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Firmenschild an der Wirecard-Zentrale

Der zweite schwere Betrugsskandal in einem Dax-Konzern binnen fünf Jahren wirft Fragen nach dem deutschen Korporatismus auf.

(Foto: dpa)

Kommentar „Fake in Germany“: Der Fall Wirecard schadet Deutschland und Europa

Für die deutsche Finanzaufsicht Bafin ist der Skandal um den Zahlungsdienstleister ein Desaster. Doch die Bedeutung des Falls reicht weit über die Behörde hinaus.
24.06.2020 - 04:00 Uhr 2 Kommentare

Ehrlich und fleißig, effizient und gründlich: Es sind nicht zuletzt diese vermeintlichen teutonischen Tugenden, die dem Markenzeichen „made in Germany“ zu einer einzigartigen weltweiten Reputation verhalfen und die zum Exporterfolg der deutschen Industrie nicht wenig beitrugen.

Es gehört schon einiges dazu, ein derart fest in den Köpfen der ganzen Menschheit verankertes Saubermannklischee zu zerstören. Unmöglich ist es aber nicht, wenn man sich nur ordentlich anstrengt und einen Betrugsskandal nach dem anderen produziert.

Dass renommierte deutsche Konzerne lügen und betrügen, ist an sich schon schlimm genug. Wenn Bundesbehörden dieses Fehlverhalten jahrelang dulden, wird es vollends unerträglich. Im Fall von VW war es das Kraftfahrt-Bundesamt, das großzügig über eklatante Rechtsverstöße hinwegsah.

Nun ist die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht an der Reihe: Man könnte meinen, dass die Bafin von der frisierten Bilanz bei Wirecard nichts bemerken wollte. Wie sonst ist es zu erklären, dass die Behörde Journalisten der „Financial Times“ mit einer Klage überzog, statt den Betrugsvorwürfen gegen das Unternehmen nachzugehen?

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    Für die Bafin ist das Ganze ein Desaster, wie ihr Chef Felix Hufeld jetzt zugeben muss. Doch die Bedeutung des Falls reicht weit über die Behörde hinaus. Der zweite schwere Betrugsskandal in einem Dax-Konzern binnen fünf Jahren wirft Fragen nach dem deutschen Korporatismus auf.

    Verdacht der ungesunden Nähe

    Der Chef der Finanzaufsichtsbehörde Bafin hat Fehler im Wirecard-Skandal eingeräumt. Quelle: Bloomberg
    Felix Hufeld

    Der Chef der Finanzaufsichtsbehörde Bafin hat Fehler im Wirecard-Skandal eingeräumt.

    (Foto: Bloomberg)

    Der Verdacht steht im Raum, dass Staat und Großunternehmen eine ungesunde Nähe zueinander entwickelt haben. Böse Zungen würden es systematische Kungelei nennen, die selbst vor kriminellen Machenschaften nicht immer zurückschreckt.

    Der daraus resultierende Imageschaden ist nicht zu unterschätzen. Wie sollen Investoren und Kunden deutschen Unternehmen eigentlich noch vertrauen, wenn auf die Gesetzestreue der Manager und auf die staatliche Aufsicht kein Verlass mehr ist?

    Dass der Fall Wirecard ausgerechnet die in Europa unterentwickelte Tech-Branche trifft, macht die Sache nicht besser. Gegen die IT-Giganten in China und den USA kommt die EU sowieso kaum an. Nun manövriert sich ausgerechnet einer der wenigen großen europäischen Spieler auf dem Feld der Digitalisierung selbst ins Aus.

    So verwundert es nicht, dass der Fall Wirecard die EU aufgeschreckt hat. Im Europaparlament fordern einzelne Abgeordnete bereits einen Untersuchungsausschuss. Die EU-Kommission sorgt sich, weil die Finanzaufsicht im größten Mitgliedstaat schon wieder suboptimal gearbeitet hat.

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    Bereits die Finanzkrise von 2008 hatte gewaltige Aufsichtslücken zutage gefördert. Die Folgen sind bis heute spürbar. Noch vergangenes Jahr musste der Staat die NordLB vor der Pleite bewahren. Nirgendwo kam die Bankenrettung die Steuerzahler so teuer zu stehen wie in Deutschland. Und nach wie vor ringen die beiden größten deutschen Privatinstitute um ihr Geschäftsmodell. Der deutsche Finanzsektor gilt als geschwächt – auch eine Konsequenz schwacher Aufsichtsbehörden.

    Schaden für den europäischen Kapitalmarkt

    Der EU kann das alles nicht egal sein. Deutsche Finanzskandale fallen in Brüssel schon allein deshalb besonders auf, weil der größte Mitgliedstaat als Zugpferd der europäischen Wirtschaft nicht ins Straucheln geraten darf.

    Zudem schlagen Zweifel internationaler Investoren an deutschen Unternehmen unmittelbar auf den europäischen Kapitalmarkt durch. Der dümpelt vor sich hin und kann mit der Wall Street nicht im Entferntesten Schritt halten. Die EU-Kommission würde das gerne ändern.

    Seit Jahren ringt die Brüsseler Behörde darum, nationale regulatorische Barrieren einzureißen, um den europäischen Binnenmarkt attraktiver für Kapital aus Drittstaaten zu machen. Betrugsaffären in Deutschland sind dabei alles andere als hilfreich.

    Ob die EU als Konsequenz aus dem Fall Wirecard Finanzgesetze wie die Wirtschaftsprüfer-Richtlinie verschärft oder ob sie die nationale Aufsicht stärker an die europäische Kandare nimmt, kann man noch nicht absehen. Klar ist allerdings, dass sich die Deutschen die für sie typische Besserwisserei immer weniger leisten können.

    Der größte Mitgliedstaat ist – ähnlich wie sein kleinerer Nachbar die Niederlande – bekannt dafür, gerne mit dem Finger auf die Fehler anderer zu zeigen, die Einhaltung von Regeln einzufordern und Lektionen zu erteilen. An die lautstarke deutsche Kritik an der mangelhaften italienischen Bankenaufsicht wird man sich in Südeuropa vielleicht wieder erinnern – jetzt, da die deutsche Finanzaufsicht wenig glanzvoll dasteht.

    Das manchmal an Überheblichkeit grenzende Selbstbewusstsein gründet sich auf den großen wirtschaftlichen Erfolgen unseres Landes. Doch nun haben es die Deutschen mit einer schwächelnden Bankenbranche, einer schrumpfenden Autoindustrie und einer existenziell bedrohten Luftfahrt zu tun. Einen Betrugsskandal im Dax braucht man in dieser Situation noch weniger als sonst.

    Mehr: Was Privatanleger aus dem Wirecard-Crash lernen können

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    2 Kommentare zu "Kommentar: „Fake in Germany“: Der Fall Wirecard schadet Deutschland und Europa"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Dazu fallen mir zwei -völlig verschiedene- Punkte ein: 1) viele, auch ich, haben Aktien von wirecard im Vertrauen auf ein in Deutschland funktionierendes Kontrollsystem gekauft; dieses Vertrauen ist erstmal erschüttert. 2) offensichtlich hat das Geschäft von wirecard profitabel funktioniert, man könnte also auch überlegen ob es tatsächlich Treuhandkonten in dieser Höhe hätte geben müssen.

      Wie auch immer, auf dem Weg weg von der Auto/Industrieproduktion hin zur Internet/Daten/Digitalwirtschaft sind wir alle erstmal gestolpert und lernen hoffentlich daraus.

    • Verständlich, dass sogar die EU hochgeschreckt ist. Das ständig so hochgelobte Finanzsystem in Deutschland steht doch vor einem beschämenden Totalschaden:
      EY testiert über Jahre Bilanzen, in denen höchstwahrscheinlich ein Viertel des ausgewiesenen Eigenkapitales überhaupt nicht existiert hat.
      Dutzende Analysten aller renommierten Institute gaben noch wenige Tage vor dem Crash Kaufempfehlungen mit waghalsigen Kurszielen. Vielleicht wird das auch noch zum Thema, warum ausgerechnet dabei die Commerzbank mit an der Spitze derartiger "Analysen" lag - und gleichzeitig einer der Haupt-Kreditgeber ist.
      Die Frage ist, was von diesen Profis analysiert wurde - die aktuellste Werbe-Broschüre?
      Und dann natürlich die BAFIN: Eine Behörde mit 2700 Mitarbeitern, die "ein funktionsfähiges, stabiles und integres deutsches Finanzsystem gewährleisten soll, dem Bankkunden und Anleger vertrauen können", so die Behörde auf ihrer website. Tiefschlaf in Verbindung mit einem seit Jahren sehr eigenwilligen Umgang mit Wirecard-Kritikern. Chapeau!

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