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Kommentar Eine Wirtschaftsnation muss mit aller Kraft an die Spitze streben

Deutschland ist in der Bildung nur Mittelmaß, zeigt die Pisa-Studie. Die Hilflosigkeit der Kultusministerkonferenz in dieser Bildungsmisere macht sprachlos.
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Alexander Lorz, Präsident der Kultusministerkonferenz, Kristina Reiss, Pisa-Projektleiterin, Anja Karliczek (CDU), Bundesbildungsministerin, und Ludger Schuknecht, Vize-Generalsekretär der OECD, stellen vor der Bundespressekonferenz die Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie vor. Die Reaktionen auf die Erhebung zeigen: im Bildungsbereich herrscht ohne Not Hilflosigkeit. Quelle: dpa
Vorstellung Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie

Alexander Lorz, Präsident der Kultusministerkonferenz, Kristina Reiss, Pisa-Projektleiterin, Anja Karliczek (CDU), Bundesbildungsministerin, und Ludger Schuknecht, Vize-Generalsekretär der OECD, stellen vor der Bundespressekonferenz die Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie vor. Die Reaktionen auf die Erhebung zeigen: im Bildungsbereich herrscht ohne Not Hilflosigkeit.

(Foto: dpa)

Im Jahr 2001 ereilte Deutschland der heute sprichwörtliche „Pisa-Schock“: Die Tests der OECD zeigten, dass unser Schulsystem nicht so spitze war, wie wir eigentlich dachten, sondern nur untere Mittelklasse. Es folgten jahrelange erbitterte Debatten und eine Flut von Reformen. Heute, 18 Jahre später, müssen wir trocken konstatieren: Wir sind nicht besser geworden.

Es ist ein niederschmetterndes Ergebnis, das den Kultusministern dieses Landes ein Armutszeugnis ausstellt. Zwischenzeitlich erreichte Fortschritte sind wieder verloren gegangen. Die in Deutschland ohnehin weit überdurchschnittlich große Abhängigkeit der Schulleistungen vom Elternhaus ist sogar noch gestiegen.

Dramatisch ist der Umfang der sogenannten „Risikogruppe“: Mittlerweile können mehr als 20 Prozent der 15-Jährigen nicht mal auf Grundschulniveau lesen und schreiben. Dieser Anteil ist sogar noch deutlich gestiegen. Das ist nach all den Versprechungen nach dem Motto „Wir lassen kein Kind zurück“ eigentlich unfassbar.

Empörend sind die Hilflosigkeit und die Nonchalance, mit der die Kultusministerkonferenz das Desaster kommentiert. „Unspektakulär“ nennt ihr Präsident die Ergebnisse. Und immerhin liege man ja mittlerweile über dem internationalen Durchschnitt, und bislang unbekannte „pädagogische Wundermittel“ nehme man gern entgegen. Im Übrigen verweisen die Kultusminister wie immer darauf, dass die Misere in der Ära ihrer Vorgänger gründe, die eigenen Reformen aber ganz sicher Erfolge zeitigen – nächstes Mal, spätestens übernächstes Mal.

Jedes Land wurschtelt vor sich hin

Das macht sprachlos. Denn überdurchschnittlich sind wir nur, weil einige Topländer nachgelassen haben. Und viel wichtiger: Eine führende Wirtschaftsnation, die zentral auf das Humankapital ihrer Bürger angewiesen ist, kann sich nicht mit Mittelmaß zufriedengeben, sondern muss mit aller Kraft an die Spitze streben. Sie kann nicht dulden, dass die Ausfallquote unter den Schülern immer höher wird, die dann später als Erwachsene zum Heer der gut sechs Millionen Erwachsenen gehören, die nicht richtig lesen und schreiben können.

Es braucht auch keine Zaubermittel; die zahlreichen Studien der vergangenen Jahre geben durchaus handfeste Hinweise, was hilft: früher Kitabesuch für alle, individuelle Förderung vor allem schwächerer Schüler und mehr Ganztagsschulen, in denen das weit einfacher zu organisieren ist. Schließlich schadet natürlich auch der zunehmende Lehrermangel, den die Kultusminister nicht zu verhindern wussten.

Und es ist offensichtlich, dass mehr Koordination der Länder untereinander und mit dem Bund nur hilfreich wäre. Denn der viel gepriesene föderale Wettbewerb allein funktioniert schlicht nicht, die Länder lernen nicht voneinander.

Es gibt ja Länder wie Bayern oder Sachsen, wo es zumindest im nationalen Vergleich weit besser läuft – wenn auch nicht auf Pisa-Spitzenniveau. Das zeigten zumindest die ersten Pisa-Tests, bei denen das Ergebnis auch nach Bundesländern getrennt erhoben wurde. Doch das wurde schnell abgeschafft. An diesen Vorreitern könnten sich die anderen orientieren. Das ist aber ganz offensichtlich nur in Ansätzen der Fall. Jedes Land wurschtelt vor sich hin, oft wissen die Fachminister sehr wenig darüber, was die Kollegen treiben.

Eine Frage der Vergleichbarkeit

Helfen sollte auch der nationale Bildungsrat – nach dem Vorbild des segensreichen Wissenschaftsrats für Forschung und Lehre. Doch Bayern und Baden-Württemberg haben ihn soeben kaltschnäuzig beerdigt – obwohl ihn die Union im Koalitionsvertrag vereinbart hatte. Vielleicht ist es noch nicht zu spät, dieses Instrument doch noch zu etablieren. Es könnte zumindest in einigen zentralen Dingen für mehr Vergleichbarkeit und Transparenz sorgen.

Essenziell wäre das etwa bei Sprachtests im Kindergarten. Wer mit schlechtem Deutsch eingeschult wird – und das sind beileibe nicht nur Migranten –, kommt nicht mit und landet schnell in der Risikogruppe. Doch die Länder testen unterschiedlich und in verschiedenen Altersstufen. Auch die folgende Sprachunterstützung für die, die sie brauchen, fällt höchst unterschiedlich aus. Kinder von Eltern, die umziehen, fallen so im Zweifel durch den Rost.

Oder ein wirklich bundesweit vergleichbares Abitur – wollen die Länder offenbar nicht. Denn sie haben zwar einen gemeinsamen Aufgabenpool einrichten lassen, nutzen ihn aber höchst unterschiedlich und legen dazu auch keine Rechenschaft ab. Stattdessen steigt die Flut der Einser-Abiturienten.

Auch die Beteiligung des Bundes an einem gemeinsamen Gremium ergibt Sinn: Immerhin steckt dieser steigende Milliardenbeträge in die Bildung und fördert diverse Programme zugunsten des Schulwesens. Noch viel wichtiger aber wäre, die Übergänge von den Kindergärten in die Schulen und von dort in die Berufsschulen und Hochschulen zu verbessern. An die Spitze kommt die Bildungsnation Deutschland, die Merkel einst ausrief, nur, wenn alle weit besser zusammenarbeiten als bisher.

Mehr: Die Bundespolitik sieht junge Menschen unter erheblichem Leistungsdruck. Ein Strategiepapier der Regierung plädiert für Entfaltungsspielraum.

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