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Kommentar Europa muss mehr tun, um erfolgreiche Start-ups zu halten

Die Gründerszene in Berlin und Paris ist inzwischen so gut, dass sie Investoren weltweit überzeugt. Doch es droht ein Ausverkauf der Gründungen und ihrer Innovationen.
25.11.2019 - 04:00 Uhr Kommentieren
Alexander Rinke, Bastian Nominacher, Martin Klenk wollen mit ihrem Start-up Schwachstellen in Unternehmen aufdecken. Quelle: Celonis
Die Gründer von Celonis

Alexander Rinke, Bastian Nominacher, Martin Klenk wollen mit ihrem Start-up Schwachstellen in Unternehmen aufdecken.

(Foto: Celonis)

Die Gründer des jungen Münchener Software-Start-ups Celonis sind zu beneiden. Seit 2016 konnten sie 370 Millionen Dollar bei Risikokapitalgebern einsammeln. Die ersten Jahre nach der Gründung 2011 waren sie noch mit eigenem Geld ausgekommen, doch inzwischen sind sie überzeugt: Ihre Analyselösung kann weltweit ein Knüller werden – nach dem Muster des großen deutschen Vorbilds SAP.

Doch das Geld, das für die Expansion bereitsteht, stammt zum größten Teil nicht aus Deutschland, nicht einmal aus Europa. Angeführt wird die jüngste Finanzierungsrunde vom Investor Arena aus Ohio. Damit steht Celonis nicht allein: Hinter den großen Finanzierungsrunden etwa für den Reise-Event-Vermittler Getyourguide und die App-Bank N26 in diesem Jahr standen in erster Reihe Investoren aus Übersee.

Auch bei der Verleihung des Digitalpreises „The Spark“ gab es daher ein großes Thema an den Tischen: Kann Europa den Ausverkauf der Start-ups und ihrer Innovationen verhindern? Dabei sind die Investments aus Amerika und Asien zunächst ein gutes Zeichen: Die Gründerszene in Berlin und Paris ist inzwischen so gut, dass sie Investoren weltweit überzeugt.

Doch Europa muss etwas gegen das Ungleichgewicht tun. Es geht nicht darum, ausländisches Geld auszusperren, sondern darum, mit zusätzlichem Geld von europäischen Investoren dafür zu sorgen, dass die jungen Wachstumsunternehmen in Europa feste Wurzeln schlagen. Das hält Innovation und Arbeitsplätze auf dem Kontinent.

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    Der Engpass liegt nicht mehr beim Startkapital. Die öffentliche Förderung etwa durch die Europäische Investitionsbank und nationale Förderbanken wirkt hier. Gründer mit guten Ideen können heute oft zwischen mehreren interessierten Fonds auswählen, die Startkapital bis hin zu niedrigen zweistelligen Millionenbeträgen geben wollen.

    Strukturelle Ursachen

    Nur: Die typischen europäischen Risikokapitalfonds sind vergleichsweise klein. Die späteren, großen Wachstumsrunden mit dreistelligen Millionenbeträgen können sie nicht stemmen. Brüssel hat den Handlungsbedarf erkannt. Die EU plant einen bis zu 3,5 Milliarden Euro schweren Förderfonds für größere Wachstumsrunden. Doch das allein reicht nicht aus.

    Denn der Geldmangel hat strukturelle Gründe. Anders als in den USA fallen Pensionskassen und Versicherer als Geldgeber für Risikokapitalfonds weitgehend aus. Dabei haben allein die deutschen Lebensversicherer knapp eine Billion Euro Kapitalanlagen. Auch wegen strenger Vorgaben wie der Solvency-II-Richtlinie fließt das Geld jedoch ganz überwiegend in festverzinsliche Anleihen.

    Für die Versicherten ergibt das einen zuverlässigen, aber mageren Zins von zuletzt um die drei Prozent – auch, weil sie von den hohen Renditen vieler Risikokapitalfonds nicht profitieren. Rentenversicherungen ohne Garantiezins, die stärker in Private Equity investieren, sind noch ein Nischenprodukt.

    Im Ergebnis fehlt der europäischen Gründerszene das Geld der Rentenversicherer. Immerhin steuert Brüssel bereits nach und will so die Versicherer zu mehrjährigen Anlagen in Private Equity – darunter Gründerkapital – bewegen. Doch auch andere müssen mutiger werden. Viel Kapital in Deutschland liegt in der Hand von Familienunternehmern. Das alte Geld scheut bislang zu oft das Risiko der jungen Anlageklasse Venture-Capital.

    Zudem muss Europa Investoren bessere Exit-Möglichkeiten bieten. Es liegt in der Natur von Risikokapitalfonds, dass sie nach fünf bis zehn Jahren Laufzeit einen Ausstieg aus ihren Investments schaffen müssen. Ihr Geschäftsmodell ist es, nur ein Anteilseigner auf Zeit zu sein – und mit möglichst hohem Gewinn zu verkaufen.

    In Europa gibt es jedoch zum einen im Vergleich zu den USA weniger Unternehmen, die wie etwa Google und Apple innovative Technikunternehmen für hohe Preise aufkaufen. Vielen europäischen Konzernen fehlt das Spielgeld oder die Möglichkeit, eigene Aktien als Akquisitionswährung einzusetzen.

    Zum anderen sind in Europa die Möglichkeiten für Börsengänge beschränkt. Auch deshalb blickt etwa der Berliner Limousinenservice Blacklane bereits nach Amerika, um in einigen Jahren dort an die Börse zu gehen. Für die Geldgeber kann es sich beim Exit finanziell auszahlen, europäische Unternehmen nach Amerika verlagert zu haben.

    Immerhin: Europa hat die Möglichkeit umzusteuern. Brüssel geht das Problem auf mehreren Ebenen an, Berlin hat Steuergesetze bereits angepasst – sogar besser als die Schweiz. Junge Unternehmen wie Teamviewer beweisen, dass auch hierzulande erfolgreiche Börsengänge möglich sind. Und die Start-up-Szene verzeichnet steigendes Interesse von Family-Offices.

    Noch reicht das nicht aus, um den Enthusiasmus der Gründer zuverlässig in langfristige europäische Geschäftsmodelle zu verwandeln. Ein Anfang ist gemacht, doch Europa muss mehr tun, um erfolgreiche Gründungen zu behalten – die Politik, die Investoren, aber auch mancher Gründer selbst.

    Mehr: Noch gibt es keinen einheitlichen Rahmen für digitale Finanztechnologien in Europa. Eine neue Studie formuliert nun Vorschläge, wie das geändert werden kann.

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