Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Kommentar Frankreichs Führungsstärke sollte Deutschland als Vorbild dienen

Die Merkel-Jahre waren für Deutschland bequem. Die Folge: Politisch wie wirtschaftlich läuft Frankreich den Deutschen den Rang ab. Europa erlebt eine Zeitenwende.
27.09.2019 - 03:59 Uhr Kommentieren
Frankreichs Führungsstärke sollte Deutschland als Vorbild dienen Quelle: AP
Emmanuel Macron und Angela Merkel

Der französische Präsident führte zuletzt zahlreiche erfolgreiche Reformen durch.

(Foto: AP)

Frankreich ist wieder da. Die lange Leidensgeschichte des politischen und wirtschaftlichen Abstiegs geht zu Ende. Für Europa ist das eine Zeitenwende. Eine Zeitenwende, die auch bedeutet: Die lange Ära deutscher Führung ist vorbei.

Vor einer kleinen Ewigkeit, unter Helmut Schmidt und Valérie Giscard d’Estaing, war die Französische Republik die Vormacht Europas. Unter den Präsidenten François Mitterrand, Jacques Chirac, Nicolas Sarkozy und François Hollande wurde Frankreich schrittweise zu dessen krankem Mann.

Manche Bilder bringen das prägnanter zum Ausdruck als lange Analysen: das von Präsident Hollande etwa, der mit einem ulkigen Helm auf dem Kopf mit dem Motorroller zur Geliebten fuhr und sich dabei erwischen ließ – ein Staatschef als Lachnummer.

Die kongeniale Ergänzung waren die halb nackten fliehenden Manager von Air France, denen Gewerkschafter die Kleider vom Leib rissen: sozialer Dialog à la française. Der Tiefpunkt war erreicht, als protestierende „Gelbwesten“ vor knapp einem Jahr die Teile der Innenstadt von Paris in Schutt und Asche legten.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Heute dominieren andere Bilder und Nachrichten: das Bild von Präsident Emmanuel Macron etwa, wie er beim G7-Gipfel in Biarritz US-Präsident Donald Trump ruhigstellt. Die Meldung über die französische Wirtschaft, die stärker wächst als die deutsche. Frankreichs Bevölkerung altert wesentlich langsamer als die deutsche. Und während die deutschen Banken sich klein schrumpfen, wächst die französische BNP Paribas zum führenden Institut der Euro-Zone heran.

    Die Bundesregierung redet seit Jahren über Industrie 4.0 und digitale Wende, die französische verbessert die Bedingungen für Start-ups so zielgerichtet, dass dieses „Ökosystem“ schon größer ist als das deutsche. Der Autokonzern Peugeot-Citroën stand 2013 knapp vor der Pleite, sechs Jahre später ist er rentabler als mancher deutsche Premiumanbieter und übernimmt Opel.

    Rollen scheinen sich zu vertauschen

    Sicher, die deutsche Volkswirtschaft ist und bleibt größer als die französische. Doch während Frankreich gerade die Kurve bekommt, macht sich in Deutschland die Bequemlichkeit der Merkel-Jahre bemerkbar. Die Ideologie der „schwarzen Null“ hat teilweise wirtschaftliches Argumentieren ersetzt. Es ist verblüffend: Jahrzehntelang war Frankreich staatsgläubig und Deutschland pragmatisch.

    Inzwischen scheinen sich die Rollen zu vertauschen: Frankreich macht unter Macron das, was wirtschaftlich geboten erscheint, während sich die Bundesregierung an den Glaubenssatz des Juristen Schäuble klammert, ein ausgeglichener Haushalt sei der Königsweg zu einer modernen Volkswirtschaft.

    Die Folgen zeigen sich nicht nur in einer verschlechterten öffentlichen Infrastruktur. Wer immer noch blind auf die Stärke des deutschen Mittelstands vertraut, sollte sich noch mal das letzte Gutachten der Wirtschaftsweisen vornehmen: Während in Frankreich die Gründung neuer Unternehmen höchst dynamisch verläuft, ist sie in Deutschland rückläufig. Wirtschaftliche Stärke der Vergangenheit lässt sich eben nicht in die Zukunft extrapolieren.

    Es geht nicht um einen Schönheitswettbewerb zwischen Deutschland und Frankreich. Aber die Qualität der politischen Führung hat starken Einfluss darauf, wie wichtig ein Land in der EU ist. Deutschland hatte in den vergangenen Jahren die Chance, prägend auf Europa und die Euro-Zone einzuwirken, hat sie aber weitgehend vertan.

    Weder bei der Energiewende noch bei der Vorbereitung der Wirtschaft auf das digitale Zeitalter, nicht einmal bei Zuwanderung und Integration gilt Deutschland noch als Vorbild. Unser Land wirkt nicht mehr als politisches Magnetfeld, das andere mitzieht.

    Deutschland sucht ein neues Kraftzentrum

    Die großen Themen setzt heute Frankreich. Das Konzept, die Europäische Union wieder populär zu machen als die Gemeinschaft, die unsere Souveränität technologisch, wirtschaftlich und politisch verteidigt, stammt von Macron. China selbstbewusster entgegenzutreten, dessen Übernahmen in Europa kritisch zu prüfen, darauf hat Paris gedrungen.

    Donald Trump nicht auch noch die andere Wange hinzuhalten, wenn er uns mit Strafzöllen ohrfeigt, war Frankreichs Forderung. Europäische Wettbewerbspolitik nicht allein als Verhinderung von Fusionen zu verstehen und dennoch marktwirtschaftlich zu bleiben, nicht dirigistisch zu werden, das haben französische Ökonomen vorgedacht.

    Der Punkt, an dem ein sehr langer Trend sich dreht, lässt sich oft erst im Nachhinein erkennen. Man tut den verstorbenen Präsidenten Mitterrand und Chirac kein Unrecht, wenn man feststellt, dass mit ihnen die Jahrzehnte erst wirtschaftlicher, dann politischer Schwäche begannen.

    Nun kommt das Land in eine Phase, in der die Reformen des Arbeitsmarkts, die Senkung der Lohnnebenkosten sowie die Neugestaltung der Berufsausbildung und der Arbeitslosenversicherung sich auszahlen werden. Frankreich hat eine starke politische Führung, Deutschland sucht ein neues Kraftzentrum. Ein Trost bleibt: Wir sind keine Rivalen, sondern Partner und Freunde.

    Mehr: Die Annäherung Macrons an Russland entspringt einer Mischung aus Realpolitik und internationalen Ambitionen. Will er vorne mitmischen, braucht er die Bereitschaft Europas, meint Handelsblatt-Korrespondent Thomas Hanke.

    Startseite
    Mehr zu: Kommentar - Frankreichs Führungsstärke sollte Deutschland als Vorbild dienen
    0 Kommentare zu "Kommentar: Frankreichs Führungsstärke sollte Deutschland als Vorbild dienen"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%