Kommentar Eine Wunderwaffe ohne Munition

Der Bundestag will Autofahrern bei der Suche nach billigem Sprit helfen. Deshalb beschloss er heute die sogenannte Markttransparenzstelle. Die Erwartungen an die neue Wunderwaffe sind groß – aber ein Trugschluss.
Update: 08.11.2012 - 21:09 Uhr 9 Kommentare
Handelsblatt-Redakteur Hans Christian Müller. Quelle: privat

Handelsblatt-Redakteur Hans Christian Müller.

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Es gibt wenig, was die Deutschen so aufregt wie die Benzinpreise. Kein Wunder, schließlich machen die Spritkosten bei den vielen Millionen Pendlern einen großen Teil der monatlichen Ausgaben aus. Das Bundeskartellamt hatte im letzten Jahr bestätigt, was die genervten Autofahrer ohnehin immer schon zu wissen glaubten: Sie werden von den Tankstellen abgezockt.

Die heben ihre Preise nämlich immer pünktlich zum Berufs- und Ferienverkehr kräftig an, manchmal sogar um bis zu zehn Cent pro Liter. Wenn wenig los ist auf den Straßen, senken sie sie wieder. Weil die Tankstellen ihre Preise immer schön im Gleichschritt, schloss das Kartellamt daraus: Es fehlt auf dem Benzinmarkt an Wettbewerb.

Durch die Transparenzstelle soll sich das ändern. Die Tankstellen müssen ihre Preise dann in Echtzeit an das Kartellamt melden, das sie dann in Echtzeit an die Betreiber von Navigationsgeräten weiterreicht. Die zeigen dem Autofahrer dann an, wo er auf seiner Route am billigsten tanken kann. Ab Mitte 2013 sollen die neuen Geräte auf den Markt kommen. Die Erwartungen sind gigantisch: Endlich mehr Transparenz, endlich weniger Pendler-Abzocke, endlich sinkende Benzinpreise!

Doch kann die Transparenzstelle wirklich Wunder vollbringen? Nein, kann sie nicht. Die fünf großen Tankstellenkonzerne Aral, Esso, Shell, Jet und Total taten zuletzt alles, um sich nicht gegenseitig mit Kampfpreisen Konkurrenz zu machen. Dazu änderten sie ihre Preise immer zur gleichen Zeit in die gleiche Richtung. Doch darin wird sie auch die Markttransparenzstelle nicht hindern können. Im Gegenteil: Wenn die Autofahrer dank ihrer Apps und Navis bald genau wissen, wo es ein paar Cents zu sparen gäbe, könnte das die Tankstellenpächter dazu verleiten, dass es bald überhaupt keine Preisunterschiede mehr gibt. Dann bringt auch die tollste Technik und die umfassendste Transparenz nichts.

Die Befürworter der Transparenzstelle glauben, dass die Abzocke zur Rush-Hour in Zukunft ein Ende findet. Das kann passieren, muss aber nicht. Und selbst wenn es so kommt, hat das Vor-, aber auch Nachteile. Das zeigt eine Modellrechnung: Die Preissprünge der Tankstellen betrugen oft bis zu zehn Cent pro Liter. Die durchschnittliche Gewinnmarge der Konzerne lag - aufs Jahr gerechnet – aber deutlich darunter. Das bedeutet: In Zeiten niedriger Preise, also vor allem mittags und am Wochenende, lag der Benzinpreis nahe am Einkaufspreis. Benzin war also ein richtiges Schnäppchen. Wenn die Preise aber bald über den Tag zu schwanken aufhören, belohnt das diejenigen Autofahrer, die bisher zu faul waren, extra außerhalb der Rushhour zu tanken. Und es bestraft die, die in einer Marktwirtschaft eigentlich einen Lohn für ihre Mühen verdient haben: Die Schnäppchenjäger nämlich. Diese verschafften sich bisher selbst Transparenz, indem sie die Preise verglichen und dann tankten, wenn es billig war. Sie verlieren künftig ihren Wissensvorsprung – und werden mehr zahlen müssen.

 

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9 Kommentare zu "Kommentar: Eine Wunderwaffe ohne Munition"

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  • Na höchstens für 1,50 Mark der DDR, inklussive Ökosteuer!

  • Also meine Tanke liegt in Austria und ist immer mindestens 10 Cent günstiger...

  • Das ist kein Irrenhaus! Es ist berechnende und kalte Nutzung der Staatsmacht zu Lasten der Bürger um letztendlich die Heerscharen von Verwaltung, Beamten und Politik, wovon bei optimaler Organisation 50% überflüssig sind, zu bezahlen. Wenn diese sich noch die weltweite Not an den Hals hängen lassen, dann haben wir den Kostenstand von heute und das Volk muß halt ausgeplündert werden. Ist ja alles für einen guten Zweck.

  • @kermit

    Schonmal darüber nachgedacht, dass in Deutschland verkaufte Mineralölprodukte von einem Weltmarktpreis des Rohöls abhängig sind? Wird wohl nicht ganz soviel Rohöl in Deutschland gefördert, soweit mir bekannt ist. Sollen die Tankstellenpächter bei einer Preissteigerung beim Einkauf der Kraftstoffe die Verluste selbst tragen? Wenn Sie den Preis für einen Monat festgesetzt haben wollen und diesem Monat der Ölpreis sinkt, dann wollen Sie doch sicher trotzdem, dass Ihr Spritpreis ebenfalls sinkt, oder? Nur steigen darf der Preis halt nicht. Das klingt wirklich logisch. Lassen Sie uns doch mit jeder verdammten Branche so verfahren. Mal sehen wie lange es dann noch Firmenchefs gibt, die noch Lust haben etwas zu produzieren und Menschen in Lohn und Brot zu bringen. Dann muss der Staat wohl oder übel VEBs sog. Volkseigene Betriebe wie damals in der DDR gründen und die Produktion per Zwangsarbeit aufrecht erhalten, damit wir noch etwas kaufen können bevor wir dann irgendwann in der Mangelwirtschaft versinken. Wir wissen doch alle, wie gut der Staat wirtschaften kann. Als ehemaliger Ostzonenbürger frage ich mich, wieviel DDR ihr hier in Gesamtdeutschland noch zulassen wollt?

  • 2013 das Wahljahr!

    Die CDU/CSU und FDP tut alles um gewählt zu werden und versucht die Bürger bei Laune zu halten, bedenke Beschlüsse vom letzten Sonntag, wie Betreuungsgeld usw.

    Will keiner, aber egal, wird trotzdem beschlossen!

    Leider erkennen es nicht viele, dass sie von dieser Regierung andauernd vera...t werden!

  • Man stelle sich vor, man fertigt ein Produkt das fast jeder braucht. Man gibt vielen Menschen von der Produktion bis zum Verkauf Arbeit. Man möchte kostendeckend produzieren und Gewinne erzielen. Dann kommt der Staat und freut sich, dass fast jeder dieses Produkt braucht. Also einfach über 100 Prozent Steuern auf das Produkt draufschlagen und die Schuld für den überzogenen Preis auf den Hersteller des Produktes schieben. Da der Staat von seiner überzogen hohen Steuer nicht zurückweichen will, versucht er den Unmut der Bevölkerung durch Schikane beim Produkterzeuger zu besänftigen. Es läuft genauso wie beim Strompreis. Der Staat treibt ihn hoch und die Erzeuger werden an den Pranger gestellt. Also dann möchte ich aber auch, dass der Staat mich zukünftig informiert, wo ich das billigste Steak, die billigsten Kartoffeln usw. bekomme. Es ist nur noch ein ganz kleiner Schritt bis zum Preisdiktat durch den Staat. In der DDR hieß er Einheitsverkaufspreis. Da kostete jedes Produkt in jedem Geschäft das Gleiche. Wieso lassen die Produzenten und Verkäufer von Kraftstoffen oder die Stromerzeuger sich das von diesem Staat noch bieten? Wieso starten die keine Aufklärungskampagne? Wie kann man sich so von der Politik verschaukeln lassen und die Abstempelung zum Sündenbock so einfach hinnehmen. Hätte ich ein Tankstelle, dann würde an jeder Zapfsäule stehen: "Ich verdiene an einem Liter Kraftstoff 1 Cent und der Staat 1 Euro. Bedanken Sie sich beim Finanzminister darüber und vergessen Sie nicht bei der nächsten Bundestagswahl wieder die CDU zu wählen, damit die Abzocke weitergehen kann!"

  • Ich beschwere mich nicht über den Preis, sondern nur darüber, dass dieser dauernd geändert wird. Meine Frau sagt mir, dass der Diesel bei 1,46 ist - und wenn ich dann 2 Stunden später nach der arbeit hinkomme, ist er bei 1,53 ! Ich wünsche mir, dass der Preis nur 1 mal pro Monat geändert werden darf. Wer zu hoch liegt wird 4 Wochen lang weniger Umsatz haben! Das ist DIE Lösung.

  • Völlig pervers: der Staat zockt am meisten von den Benzinpreisen ab und will mir dann sagen, wo ich günstig tanken kann? So etwas abartiges gibts wohl nur in Deutschland, wo dann Beamte sitzen, die mir sagen wo´s gerade 1 cent billiger ist.
    In welchem Irrenhaus sind wir eigentlich?

  • Über die "Abzocke" durch die Mineralölkonzerne und die Tankstellen regen sich alle auf, noch unterstützt durch die Politik und die Mainstream-Medien. Dabei erbringen diese Firmen für 30 % des Preises die gesamte Dienstleistung von der Ölquelle bis zur Tankstelle. Den Haupt-Preisanteil von 70 % der Treibstoffpreise aber sackt sich der Staat ein. Dafür erfüllt er nicht einmal seine Pflicht, die Straßen ausreichend in Ordnung zu halten, obwohl er obendrein noch Kfz-Steuer, Maut und andere Abgaben kassiert. Das wäre ein Grund, sich darüber aufzuregen.
    Über den Moloch Staat werden inzwischen 53 % des Brutto-Sozialproduktes kontrolliert. Die UdSSR hatte 85 % Staatsquote. Da kommen wir auch noch hin.

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