamimarke Bifi getrennt. Stattdessen kaufte der Konzern den Veggiemetzger The Vegetarian Butcher und den Lieferdienst für gesunde Snackboxen Nature Delivered. Mondelez stieg beim Unternehmen Perfect Snacks ein, das Bio-Proteinriegel aus Nussbutter fertigt. Pfeifer & Langen, bekannt für Zucker und deutscher Marktführer für Chips, übernahm die Mehrheit an der Veggiefleisch-Firma Amidori. Und Coca-Cola hat die Kombucha-Teemarke Mojo geschluckt.

Der Wandel vom Saulus zum Paulus kommt aber nicht nur aus moralischer Einsicht, sondern vor allem auch aus Angst, an Geschäft zu verlieren. So hat etwa Nestlé mit Süßigkeiten in Deutschland 2018 deutlich weniger umgesetzt als im Vorjahr. Seine US-Süßwarensparte hat der Schweizer Konzern bereits verkauft. Nestlé spricht von einem „klaren Strategiewechsel zum gesunden Naschen“.

Die Wurstmarke Herta steht zum Verkauf. Stattdessen will Nestlé mit dem fleischlosen „Incredible Burger“ dem gehypten US-Start-up Beyond Meat Paroli bieten. Das erreichte zwischenzeitlich eine Bewertung von fast 13 Milliarden Dollar – obwohl Beyond Meat gerade mal so viel Umsatz macht wie der deutsche Mittelständler Rügenwalder Mühle mit vegetarischen Produkten in diesem Jahr. Auch der Wurst- und Schinkenhersteller hat radikal umgesteuert und macht bald 40 Prozent seines Geschäfts mit Pflanzenfleisch.

Die wenigsten Konsumenten werden auf Gummibärchen und Chips verzichten wollen

Innovative Disruptoren machen den Lebensmittelriesen Angst. Zu Recht. Denn nur noch 13 Prozent der Verbraucher bezeichnen sich laut GfK als „markentreu“. Doch anstatt hippe Start-ups aufzukaufen, sollten die Hersteller besser ihre Rezepturen gesünder machen. Schließlich werden die wenigsten Konsumenten auf Gummibärchen, Chips und Co. verzichten wollen.

Leider passiert da noch viel zu wenig. Müsli- und Gebäckhersteller reduzieren zwar den Zuckeranteil, aber oft nur heimlich und zaghaft – aus Angst, Kunden zu verlieren. Diese bittere Erfahrung machte Kellogg’s. Eine zuckerarme Variante der Zuckerbombe Frosties, die sieben Zuckerwürfel pro Portion enthält, wurde vom Markt genommen – wegen „geringer Verbraucherakzeptanz“. Es zeigt sich, wie sehr Verbraucher auf Zucker konditioniert wurden.

Die Politik hat viel zu lange auf freiwillige Schritte der Industrie gewartet – dabei geht es um die Gesundheit der Bürger. Eine Lebensmittelampel, die gerade diskutiert wird, nutzt wenig, solange die meisten Fertigprodukte ungesund sind. Eine abschreckende Steuer auf allzu Fettiges oder Süßes sollte auch in Deutschland kein Tabu mehr sein.

Sie hat in vielen Ländern, von Frankreich über Mexiko bis Südafrika, Wirkung gezeigt. Denn wenn der Umsatz wegzubrechen droht, reagieren Unternehmen ganz schnell.

Mehr: Im Interview mit dem Handelsblatt fordert Godo Röben, Chef von Rügenwalder Mühle, mehr Forschungsgeld, um gegen die wachsende globale Konkurrenz auf dem Markt für Pflanzenfleisch zu bestehen.

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1 Kommentar zu "Kommentar: Eine Steuer auf Fettiges und Süßes darf kein Tabu mehr sein"

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  • Absolut lächerlich, eine Steuer auf Fett oder Salz? Haben sie schon mal von einer Ketogenen Diät oder die Carnivore Diät gehört? Tipp: Es ist nicht Fett und Salz, welche zu Übergewicht oder Krankheiten führen, Cholesterin ist nicht das Problem und gesättigte Fette sind notwendig.

    Ich werde nicht weiter darauf eingehen, aber ich empfehle jedem sich ernährungstechnisch sich ins 21. Jahrhundert zu befördern und sich die Forschungen aus Australien anschauen über sogenannte "böse" Fette, "böses" Cholesterin und "böses" Salz, wenn man sich aufklären möchte. Hier der Kanal mit neuesten Studien zu diesen Dingen: https://www.youtube.com/user/lowcarbdownunder/videos

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