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Kommentar Frankreich hat mehr als nur ein großes Terrorproblem

Auf die Enthauptung von Lehrer Paty reagiert Frankreichs Politik mit scharfer Rhetorik und blindem Aktionismus. Das macht die Lage noch gefährlicher als sie es ohnehin schon ist.
21.10.2020 - 15:10 Uhr Kommentieren
Der Bluttat ging eine Verleumdungskampagne durch den Vater einer Schülerin Patys voraus. Er denunzierte ihn in Videos als Verbrecher. Laut Polizeiangaben hatten der Vater und ein Freund Kontakt zum Täter. Quelle: AFP
Gedenkfeier In Conflans-Sainte-Honorine, nordwestlich von Paris

Der Bluttat ging eine Verleumdungskampagne durch den Vater einer Schülerin Patys voraus. Er denunzierte ihn in Videos als Verbrecher. Laut Polizeiangaben hatten der Vater und ein Freund Kontakt zum Täter.

(Foto: AFP)

In der Sorbonne gedenkt Frankreich am Mittwochabend des ermordeten Geschichtslehrers Samuel Paty. Ein 18-jähriger Russe tschetschenischer Herkunft hatte den 47-jährigen Lehrer am vergangenen Freitag in einem Pariser Vorort geköpft.

Kein Attentat seit den Terroranschlägen vom November 2015 hat unser Nachbarland so bewegt wie der Mord an Paty. Das liegt daran, dass der Lehrer kein zufälliges Opfer ist. Der Täter hat ihm nachgestellt, weil er am 6. Oktober im Unterricht über Meinungsfreiheit die Mohammed-Karikaturen gezeigt hat, die bereits der Anlass für den Mordanschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ waren.

Der Bluttat ging eine Verleumdungskampagne durch den Vater einer Schülerin Patys voraus. Er denunzierte ihn in Videos als Verbrecher. Laut Polizeiangaben hatten der Vater und ein Freund Kontakt zum Täter.

Zehntausende Franzosen aller Hautfarben und Religionen haben in den vergangenen Tagen ihre Abscheu über die Tat ausgedrückt. Auch zahlreiche muslimische Eltern aus dem Gymnasium, in dem Paty unterrichtete, sagten unter Tränen, es sei unerträglich, dass ein Leben vernichtet wurde, weil der Lehrer seine Pflicht erfüllt habe.

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    Bei allem Schrecken über den Mordanschlag haben diese Reaktionen etwas Ermutigendes. Es wirkt so, als gehe das Kalkül der Islamisten nicht auf, das Land zu spalten, Hass zu schüren, der die Muslime in ihre Arme treiben soll. „Ich bin Christ, Muslim, Jude, ich bin Paty“, schrieben Teilnehmer der Kundgebungen auf ihre Plakate.

    Doch abseits der Trauerfeiern sieht die Realität weniger ermutigend aus. Die fundamentalistischen, zielstrebig gegen die demokratischen Werte und gegen Integration wirkenden Islamisten verfügen in Frankreich über eine stabile und – nach manchen Umfragen – wachsende Anhängerschaft. Es gibt zwar eine aus der – meist muslimischen – Immigration stammende Mittelschicht, größer als in Deutschland.

    Aber es gibt auch eine Unterschicht, die in die Vororte abgedrängt ist und sich nicht mit dem Land verbunden fühlt, dessen Pass sie besitzt.

    Es gärt in der muslimischen Unterschicht

    Ganze Schulklassen in der Banlieue bestehen aus jungen Franzosen, die sich nicht als solche fühlen. Franzosen, das sind für sie die Weißen, die auf gute Schulen gehen und gute Jobs bekommen, nicht sie, die Schwarzen und Maghrebiner, die bestenfalls in einer Berufsschule landen.

    In Frankreich gilt das als Bestätigung des Scheiterns. Staatspräsident Emmanuel Macron sagt, diese Jugendlichen stünden aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion und ihrer Namen unter „Hausarrest“. Gemeint ist: Sie schaffen es aufgrund anhaltender Diskriminierung nie heraus aus der Banlieue.  

    Viele dieser Jugendlichen machen dennoch irgendwie ihren Weg, aber einige bilden den Bodensatz, aus dem die Islamisten ihre Anhängerschaft rekrutieren. In vielen Köpfen hat sich ein Müll an antisemitischen Haltungen und Verfolgungstheorien angesammelt, der erschreckend ist.

    Das liegt auch daran, dass die Radikalen häufig aktiver sind in der Banlieue als die Vertreter der Republik. Macron hat den Fundamentalisten den Kampf angesagt und will gleichzeitig die Ghettobildung aufbrechen. Doch über diese Rhetorik, die kein Migrantenkind mehr erreicht, ist er bislang nicht hinausgekommen.        

    Die triste Wirklichkeit zu erfassen und sie zu verändern – dieser Anspruch ist großen Teilen der politischen Klasse unseres engsten Partners abhandengekommen. Auch jetzt wieder begnügen sie sich damit, Aktivismus zu zeigen, das Verbot muslimischer Vereine und die Schließung bestimmter Moscheen zu verlangen.

    Im Gedenken an den ermordeten Lehrer wurden vor der französischen Botschaft in Berlin Blumen und ein Schild mit der Aufschrift „Unterstützung für die Lehrerschaft – es lebe die Freiheit der Meinungsäußerung“ niedergelegt. Quelle: dpa
    Gedenken in Berlin

    Im Gedenken an den ermordeten Lehrer wurden vor der französischen Botschaft in Berlin Blumen und ein Schild mit der Aufschrift „Unterstützung für die Lehrerschaft – es lebe die Freiheit der Meinungsäußerung“ niedergelegt.

    (Foto: dpa)

    Der agile, konservative Innenminister Gerald Darmanin kümmert sich wenig um Fehlleistungen seiner Beamten. Warum konnte ungehemmt gegen den Lehrer gehetzt werden? Sofort nach der Tat kam heraus, dass der Mörder schon vorher Bilder von Enthauptungen verbreitete. Es wirkt so, als hätten die Behörden wieder einmal viel gewusst, aber wenig getan.

    Statt dem nachzugehen, will der Innenminister Muslimvereine verbieten und zeigt sich „schockiert“ über Halalgerichte in Supermärkten: Damit beginne die Abkehr von der Republik. Doch die Republik selber hat schon vor Jahrzehnten vielen ihrer Kinder den Rücken gekehrt. Und eine Abwendung gibt es auch bei denen, die einen bourgeoisen, wohltemperierten Rassismus verbreiten.

    In der auflagenstärksten Zeitung des Landes erläuterte kürzlich ein konservativer Vordenker, es sei angemessen, bei einer Bewerbung einen Muslim anders zu behandeln als einen Christen: Man wisse, dass Maghrebiner aufgrund ihrer Kultur nicht in ein bestimmtes soziales Umfeld passten. Das müsse ein Unternehmen berücksichtigen.

    Ein konservativer Regionalpräsident sieht Frankreich schon „im Bürgerkrieg“. Es wird wieder schwadroniert, statt endlich Realitätsbewältigung zu betreiben. Frankreich steht nicht am Rande der „guerre civile“, die Muslime werden nicht über die Christen herfallen. Aber das Land hat ein veritables Terrorproblem und droht einen Teil seiner nichtweißen Jugendlichen zu verlieren. Beide Risiken werden zunehmen, wenn es bei Rhetorik und Aktionismus bleibt.

    Mehr: Islamistischer Mordanschlag auf Lehrer erschüttert Frankreich.

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