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Kommentar Europa muss endlich raus aus der digitalen Defensive

Wenn Deutschland und die EU in der Digitalwirtschaft aufholen wollen, brauchen die Menschen Bildungsperspektive. Und etwas mehr missionarischen Eifer.
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Will Europa bei Innovationen vorne mit dabei sein, braucht es mehr Zuversicht bei der Annahme der Digitalisierung. Quelle: dpa
Digitalisierung

Will Europa bei Innovationen vorne mit dabei sein, braucht es mehr Zuversicht bei der Annahme der Digitalisierung.

(Foto: dpa)

Auf die Herausforderungen des digitalen Wandels reagieren Politiker, Unternehmer und selbst erklärte Zukunftsforscher in Europa reflexhaft mit zwei Rezepten: Sie fordern mehr Regulierung, um die Digitalmächte USA und China sowie Google, Amazon oder Baidu zu zähmen. Oder sie fordern angesichts der rasanten Automatisierung der Wirtschaft wieder einmal die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens. 

Beide scheinbaren Allheilmittel verfehlen die nötige Wirkung. Sie können die Auswirkungen vielleicht mildern und abfedern. Aber es sind defensive Schritte, keine, mit denen man gestaltet. Dabei muss Europa dringend raus aus der Defensive. Es sollte den technologischen Wandel mit mehr Optimismus angehen.

Zuversicht ist nötig, wenn man bei den Innovationen vorne mit dabei sein will. Die Kernfrage dabei wird sein, den von der Digitalisierung verunsicherten Menschen eine Bildungsperspektive zu geben, mit der sie die Herausforderung optimistischer annehmen können.

Bislang jedoch herrscht eher lähmende Angst in Europa. Einer Studie der PR-Agentur Edelman zufolge fühlen sich fast 60 Prozent der Arbeitnehmer nicht gut genug für die Digitalisierung ausgebildet. 55 Prozent fürchten, ihr Job werde von Robotern übernommen. Wer sollte sie auch eines Besseren belehren? Ihren Arbeitgebern fehlt ja ebenfalls eine positive Vision – oder auch nur der Kontakt mit der digitalen Welt und ihren Werkzeugen.

Laut Zahlen des Brüsseler Thinktanks „European Political Strategy Centre“ (EPSC) arbeiten gerade zehn Prozent der kleinen und mittelgroßen Firmen und 25 Prozent der Großkonzerne in Europa mit Big-Data-Anwendungen. Das reicht längst nicht, um positive Erfahrungen mit dem technologischen Wandel zu machen.

Doch mit der Digitalisierung verhält es sich wie mit einer Fahrt im autonomen Auto. Wer schon mal drin saß, spürt sofort, wie sicher ein Roboter navigiert. Schnell fühlt sich die Fahrt geradezu langweilig an. Wer aber noch nie Erfahrung mit der Digitalisierung gemacht hat, der zögert mit dem Einsteigen.

Dabei müsste Europa gerade jetzt alle Kraft auf Kreativität und Wissen legen, denn die Entwicklung digitaler Technologie ist eine Überlebensfrage.

Die Verunsicherung ist nachvollziehbar

Die Verunsicherung der Menschen ist auch deswegen nachvollziehbar, weil derzeit niemand wirklich die Frage beantworten kann, wie viele und welche Jobs künftig von Künstlicher Intelligenz übernommen werden. Das zeigte sich am Wochenende auf der Burda-Digitalkonferenz DLD wieder einmal sehr deutlich.

Laut Deutsche-Post-Chef Frank Appel müssen wir uns darauf einstellen, dass zahlreiche Arbeitsplätze künftig von Maschinen übernommen werden oder sich durch Künstliche Intelligenz massiv verändern. Es gebe keine Garantie, dass der aktuelle Job in zehn bis 15 Jahren noch existiere.

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Optimistischer gibt sich Kai-Fu Lee, der ehemalige Präsident von Google China und heutige Investor in Künstliche Intelligenz. Er sieht zwar einen radikalen Wandel, befürchtet jedoch keine Massenarbeitslosigkeit. Künstliche Intelligenz werde trotz all ihrer umwälzenden Kraft auch zahlreiche Arbeitsplätze verschonen, glaubt er.

In den kommenden 15 Jahren würden die Roboter zwar zahlreiche Jobs übernehmen, doch für viele Arbeiten seien Maschinen längst nicht gut genug, etwa bei kreativen Arbeiten oder strategischer Planung. Das gelte auch für Arbeitsplätze, die den Kontakt mit Menschen erforderten wie bei Lehrern, Krankenschwestern, Pflegern oder Ärzten.

Künstliche Intelligenz könne nicht Vertrauen, Empathie und Mitgefühl im zwischenmenschlichen Umgang vortäuschen. Die Digitalisierung bietet damit also die Chance für mehr Menschlichkeit.

Es braucht einen Perspektivwechsel in Europa

Europa und vor allem Deutschland sollten diese Chance nutzen. Dazu braucht es aber einen Perspektivwechsel: Es wirkt oft so, als wollten die Europäer die Zukunft aufhalten, anstatt sie mitzugestalten. Sicher, detaillierte Richtlinien für Privatsphäre und Datenschutz sind wichtig und richtig.

Aber sie helfen letztlich vor allem den Giganten, die die neue Bürokratie besser stemmen können als Start-ups. Und die monatliche Überweisung aufs Konto wie bei einem garantierten Mindesteinkommen ersetzt nicht das Gefühl, gebraucht zu werden, sondern macht depressiv. Was gibt es Schlimmeres als den Verlust des Selbstwertgefühls?

Stattdessen brauchen die Menschen eine Perspektive, die ihnen das Vertrauen gibt, auch in einer digital geprägten Welt noch gebraucht zu werden. Es geht letztlich um eine positive Vision von der Digitalisierung. Dafür sind Bildungsinitiativen nötig, die Möglichkeiten zum notwendigen lebenslangen Lernen bieten. Und dafür sind Unternehmer und Manager nötig, die mit ihrer Vision die Menschen ins Digitalzeitalter mitnehmen.

Der missionarische Eifer der Chefs aus dem Silicon Valley wird oft belächelt. Doch ein bisschen mehr von diesem Spirit könnte Europa gerade gut gebrauchen.

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