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Kommentar Europäische Agrarsubventionen zerstören die Natur

Die europäische Agrarpolitik vernichtet unsere Lebensgrundlage. Die Union hilft dabei aktiv mit. Das muss dringend aufhören – im Sinne der Natur.
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Die massiven EU-Subventionen für die Agrarwirtschaft sind umstritten, da sie hauptsächlich die industrielle Landwirtschaft fördern. Quelle: dpa
Trecker auf dem Feld

Die massiven EU-Subventionen für die Agrarwirtschaft sind umstritten, da sie hauptsächlich die industrielle Landwirtschaft fördern.

(Foto: dpa)

Der Mensch führt Krieg gegen die Natur – und alles Leben droht zugrunde zu gehen. Weltweit sind rund eine Million Pflanzen- und Tierarten akut vom Aussterben bedroht, meldete der Biodiversitätsrat der UN.

In Deutschland schrumpfte der Bestand fliegender Insekten in drei Jahrzehnten um 75 Prozent, berichtete eine internationale Forschergruppe. Millionen Singvögel sind aus Europa verschwunden, warnte der Naturschutzbund Nabu.

Die Lerche und das Rebhuhn trifft man kaum noch an, und selbst Allerweltsvögel wie Meisen oder Stare werden seltener. Wenn wir so weitermachen, herrscht auf Feldern und in Wäldern bald Grabesruhe.

Wollen wir es wirklich so weit kommen lassen? Über die Antwort auf diese existenzielle Frage wird in Brüssel entschieden: 55 Milliarden Euro gibt die EU jährlich für die Agrarpolitik aus. Das ist immer noch der mit Abstand größte Posten im europäischen Haushalt, was an sich schon die Frage aufwirft, ob die EU im Zeitalter der Digitalisierung die richtigen Prioritäten setzt.

Von dem Geldregen profitiert vor allem die industrielle Landwirtschaft. Je mehr Flächen und Vieh, desto üppiger fließen die EU-Subventionen. Der Einsatz von Pestiziden, Düngemitteln und Antibiotika spielt dabei keine Rolle – obwohl die Agrochemie die Hauptschuld trägt für das Massensterben an der grünen Front.

Bauern, die sich um die Natur sorgen, sind auf verlorenem Posten. Mit der Mehrfruchtfolge lassen sich Düngemittel einsparen. Feldraine und Hecken helfen Vögeln und Insekten. Mit artgerechter Nutztierhaltung sinkt die Antibiotikabelastung im Fleisch.

Doch landwirtschaftlicher Naturschutz verursacht Kosten, die sich im Preis der Lebensmittel niederschlagen. Allenfalls zertifizierte Biobauern können sich das leisten. Konventionelle Landwirte müssen auf Masse statt Klasse setzen, um im gnadenlosen Preiskampf zu überleben.

Mit Marktwirtschaft hat das alles nichts zu tun. Die immer höheren Folgekosten der staatlich geförderten Naturzerstörung gehen in die Marktpreise ja nicht ein. Beispiel Trinkwasser: Weil die Massentierhaltung monströse Ausmaße erreicht hat, bringen die Landwirte seit Jahren zu viel Gülle auf die Felder.

Die Wasserwirtschaft schlägt wegen des steigenden Nitratgehalts Alarm: Bald müssten teure Filteranlagen her. Dafür zahlen werden dann alle Verbraucher – egal, ob sie Billigschnitzel im Supermarkt kaufen oder ob sie Vegetarier sind. Und die Verursacher, nämlich die Landwirte, bleiben außen vor.

Unser Agrarsystem ist krank, und nur die EU kann es heilen. Der Augenblick dafür wäre jetzt eigentlich günstig. Die europäische Staatengemeinschaft gibt sich alle sieben Jahre einen neuen mittelfristigen Haushaltsplan. Der nächste Finanzrahmen tritt 2021 in Kraft. Die Verhandlungen sind in vollem Gange. Das wäre die Chance, die Agrarpolitik endlich auf einen halbwegs umweltkompatiblen Kurs zu bringen.

Doch die wichtigsten Entscheidungsträger in Brüssel tun nichts dafür. Der irische EU-Agrarkommissar Phil Hogan will an den Flächenprämien, die Naturzerstörung belohnen, nichts ändern. Darin ist er sich einig mit den beiden größten EU-Staaten. Deutschland und Frankreich haben kein Interesse an Reformen.

In Deutschland ist es vor allem die CDU/CSU, die am Status quo festhalten will. Die Direktzahlungen an die Landwirte seien „unverzichtbar“ und müssten „in bisheriger Höhe“ erhalten bleiben, heißt es im Programm der Union für die Europawahl. Im Agrarausschuss des Europaparlaments stimmten die Christdemokraten im April fast geschlossen für ein „Weiter so“ in der Agrarpolitik.

Die Grünen hatten gefordert, Flächenprämien mit Umweltauflagen zu verknüpfen und für die größten Betriebe zu kappen. Sie wurden abgeschmettert – nicht nur von der christdemokratischen EVP, sondern auch von der liberalen Alde, die dem französischen Präsidenten nahesteht.

Warum schert sich eine Partei mit dem christlichen C im Namen so wenig um die Erhaltung unserer natürlichen Lebensgrundlagen? Eine mögliche Antwort findet sich in einer Studie der Universität Bremen. Die Forscher weisen darin eine enge Verflechtung der CDU/CSU-Agrarpolitiker mit dem Deutschen Bauernverband und mit der Agrarindustrie nach.

Abgeordnete der Union sitzen in Aufsichts- und Beiräten von Großmolkereien, Agrarchemiefirmen und ihren Interessenverbänden. Dieses über Jahrzehnte gewachsene Netzwerk hat selbst umstrittenste agrarpolitische Entscheidungen fest im Griff.

Etwa im November 2017, als die EU die Zulassung des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat um fünf Jahre verlängerte. Ex-Bundeslandwirtschaftsministers Christian Schmidt (CSU) gab damals den Ausschlag.

Die EU ist seit ihrer Gründung für Landwirtschaft zuständig. Auf keine andere Branche hat sie so viel Einfluss. Bei der Europawahl steht daher viel auf dem Spiel. Wenn Parteien gewinnen, die keine Distanz zur Agrarlobby haben, zahlt die Natur den Preis dafür.

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2 Kommentare zu "Kommentar: Europäische Agrarsubventionen zerstören die Natur"

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  • Gut, dass es Parteien wie die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) gibt, die sich den Artenschutz auf die Fahne geschrieben haben und eine naturverträgliche Landwirtschaft fordern. Erst in diesem Jahr hat sie in Bayern für Aufsehen gesorgt, als das von ihnen initiierte Volksbegehren für mehr Artenschutz so erfolgreich war. Diesen Erfolg wollen sie jetzt durch eine europäische Bürgerinitiative mit ähnlichen Forderungen fortsetzen (wesavebees.eu).
    Durch eigens auferlegte Regeln wie das Verbot von Firmenspenden sind sie auch unabhängig vom Bauernverband und ähnlich mächtigen Lobbyvertretern. Im Gegensatz, eine bäuerliche naturverträgliche nachhaltige Landwirtschaft wird explizit gefordert.

  • klare Worte, auf den Punkt.
    vielen Dank