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Kommentar Einhörner sind ein Versprechen auf eine prosperierende Zukunft

Von wegen selten: Es gibt immer mehr Gründungen mit Milliardenbewertung. Das vitalisiert die Ökonomie.
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Zählt zu den erfolgreichen europäischen Start-Ups. Quelle: obs/Accor Hotellerie Deutschland GmbH
Banking-App N26

Zählt zu den erfolgreichen europäischen Start-Ups.

(Foto: obs/Accor Hotellerie Deutschland GmbH)

Einhörner gelten als selten, wenn nicht gar als ausgestorben. Entsprechend hat sich der Begriff in der Start-up-Szene eingebürgert – für die Spezies derjenigen jungen Unternehmen, die mindestens eine Milliarde Dollar wert sind. Inzwischen allerdings vermehrt sich diese Art der Einhörner wie die Wölfe in Mecklenburg: ziemlich rasant. Selbst die Zahl der ausgewachsenen Mehrender, der Dekahörner, die es auf eine zweistellige Milliardenbewertung bringen, steigt – und zwar nicht mehr nur in den USA und Asien, sondern vermehrt auch in Europa.

Der Erfolg so verschiedener europäischer Unternehmen wie der deutschen Banking-App N26, des schwedischen Musik-Streaminganbieters Spotify, des niederländischen Bezahldienstleisters Adyen, des in Portugal gegründeten App-Baukastens Outsystems und des britischen Prozessorentwicklers Graphcore zeigt: Das Ökosystem der Einhörner ist intakt.

Im weltweiten Vergleich holt Europa auf. Seit 2014 hat sich die Zahl auf gut 84 verdreifacht, die zusammengenommene Bewertung ist noch stärker gestiegen und addiert sich auf über 300 Milliarden Dollar. Damit liegt Europa nach Zahlen des Beraters GP Bullhound zwar noch immer deutlich hinter den USA zurück, doch die Wachstumsrate ist höher.

Internationale Investoren haben die europäischen Gründer für sich entdeckt. Geld fließt aus Asien und den USA in europäische Projekte, weil die Qualität der Gründungen gestiegen ist. Die Zeit der aufgeblasenen E-Commerce-Ideen ist weitgehend vorbei. Jetzt sammeln vor allem Fintechs und B2B-Software-Firmen, die auf den Spuren SAPs wandeln, Geld ein. Es handelt sich seltener als noch vor einer Dekade um bloße Kopien von Erfolgsmodellen aus Übersee.

Dass statt der Ideen nun oft das Geld aus anderen Kontinenten stammt, ist also ein gutes Zeichen für den Standort – und entgegen manchen Mahnrufen kein Ausverkauf europäischer Technik. Die großen Risikokapitalgeber investieren nicht, um Technologie abzuziehen, sondern um vor Ort Unternehmen aufzubauen, die sie nach einigen Jahren teurer weiterverkaufen können. Das ist die Kernlogik hinter der Einhorn-Fertilität.

Das Geschäftsmodell der Kapitalgeber beeinflusst die weltweite Szene. Die Vielzahl neuer Einhörner weltweit ist damit auch ein Ausdruck der Liquiditätsschwemme. Es ist viel Geld auf der Suche nach Rendite im Markt. Das treibt die Bewertungen der Tech-Unternehmen. In den USA, wo der Technologiesektor sowieso sehr hoch bewertet ist, überschreiten Unternehmen allein schon deshalb öfter die magische Einhorn-Schwelle als in Europa.

Einhörner sind Spekulationsobjekte

Die Einstufung als Einhorn spiegelt dabei nur die letzte Investitionsrunde wider. Sie zeigt also nicht, wie viel Geld tatsächlich in das Geschäft geflossen ist. Einhörner sind so gesehen oft Spekulationsobjekte. Explizite Aufgabe der Gründer ist es, den Hype zu schüren, damit ihre Investoren irgendwann einen guten Schnitt machen.

Das bringt die Gefahr mit sich, dass Einhörner zu stark auf die Bewertung in wenigen Jahren schauen – und beispielsweise zu viel Geld für Marketing ausgeben. In gewissem Umfang lassen sich über Ausgaben etwa für Onlinewerbung Nutzerzahlen hochtreiben. Umsätze sind dann von der Werbung stärker abhängig als von disruptiver Technik.

Eine andere Gefahr ist, eigene technische Fähigkeiten zu überzeichnen. Onlineversicherer, die gerade einmal mit den simplen Angeboten Hausrat und Haftpflicht am Markt sind, fabulieren gern schon einmal vom totalen Umbruch der Branche durch Apps.

Eine Mahnung sind die technischen Probleme, die N26 zuletzt geplagt haben: Es ist nicht nur Borniertheit, die die alten Konzerne zu mehr Vorsicht und komplexeren Abläufen verleitet. So mancher nassforsche Gründer wird sein Waterloo noch erleben – und diejenigen, die zuletzt in das jeweilige Unternehmen investiert haben, ebenso. Börsengänge können so zum Anlegerrisiko werden – wie in Deutschland im kleinen Maßstab Fälle wie Home24 oder Windeln.de gezeigt haben. Mancher Investor muss erkennen, dass er zu große Erwartungen hatte.

Dennoch bringt der Einhorn-Reigen in erster Linie positiven Schwung in die Wirtschaft, global und in Europa. Die Wunderunternehmen schaffen Beispiele, denen auch Gründer nacheifern, die mit weniger Risikokapital auskommen wollen. Sie setzen zudem die alteingesessenen Unternehmen unter Druck, sich stärker mit der Digitalisierung zu befassen.

Das tut insbesondere dem mittelständisch geprägten Deutschland gut, in dem der Veränderungsdruck, den eine Börsennotierung mit sich bringt, vielen Unternehmen fehlt. Einhörner stimulieren zudem Risikofreude, indem der Wettbewerb der Ideen, aber auch der Geldmittel für alle sichtbar wird: derzeit etwa durch die Vielzahl der verschiedenen Elektroroller in den deutschen Großstädten. Aussterben dürften die Einhörner also so bald nicht. Sie sind eine neue Realität der globalen Wirtschaft – und ein Zeichen für ihre Vitalität. Sie sind ein Versprechen auf eine prosperierende Zukunft.

Mehr: Start-ups in den USA profitieren von risikobereiten Investoren. Das bringt Milliardenbewertungen, doch diese Strategie zahlt sich nicht immer aus.

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