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Kommentar Frankreich auf dem Weg ins Chaos

Nach erneuten gewaltsamen Ausschreitungen in Paris ist die Situation beängstigend – denn viele Franzosen haben Verständnis für die Schlägerbanden.
1 Kommentar

Bilder von den Krawallen aus Paris

Paris wachte am Sonntag auf, gezeichnet von einer Orgie der Gewalt, die sich fast 24 Stunden lang in der gesamten Innenstadt entladen hat. Wer die Bilder der Verwüstung sieht oder am Samstag in der Hauptstadt unterwegs war, wundert sich, dass es nicht mehr Schwerverletzte gegeben hat. Ein Mensch kam ums Leben.

Die brutalen Randalierer, die in gelben Westen marschierten, blitzschnell auftauchten und wieder verschwanden und deshalb nicht einmal von 5000 Polizisten kontrolliert werden konnten, zerschlugen und verbrannten Cafés, Wohnhäuser, Autos und Geschäfte. Mögliche Opfer scherten sie nicht.

Was Paris erlebt hat, sind keine Ausschreitungen am Rande einer friedlichen Demonstration. Das war Aufruhr. Es gab überhaupt keinen angemeldeten Demonstrationszug. Vom Morgen an hatten die Gewalttäter nur ein Ziel: sich mit der Polizei anzulegen, die Oberhand zu gewinnen und möglichst viel Schaden anzurichten.

Frankreich steht jetzt vor zwei Fragen: Wie kann die Regierung die öffentliche Sicherheit und Ordnung wiederherstellen, die am Samstag in Rauch aufgegangen ist? Der Innenminister spricht bereits vom Ausnahmezustand, eine Polizeigewerkschaft vom Einsatz der Armee.

Die zweite Frage: Wie lange noch wollen Rechts- und Linkspopulisten, aber auch die gemäßigte Rechte, Verständnis für Schlägerbanden zeigen, nach dem Motto: Hier entlädt sich der berechtigte Volkszorn? 

Neben der offenen Gewalt ist es das, was einen beängstigt in Frankreich: die nicht nur heimliche Sympathie für die Chaoten in Teilen der Bevölkerung und bei großen Teilen der politischen Klasse. „Vielleicht ist das ja nötig, damit die Regierung uns hört“, sagten brave französische Bürger am Samstag. Emmanuel Macron müsse jetzt auf sie zugehen.

Nur: Es ist nicht ganz einfach, mit jemandem zu diskutieren, der einen Molotowcocktail in der einen und eine Eisenstange in der anderen Hand hält. Der Mob ist für Argumente nicht zugänglich. Wer heute noch Verständnis oder gar Sympathie für diese Leute hat, versteht offenbar nicht, was am Ende des Weges liegt.

Man dramatisiert nicht, wenn man feststellt: Das ist die Schnellstraße zurück in die 1930er-Jahre, als radikalisierte Kleinbürger glaubten, ihnen sei alles erlaubt.

Man muss auch kein Fan von Recht und Ordnung sein, um zu sagen, dass ein Ende der Gewalt jetzt die erste Priorität ist. Und dazu müssen alle beitragen, nicht nur die Regierung. Sollte es zu einem vierten Samstag der Zerstörung kommen in Paris, wird es nicht bei Millionenschäden und hundert Verletzten bleiben.

Die Lust am Chaos ist ansteckend, von Wochenende zu Wochenende sind die Reihen der gut organisierten Schläger, die sich ständig selber filmen, größer geworden. Für sie waren diese zwei Tage ein voller Erfolg. Das motiviert zu mehr.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ihre Opfer sich wehren. Handwerker, deren Lieferwagen verbrannt, Friseure, deren Läden zerstört, Restaurateure, deren Etablissements geplündert werden, fangen irgendwann an, den Schutz in die eigene Hand zu nehmen.

Parallel zur Wiederherstellung der Sicherheit geht es um die Anliegen der friedlichen Gelbwesten, die es immer noch gibt. Die Bewegung hat sich nicht strukturieren können, ihre Forderungen sind völlig konfus: Sie wollen weniger Steuern, aber mehr Schulen, Krankenhäuser, Arztpraxen, Postämter und natürlich bessere Straßen.

Den Abbau der Verschuldung halten sie für ein Diktat der Brüsseler Bürokratie. „Macron muss zurücktreten!“, rufen sie.

Der Präsident erntet den während 40 Jahren aufgestauten Frust im Frankreich der Regionen, die in der Hauptstadt vergessen wurden und die heute Paris und seine Eliten hassen. Er hat selber davon profitiert, dass die Menschen sich scharenweise von den traditionellen Parteien abgekehrt haben. Sonst wäre er nicht gewählt worden.

Doch dann hat er so gehandelt, als sei Frankreich ein völlig stabiles Land und nicht eines, in dem die extreme Rechte an die Tür zur Macht klopft. Er hat im Alleingang durchregiert, seine Kraft überschätzt, mögliche Reformpartner wie die gemäßigten Gewerkschaften wieder und wieder vor den Kopf gestoßen.

Aus seinem Wahlsieg hat er die falschen Schlussfolgerung gezogen: Er glaubte, er brauche keine Bündnispartner.

Jetzt steht er allein. Macron hat das alte Parteiensystem zum Teufel gejagt, dessen Vertreter wollen nun nichts sehnlicher, als ihn zum Teufel zu jagen.

Kooperation, Konsens, Kompromiss hatten schon vor Macrons Wahlsieg einen schweren Stand. Heute wiegen sie noch weniger. Frankreich ist heute, was die Bereitschaft der Menschen zum Wandel angeht und ihre Loyalität zu den Institutionen, ihr Vertrauen in die Politik, wieder zurück auf Los.

Falls der Präsident es noch nicht verstanden hat, sollte er auf den neu gewählten Vorsitzenden seiner Partei „La République en Marche“ – dessen Wahl niemanden interessiert hat – hören: „Wir waren zu abgehoben“, hat Stanislas Guerini festgestellt.

Zurück auf den Boden der Tatsachen, das ist für Macron das Gebot der Stunde. Nicht mehr allein darauf hoffen, dass seine Strukturreformen irgendwann Effekte zeitigen. Jetzt handeln.

Die erbosten Menschen im abgehängten Teil Frankreichs wollen wissen, ob ihre Stadt nächstes Jahr noch eine Bahn- oder Busverbindung haben wird. Sie wollen erklärt bekommen, ob sie das Benzin und die Miete noch bezahlen können.

Übermäßig simple Fragen vielleicht für die in Paris regierenden Absolventen der Eliteschulen. Aber Fragen, wie die Bürger sie nun einmal stellen.

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1 Kommentar zu "Kommentar: Frankreich auf dem Weg ins Chaos"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Sehr geehrter Herr Hanke,

    ich verstehe Sie wirklich nicht. Kann es denn richtig sein, dass Sie Wut, Volkszorn und Radikalisierung der Kleinbürger lediglich bejammern? Macht es Ihnen zu viel Mühe, einmal nach den Ursachen der Volkswut zu fragen?

    Mir scheint: Wenn schmerzhafte Reformen nicht von weiten Teilen der Bevölkerung abgelehnt werden sollen, muß es bei den Einschnitten "gerecht" zugehen. Gemeint ist damit, dass alle gemeinsam den Gürtel enger schnallen müssen und man nicht etwa einige einsame Dumme auswählt und denen die Lasten zuschiebt.