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Prototyp des Flugzeugbauers Lilium

Für ein Land, das so reich ist wie Deutschland, kann es nicht gut sein, seinen Anspruch auf die Kontrolle zukunftsweisender Technologien einfach so aufzugeben.

(Foto: dpa)

Kommentar Europa braucht mehr Start-ups, Start-ups brauchen mehr Risikokapital

In Europa boomt die Gründerszene, aber es mangelt an Kapital. Das muss sich ändern, sollen die besten Start-ups nicht nach China oder Amerika ziehen.
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Es ist selten, dass die Start-up-Welt in Europa den Amerikanern etwas voraushat, aber es kommt häufiger vor, als man gemeinhin so denkt. Zum Beispiel leben in Europa mehr Entwickler als in den USA. Europa hat starke Industrieunternehmen, die sich digitalisieren wollen, und tolle Universitäten.

Die Kombination aus allen drei Standortvorzügen könnte helfen, etwas von dem Vorsprung wieder wettzumachen, den das Silicon Valley schon seit so vielen Jahren in Sachen Digitalisierung innehat. Wenn nur das liebe Geld nicht wäre.

Einer am Dienstag veröffentlichten Studie des britischen Investmentfonds Atomico zufolge gibt es in Europa inzwischen 61 Unternehmen, die eine Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar erreicht haben, 18 davon allein in diesem Jahr. 70 Finanzierungsrunden sind abgeschlossen worden, über die mehr als 50 Millionen Euro investiert wurden. 5,7 Millionen Entwickler stehen europaweit bereit, um noch mehr Firmen zu gründen und innovative Produkte zu erfinden. Das ist alles großartig. Aber es ist nicht genug.

Zwar erreichen die Investitionen in europäische Start-ups mit jedem Jahr neue Rekordhöhen. Die Investmentfonds werden größer und die Renditen besser. Doch das ganz große Kapital lässt noch immer auf sich warten. 2018 wurden geschätzte 23 Milliarden Dollar in europäische Tech-Unternehmen investiert. In den USA waren es schon mehr als 60 Milliarden. In Asien auch.

Wenn deutsche Start-ups so groß geworden sind, dass sie mehr als 50 Millionen Euro brauchen, um den nächsten entscheidenden Schritt zu gehen, dann heißt es in der deutschen Venture-Capital-Szene inzwischen: Da müssen wir die Chinesen fragen.

Beim Flugzeugbauer Lilium sind sie mit eingestiegen und bei der digitalen Bank N26. Für die Unternehmen mag das gut sein. Für ein Land, das so reich ist wie Deutschland, kann es nicht gut sein, seinen Anspruch auf die Kontrolle zukunftsweisender Technologien einfach so aufzugeben.

Kapital ist in Deutschland und Europa eigentlich genügend vorhanden: Die europäischen Pensionsfonds zum Beispiel verwalten insgesamt ein Vermögen von vier Billionen Dollar, investierten in den vergangenen fünf Jahren aber nur 1,7 Milliarden Dollar in Fonds, die Start-ups finanzieren. In den USA sind diese Institutionen der mit Abstand größte Geldgeber für die Tech-Industrie.

In Deutschland hingegen stammen nur 1,7 Prozent des investierten Risikokapitals von Pensionsfonds. Der mit Abstand größte Investor hierzulande ist der Staat, darunter der Europäische Investmentfonds EIF.

Für die Zurückhaltung der Fonds gibt es gute Gründe, das hört man schon am Namen: Risikokapital, das ist riskant. Start-ups können bekanntlich hoch fliegen, aber auch tief fallen. Pensionsfonds, das sind in Deutschland vor allem die Lebensversicherer, verwalten die Altersvorsorge ihrer Kunden. Damit sollen sie nicht zocken. Das verbietet ihnen schon der Gesetzgeber.

Gehandelt werden muss jetzt

Er verbietet ihnen nicht, Geld zu verdienen. Das tun sie bislang aber lieber mit Anlageformen, mit denen sie sich auskennen. Bei den Start-ups muss man lange warten, bis man weiß, ob das Investment sich auszahlt. Die Tech-Fonds haben in der Regel eine Laufzeit von zehn Jahren. Da die Europäer noch nicht so lange in Sachen Risikokapital unterwegs sind, haben die meisten von ihnen auch noch keine belastbare Erfolgsbilanz, die sie vorzeigen können.

Trotzdem: Gehandelt werden muss jetzt. Notfalls eben wieder mit staatlicher Unterstützung. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat das Problem erkannt und die Verantwortlichen zum Gespräch gebeten. Zum Investieren zwingen kann er sie nicht. Aber Anreize schaffen. In Dänemark zum Beispiel gibt es einen Dachfonds, in dem der Staat die Risiken der Pensionsfonds abfedert.

Für so eine Lösung werben die Lobbyisten der deutschen Start-up-Szene. Würden die tausend größten Pensionskassen und Versorgungswerke Europas nur 0,7 Prozent ihres für die Altersvorsorge vorgesehenen Kapitals investieren, rechnen sie vor, könnte der Abstand zu den USA und Asien aufgeholt werden.

Wofür auch immer sich die Politik entscheidet, eine Lösung muss jetzt zügig her. Und sie muss groß sein. Chinesen und Amerikaner warten nicht darauf, dass deutsche Versicherer sich sicher genug sind, um zu investieren.

Es ist ja auch nicht so, dass Unternehmen sich überhaupt nicht für Start-ups interessieren. Schließlich greifen die Fintechs, beziehungsweise die Insurtechs, gerade massiv das ureigene Geschäftsmodell der Finanzbranche an. Ihr eigenes Geld investieren sie darum sehr wohl in Start-ups. Allianz beispielsweise hat sich bei N26 eingekauft.

Das zeigt: Viel riskanter, als Geld in Start-ups zu investieren, ist es für eine Gesellschaft, kein Geld in Start-ups zu investieren. Und damit zu riskieren, dass Deutschland und Europa ihr digitales Potenzial verschlafen. Diese Erkenntnis muss sich aber noch herumsprechen.

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