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Kommentar Fall Wirecard: Am Ende könnte nur eine halbherzige Reform übrigbleiben

Eigentlich sind sich alle Beteiligten einig, dass sich der Wirecard-Skandal nicht wiederholen darf. Doch keiner möchte so recht Verantwortung übernehmen.
07.12.2020 - 19:22 Uhr Kommentieren
Im Fall Wirecard wird der Schwarze Peter von allen Seiten weggeschoben. Quelle: Kostas Koufogiorgos
Karikatur

Im Fall Wirecard wird der Schwarze Peter von allen Seiten weggeschoben.

(Foto: Kostas Koufogiorgos)

In der Aufarbeitung des Wirecard-Skandals sind die Erwartungen riesig. Alle Beteiligten, von Politik über Finanzaufsicht, Aufsichtsräte bis hin zu den Wirtschaftsprüfern und deren Kontrollbehörden, waren und sind sich einig: Man muss alles dafür tun, dass der deutsche Finanzplatz nicht noch einmal so ein Debakel erleben muss.

Mittlerweile beschleicht einen aber das Gefühl, dass dies so ernst nicht gemeint ist. Denn wenn es um detaillierte Aufklärung und konkrete Konsequenzen geht, so ist allerorts ein lautes „Aber“ zu hören. Man verschanzt sich. Im eigenen Garten mag man die Wurzeln für die skandalösen Auswüchse bei Wirecard nicht so recht erkennen.

Stattdessen wird auf die Verantwortung der anderen Beteiligten verwiesen – wo dann auch bitte schön die Konsequenzen gezogen werden müssen.

Das fängt bei der Verantwortung der Wirtschaftsprüfer an. Es ist noch immer unklar, was genau bei den Bilanztestaten von EY als Abschlussprüfer passiert ist. Das liegt zum großen Teil am anhaltenden Schweigen der zuständigen EY-Mitarbeiter. Sie pochen auf ihre Verschwiegenheitspflicht, was für sie nachvollziehbar erscheinen mag, aber zu einer für alle Seiten mittlerweile unerträglichen Situation führt.

Noch bemerkenswerter aber ist der Blick auf die Prüferbranche insgesamt. Was stand im Sommer 2020 nicht alles an Kritik und Reformforderungen im Raum. Im Kern ging es darum, Betrug bei den Unternehmen besser aufdecken zu können, also die ganze Abschlussprüfung stärker darauf auszurichten. Das spiegelte auch die Erwartung der Öffentlichkeit an die Leistung eines Abschlussprüfers wider.

Davon ist nicht mehr viel die Rede. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften argumentieren, dass man beim Ziel, einen neuen Fall Wirecard zu vermeiden, nicht bei ihnen ansetzen dürfe. Sie sehen vor allem die Aufsichtsräte in den Unternehmen in der Verantwortung, die von schärferen Corporate-Governance-Regeln in die Pflicht genommen werden müssten.

Werden die Kontrolleure in den Aufsichtsgremien darauf angesprochen, winken sie allerdings ab. So ergab jüngst eine Umfrage unter Aufsichtsräten, dass sie überhaupt keine Konsequenzen aus dem Fall Wirecard für ihre Arbeit für notwendig erachten. Sie verweisen darauf, dass man gegen Betrug eben nichts machen könnte.

Der Reigen zieht weiter zur Politik und zu verantwortlichen Behörden wie der Finanzaufsicht Bafin und der Prüferbehörde Apas. Auch stiehlt man sich aus der Verantwortung. Das Eingeständnis, dass im Aufsichtssystem etwas gründlich schiefgelaufen ist, will niemand so recht abgeben.

Die Bundesregierung ist immerhin tätig geworden und hat einen Entwurf für ein Gesetz zur Stärkung der Finanzmarktintegrität (FISG) vorgelegt. Kapitalmarktorientierte Firmen müssen ihren Abschlussprüfer künftig alle zehn Jahre wechseln, zudem wird noch stärker zwischen Prüfung und Beratung getrennt.

All das ist aber nur die Erfüllung von Forderungen, die die EU-Kommission schon vor sechs Jahren aufgestellt hat – und es ist sicherlich trotz aller öffentlich vorgetragenen Klagen kein schmerzhafter Schnitt für die Wirtschaftsprüfer.

Die Pläne zur höheren Haftung für Abschlussprüfer als abschreckendes Mittel werden derzeit noch von der Lobby-Maschinerie der Branche bearbeitet. Am Ende dürfte sich der Eindruck festigen, der schon derzeit viele Beteiligte beschleicht: dass nämlich das FISG nicht geeignet ist, den nächsten Fall Wirecard zu verhindern.

Abgerundet wird das Bild von dem Versuch, die Champions League des deutschen Aktienmarktes vor Luftpumpen wie Wirecard zu bewahren. Wer im künftigen Dax 40 weilen will, der muss Gewinn machen und einen Prüfungsausschuss im Aufsichtsrat haben. Ersteres war bei Wirecard (offiziell) der Fall, Letzteres nicht. Aber der Konzern war da die absolute Ausnahme, einen Prüfungsausschuss hat praktisch heute jedes börsennotierte Unternehmen. Ist das die Killer-Regel, um ein neues Wirecard zu verhindern?

Um es klar zu sagen: Für alle diese Ansichten und Einwände gibt es in jedem einzelnen Fall sicherlich Gründe, Argumente und Sachzwänge. Und ja, die Aufarbeitung des Wirecard-Skandals muss in eine Diskussion über die Folgen eingebettet sein.

Das darf aber nicht dazu führen, dass man mit dem Finger auf den anderen zeigt und die Hände dann in den Schoß legt. Statt die Verantwortung weiterzuschieben, sollten sich Manager, Aufsichtsräte, Aufsichtsbehörden und Wirtschaftsprüfer immer wieder auf ihre Verpflichtung besinnen.

Es sei noch einmal an den Sommer 2020 erinnert: Allen war nach dem Wirecard-Schock klar, dass eine Reform zur Sicherung der Integrität von Rechnungslegung, Prüfung, und Aufsicht diesmal richtig sitzen muss. Dieser Anspruch muss weiter gelten. Gemessen daran wäre die Erkenntnis, dass man gegen Betrug letztlich doch nichts machen kann, bei Weitem nicht ausreichend.

Mehr: Wirecard-Skandal: Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen EY

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