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Kommentar Eine Wertedebatte hinsichtlich der Uiguren ist überfällig

In der Uiguren-Frage ist zwar in erster Linie die internationale Politik am Zug. Aber auch die Unternehmen müssen ihren Beitrag leisten.
27.11.2019 - 17:31 Uhr Kommentieren
In der Uiguren-Frage ist zwar in erster Linie die internationale Politik am Zug. Aber auch die Unternehmen müssen ihren Beitrag leisten. Quelle: AFP/Getty Images
Umerziehungscamp im chinesischen Xinjiang

In der Uiguren-Frage ist zwar in erster Linie die internationale Politik am Zug. Aber auch die Unternehmen müssen ihren Beitrag leisten.

(Foto: AFP/Getty Images)

Der Ökonom Milton Friedman prägte einst den Satz: „The business of business is business.“ Daraus folgt die Devise: Zu Politik oder Gesellschaft müsse man sich als Wirtschaftslenker nicht äußern. Heute hat sich unter Managern längst die Ansicht verbreitet, dass es eben doch nicht ausreicht, sich auf das reine Geschäft zu konzentrieren. Unternehmen wollen sich auch ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen. Die Amerikaner fassen die Debatte unter dem Schlagwort „Purpose“ zusammen, also dem guten gesellschaftlichen Zweck, dem ein Unternehmen dient.

Das ist gut gesagt, in der Praxis aber schwierig. Denn eine öffentliche Einmischung in politische Themen birgt Risiken fürs Geschäft. Die Problematik zeigt sich wieder einmal deutlich an der Uiguren-Frage. Recherchen von investigativen Journalisten dokumentieren, dass die chinesische Führung in großem Stil diese in der autonomen Region Xinjiang lebende Minderheit unterdrückt und interniert.

Westliche Unternehmen mit Chinageschäft, vor allem jene, die in der betroffenen Region tätig sind, stehen unter Druck: Sie sollen Position beziehen und ihre Engagements überdenken. Besonders heikel ist das Thema für deutsche Unternehmen wegen ihrer historischen Verantwortung – ganz besonders wenn es um Internierung und Zwangsarbeit geht.

Doch China ist ein sehr sensibles Thema. Der dortige Markt ist seit vielen Jahren für die deutsche Wirtschaft die größte Wachstumshoffnung. Nicht nur große Konzerne, auch Mittelständler versuchen, in der Volksrepublik Fuß zu fassen – der Absatzmarkt ist gigantisch. Jahr für Jahr stiegen die Umsätze des Chinageschäfts vieler deutscher Unternehmen, allen voran der Autoindustrie. Aber damit stieg Jahr für Jahr auch die Abhängigkeit von dem größten asiatischen Land.

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    Immer schon schwang dabei ein Unbehagen mit: Teilen die Chinesen unsere Werte? Zumindest die wesentlichen Menschenrechte, die der westlichen Kultur so zentral sind, ja, die der Kern unserer Kultur sind? Können wir Menschenrechtsverletzungen ignorieren?

    Beiseitegeschobene Diskussion muss jetzt geführt werden

    Politik und Wirtschaft schoben diese Frage immer wieder beiseite. Man beließ es bei mahnenden Worten, wenn das Thema überhaupt angesprochen wurde. Man hoffte, dass die Marktwirtschaft von allein dafür sorgen würde, dass sich unsere westlichen Werte übertragen. Doch das ist ganz offenbar nicht passiert. Die lange – zu lange – beiseitegeschobene Diskussion über Menschenrechte kommt jetzt mit aller Wucht auf den Tisch. 

    Denn die Menschenrechtsverletzungen sind so eklatant, dass die Öffentlichkeit die berechtigte Frage stellt, wie dort tätige Unternehmen den Umgang mit den Uiguren nicht bemerkt haben wollen. Wie sind die deutschen Unternehmen mit uigurischen Mitarbeitern umgegangen? Was haben sie gemacht, wenn Mitarbeiter verschwunden sind? Und auch: In welche Situation haben die Unternehmen ihre westlichen Mitarbeiter gebracht, die sie dort als Expats eingesetzt haben? Wie wurde mit Hinweisen auf Menschenrechtsverletzungen umgegangen? Es stellen sich viele Fragen, die aufgeklärt werden müssen. 

    Unternehmen haben durchaus Mittel, ihrer Verantwortung gerecht zu werden: Sie können für maximale Transparenz in ihren Geschäftsbeziehungen sorgen, sie müssen sich selbst hohe ethische Standards setzen und sicherstellen, dass sie die innerhalb ihrer weltweiten Organisation auch überprüfbar durchsetzen können. Sie müssen auch bereit sein, im Ernstfall Konsequenzen zu ziehen. Tun sie es nicht, entlarven sie ihr Reden über Purpose und gesellschaftlichen Beitrag als leere Hülse.

    Dennoch wäre es im vorliegenden Fall naiv zu fordern, die Unternehmen müssten sich öffentlich gegen die chinesische Regierung wenden. Was könnte ein Einzelner schon ausrichten? Dies ist nicht die Stunde der Einzelkämpfer. Dies ist die Stunde der internationalen Gemeinschaft. Die westliche Welt muss sich gemeinsam für die Situation der Menschenrechte in China interessieren, sie müssen Aufklärung fordern und dann gemeinsame Schritte unternehmen. Und die Uiguren-Frage ist längst nicht die einzige Menschenrechtsfrage, die man an China richten muss. Die Unternehmen können ihre Regierungen dabei unterstützen, indem sie ihre Erfahrungen teilen – und sich mit Vorschlägen einbringen, wie man mit China umgehen sollte. 

    Die internationale Politik hat ein ganz anderes Instrumentarium als Unternehmen. Sie kann von China Aufklärung einfordern und öffentlich Kritik äußern. Sie kann im Ernstfall auch Sanktionen verhängen. Wünschenswert wäre Letzteres keineswegs, denn ein Konflikt mit China würde der Weltwirtschaft schaden – und damit uns allen.

    Aber die internationale Politik sollte mit Unterstützung der Unternehmen in einen längst überfälligen Wertedialog mit der Regierung in Peking eintreten. Im besten Fall schärft das den Sinn für Gemeinsamkeiten zwischen China und der westlichen Welt.

    Mehr: Nach neuen Vorwürfen wegen Menschenrechtsverletzungen in China gerät die deutsche Wirtschaft unter Erklärungsdruck. Die Firmen vermeiden aber direkte Kritik.

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