Kommentar Endlich die Wahrheit

Der Chef der Eurogruppe spricht aus, was alle denken: Banken müssen nicht auf Kosten von Steuerzahlern gerettet werden. Er sollte zu dem stehen, was er gesagt hat.
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Oliver Stock ist Chefredakteur von Handelsblatt.com. Quelle: Pablo Castagnola

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(Foto: Pablo Castagnola)

Der Mut ist wie ein Regenschirm: Er fehlt einem, wenn man ihn am dringendsten braucht. Jeroen Dijsselbloem kennt das Phänomen. Erst hat er ein bisschen Mut gehabt und dann hat ihn der Mut verlassen, als er ihn brauchte. Dijesselbloem hat das Richtige gesagt, nur leider hat er den falschen Job, um unbequeme Wahrheiten zu verbreiten. Als Chef der Eurogruppe ist es nicht immer angebracht, Tatsachen auch als solche zu benennen. Das ist die bittere Erfahrung, die der talentierte Mr. Dijsselbloem, gerade macht. Dennoch könnte er zu dem stehen, was er sagt.

Dijsselbloem ist Nachfolger von Jean-Claude Juncker als oberster Kommunikationschef der Länder, die sich zum Euro bekennen. Sein Vorgänger hatte das Talent, immer nur so viel zu sagen, wie es gerade noch opportun, aber immerhin schon interessant war. Juncker wusste stets mehr und vor allem dachte er sich mehr, als er öffentlich eingestand. Und er vermochte es, dieses Wissen durchscheinen zu lassen, ohne es auszusprechen. Generationen von Zuhörern haben sich daran abgearbeitet, manche haben ihn dafür bewundert, andere sind daran verzweifelt. Sein Nachfolger macht nun das, was sich viele bei Juncker stets erhofften, was sie aber nie erlebt haben: Dijsselboom redet Tacheles.

In einem Interview bezeichnete er die Rettung Zyperns als „Blaupause“ für andere Länder. Kämen Banken künftig ins Trudeln, sei die Hilfe der Euro-Partner nicht automatisch garantiert. Nachdem die Worte gefallen und aufgeschrieben waren, nahm der Eurogruppen-Chef sie wieder zurück und berief sich auf Fremdsprachenschwierigkeiten – da waren die Märkte aber schon in Turbulenzen. Fremdsprachen hin, Märkte her – Dijsselbloem  hatte natürlich vollkommen recht.

Auf einem begrenzten Spielfeld namens Zypern proben die Euroretter derzeit das, was Politiker und Steuerzahler schon seit der Finanzkrise fordern: den Bail in, also die Beteiligung der Bank-Anleger und Bankkunden an der Rettung einer Bank. Es soll nicht mehr länger der europäische – und damit vor allem der deutsche – Steuerzahler gerade stehen, wenn sich eine Bank im Euroraum verhoben hat, sondern es sollen fast alle, die Geschäfte mit diesem Institut machen, beteiligt werden. Kleinsparer ausgenommen.

Genau darin besteht die Blaupause für künftige Rettungsaktionen. Genau das muss Banken klar sein, wenn sie in wacklige Geschäfte einsteigen.  Genau darüber müssen Anleger nachdenken, wenn sie mal wieder mehr als den üblichen Zinssatz versprochen bekommen. Und genau deswegen darf der Eurogruppen-Chef aussprechen, was alle denken. Seine Ungeschicklichkeit besteht einzig darin, zurück zu rudern, nachdem die entscheidenden Worte gefallen sind. Das war mutlos, lieber Herr Dijsselbloem.

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  • Der Holländer hat wohl nur aus dem Nähkästchen geplaudert..



    Zypern doch kein Einzelfall?

    Nach einem Bericht der Zeitung "Die Welt" liegt in Brüssel schon länger ein Gesetzentwurf vor, nachdem Sparvermögen über €100.000 zur Sanierung von Banken genutzt werden sollen.
    "Die Diskussion darüber läuft aber noch, es gibt dazu noch keine Einigung", sagte eine Sprecherin von EU-Binnenmarktkommissar Barnier.
    - Echtzeitnachricht


    Der finnische Ministerpräsident Jyrki Katainen hält die Beteiligung privater Anleger an den Kosten einer Bankenpleite grundsätzlich für eine richtige Idee.

    "Ganz Europa sollte zu einer normalen Marktwirtschaft werden, wobei sowohl Eigentümer als auch Investoren im Falle einer Bankenpleite Verluste hinnehmen müssen", sagte er laut Reuters.
    12:59 - Echtzeitnachricht


    Deutsche Bank -Chefvolkswirt David Folkerts-Landau begrüßt das Vorgehen bei der Zypern-Rettung: "Die Gläubiger von Banken und Staaten müssen herangezogen werden, bevor der europäische Steuerzahler zu Hilfe gerufen wird."

    09:53 - Echtzeitnachricht

  • Mitten ins Schwarze, Herr Stock.

  • Wozu braucht man nochmal ein Konto? Ich zahl bar oder mit Prepaid-Kreditkarte...

  • Ja und? Dann sind eben alle Kundeneinlagen futsch. Und bei der nächsten Einlage wird sich der Kunde etwas genauer mit der Banke seiner Wahl auseinandersetzen. Vielleicht schwant dem Kunden ja irgendwann einmal, dass es vielleicht besser ist, auf 1 oder 2 % Verzinsung zu verzichten, wenn er dafür einer soliden Bank sein Vertrauen schenkt. Und vielleicht werden dann viele Banken von vornherein darauf verzichten, riskante Anlagen mit dem Geld ihrer Kunden zu tätigen? Aus manchem Saulus ward schon ein Paulus!

  • Nö, Bankenpleite heißt nicht dass alles futsch ist, sondern nur, dass nicht mehr alle Verpflichtungen vollständig eingehalten werden können. Und bail-in bedeutet dass nicht Steuerzahler den Fehlbetrag ersetzen müssen sondern dass die Ein- und Anleger die Pleitebank bekommen und dann das Beste draus machen sollten. Und ausserdem gibt's ja noch die Einlagensicherung für die "kleinen" Sparer mit weniger als 100.000 auf dem Konto.

  • Bleiben Sie dabei Herr Dijsselbloem! Machen Sie endlich Schluß mit der unsäglichen Herumlügerei in Sachen "Eurorettung".
    Vielleicht steckt es ja an und ein wenig mehr Wahrheit und Ehrlichkeit gegenüber den Fakten macht sich breit.
    Der aufmerksame Bürger weiß doch eh Bescheid und glaubt der Politik nichts bis gar nichts.

  • "Wahrheit" in einem System auszusprechen, das darauf angelegt ist, Wahrheit weitgehend nicht zur Kenntnis zu nehmen, weil dadurch das "Vertrauen" gestört werden könnte, nämlich das Vertrauen von Kreditgebern, die in gutem Glauben ihr Geld einer Bank leihen, es auch wieder vollständig zurückzuerhalten, wenn möglich mit einem angemessenen Zins, wenn diese Vertrauen gestört ist und einem sich ausbreitendem Mißtrauen Platz macht, kann man in absehbarer Zeit das Gesamtsystem auf den Prüfstand stellen- und das wäre ein Paradigmenwechsel der besonderen Art.
    Ob das System, das auf Kredit beruht und zwar auch auf -"Kredit" als Glaubwürdigkeit-, ihn unbeschadet übersteht, bleibt abzuwarten.

  • Etwas wirtschaftlichen Sachverstand sollte man als Chefredakteur m.E.n. schon besitzen. Was ist den die Alternative. Die Bank nicht zu retten, heisst doch das ALLE Kundeneinlagen futsch sind. Schon mal daran gedacht??

  • So ist es!

  • Und wie sagten die alten Chinesen?
    "Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd!"

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