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Kommentar Es braucht Strukturwandel auf dem Arbeitsmarkt – oder es droht eine verlorene Generation

Das Kurzarbeitergeld ist ein falscher Anreiz, da strukturelle Mängel auf Firmenebene bleiben. Daher sollte die Politik lieber zukunftsfähige Jobs fördern.
03.06.2020 - 16:14 Uhr 2 Kommentare
Verglichen mit den USA steht der deutsche Arbeitsmarkt derzeit noch gut da. Doch gibt es keine Garantie, dass aus Kurzarbeitern nicht irgendwann doch Arbeitslose werden. Quelle: dpa
Die Arbeitsagentur in Zwickau

Verglichen mit den USA steht der deutsche Arbeitsmarkt derzeit noch gut da. Doch gibt es keine Garantie, dass aus Kurzarbeitern nicht irgendwann doch Arbeitslose werden.

(Foto: dpa)

Detlef Scheele wünscht sich eine Glaskugel, um in die Zukunft zu blicken. Die Coronakrise sei ohne Beispiel, sagt der Chef der Arbeitsagentur, niemand könne bisher sagen, wie sie auf den Arbeitsmarkt durchschlage. Bisher kommen die Horrornachrichten eher aus anderen Teilen der Welt.

In den USA gingen seit März mehr als 40 Millionen Anträge auf Arbeitslosenhilfe ein. Laut Internationaler Arbeitsorganisation hat weltweit ein Sechstel der Jugendlichen wegen Corona ihren Job verloren. Verglichen damit steht Deutschland bisher mit geschätzt sechs bis sieben Millionen Kurzarbeitern und einem noch moderaten Anstieg der Arbeitslosigkeit gut da.

Dass die Arbeitslosenzahl im Mai schon nicht mehr ganz so stark gestiegen ist wie im April, macht Hoffnung. Die Produktion läuft wieder an, Geschäfte und Restaurants füllen sich langsam, selbst der Tourismus wird nach jetzigem Stand die Sommersaison nicht komplett abschreiben müssen.

Wie rasch die erneute Trendumkehr auf dem Arbeitsmarkt gelingt, hängt entscheidend davon ab, ob eine erneute Ausbreitung von Covid-19 verhindert werden kann. Einen zweiten Shutdown würden zahlreiche Unternehmen wohl nicht überstehen, ein Rückfall in die dunklen Zeiten der Massenarbeitslosigkeit wäre nicht ausgeschlossen.

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    Auch wenn aus Gründen des Gesundheitsschutzes strenge Restriktionen zu lange aufrechterhalten werden, wird das zwangsläufig Jobs kosten. Ein Restaurant, das absehbar nur mit halber Kraft laufen kann, braucht eben auch nur die Hälfte des Personals. Da wird auch die Kurzarbeit auf Dauer nicht helfen.

    Geschäftsmodelle von gestern

    Das Infektionsgeschehen ist aber nicht der einzige bestimmende Faktor. Ob der Bandarbeiter in der Autofabrik, die Verkäuferin oder der Kellner ihren Job behalten, hängt auch davon ab, wie rasch die Kauflust der Verbraucher zurückkehrt und wie stark ihre Kaufkraft am Ende gelitten haben wird. Und ob das, was produziert wird, überhaupt noch jemand haben will.

    Das gilt besonders für die Autoindustrie, an der allein gut 800.000 Arbeitsplätze hängen, aber auch für Maschinenbauer, die ihre Produkte auf Energieeffizienz trimmen müssen, oder Dienstleister, denen noch ein digitales Geschäftsmodell fehlt. Der Klimawandel, die Mobilitätswende, die Digitalisierung sind mit Corona nicht über Nacht verschwunden.

    Die Politik hat es den Unternehmen mit mittlerweile sehr luxuriösen Regelungen zur Kurzarbeit leicht gemacht, den erforderlichen Umbau auf die lange Bank zu schieben. Corona darf nicht zum Feigenblatt dafür werden, den Strukturwandel weiter hinauszuzögern. Denn wenn die Produkte made in Germany später niemand haben will, dann hilft auch die großzügigste Kurzarbeitsregelung nicht weiter. Mit Geschäftsmodellen von gestern wird man auch nach Corona nicht zum Jobwunder von einst zurückkehren.

    Keine zusätzlichen Belastungen

    Darüber hinaus darf es auf dem Arbeitsmarkt jetzt nicht zu zusätzlichen Belastungen kommen. Eine Erhöhung der Lohnnebenkosten würde wie eine zusätzliche Beschäftigungsbremse wirken. Das weiß auch Arbeitsminister Hubertus Heil, der zumindest für die nahe Zukunft eine Erhöhung des Arbeitslosenbeitrags ausgeschlossen hat.

    Wenn Corona nicht doch tiefere Spuren am Arbeitsmarkt hinterlassen soll, dann muss der Steuerzahler durch die Pandemie bedingte Mehrausgaben in der Kranken- oder Arbeitslosenversicherung übernehmen.

    Stolz war Deutschland bisher auch immer auf seine im europäischen Vergleich niedrige Jugendarbeitslosigkeit. Doch durch den Wirtschaftseinbruch infolge der Viruspandemie droht auch hierzulande eine „verlorene Generation“ heranzuwachsen.

    Jugendliche, die gerade jetzt ihren ersten Job oder eine Lehrstelle suchen, sind arm dran. Sie haben Unterstützung verdient, denn es war der politisch verordnete Lockdown, der ihnen zumindest vorübergehend die Zukunftschancen geraubt hat. Auch Soloselbstständige sind meist völlig unverschuldet in Existenznöte geraten und haben mehr Unterstützung verdient als den Verweis auf die staatliche Grundsicherung.

    Die Politik nimmt Milliarden in die Hand, um die Wirtschaft wieder ans Laufen zu bringen. Jeder Euro, der hilft, zur früheren Beschäftigungsdynamik zurückzufinden, ist dabei gut angelegtes Geld. Sinnvoller als eine Zementierung der Kurzarbeit oder höhere Sozialleistungen sind dabei Investitionen in zukunftsfähige Arbeitsplätze und Anreize für Unternehmen, neue Jobs zu schaffen.

    Das können Entlastungen bei Steuern oder Sozialabgaben sein, eine bessere Förderung von Start-ups und forschenden Unternehmen oder Unterstützung für Betriebe, die trotz Corona mit ihrem Ausbildungsengagement nicht nachlassen.

    Wenn die schlimmste Rezession der Nachkriegsgeschichte nicht zu Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt führen soll – mit allen damit verbundenen Risiken für unser Sozialsystem und unseren Wohlstand –, dann kann es sich Deutschland nicht leisten, den Strukturwandel länger zu verschlafen und eine verlorene Generation zu riskieren. Denn sonst würde, wer jetzt eine Glaskugel hätte, in eine düstere Zukunft blicken.

    Mehr: Wegen Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit – Arbeitsagentur rechnet mit 36 Milliarden Euro Verlust

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    2 Kommentare zu "Kommentar: Es braucht Strukturwandel auf dem Arbeitsmarkt – oder es droht eine verlorene Generation"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Einfach nur mehr Geld ins System zu pumpen ist an Einfallslosigkeit ja kaum zu überbieten. Wirkliche Strukturreformen im Staat sind überfällig: Föderalismusreform, Steuerreform, (Das D-Wort lasse ich mal weg), Ausmistung der Gesetze und Vorschriften aka Bürokratieabbau.
      Die beschlossenen Maßnahmen werden keine nachhaltige Wirkung erzielen, allenfalls Mitnahmeeffekte. 6000 € Kaufprämie - reizt mich nicht zum Kauf. Komplett überflüssig

    • Wer keinen Job bekommt, sollte weitergebildet werden, es sei denn, man hat schon einen hohen Grad an Ausbildung erreicht. Sozialtransfers so lange ablehnen, bis die Ausbildung eines Menschen ein für seine Verhältnisse hohes Maß erreicht hat. Die Ausbildung muss aber vom Staat auch angeboten und finanziert werden. Lehrer in der Privatwirtschaft sind nicht teuer.

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