Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Kommentar Gentechnik sollte nicht verteufelt, sondern als Chance gesehen werden

Grüne Gentechnik ist auch künftig chancenlos in Europa. Das EuGH-Urteil ist in mehrfacher Hinsicht bitter und droht Deutschland zurückzuwerfen.
Kommentieren
Gentechnisch veränderte Lebensmittel werden emotional diskutiert. Sachlichkeit täte der Debatte gut. Quelle: dpa
Grüne Gentechnik

Gentechnisch veränderte Lebensmittel werden emotional diskutiert. Sachlichkeit täte der Debatte gut.

(Foto: dpa)

Die grüne Gentechnik hat in Deutschland und Europa weiterhin keine Zukunft. Das ist wohl die Konsequenz aus dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs in der umstrittenen Frage, ob Pflanzen, die mithilfe neuartiger Verfahren zum Gentransfer gezüchtet wurden, unter die strengen Regularien der EU-Richtlinie zu genetisch veränderten Organismen (GVO) fallen sollten.

Die Richter haben das praktisch uneingeschränkt bejaht und damit die neuen Technologien des Genom-Editings mit der Genschere Crispr in die gleiche Schublade eingeordnet wie schon die klassische Gentechnik.

Das Urteil ist ein herber Rückschlag für die Protagonisten aus der Chemie- und Agroindustrie, die auf einen rationaleren Umgang mit dem Thema hofften. Und es ist zugleich Wasser auf die Mühlen jener, die gentechnisch modifizierte Pflanzen von vornherein als riskant ablehnen.

Vordergründig erscheint es dabei durchaus nachvollziehbar, das Genom-Editing in das Reglement der GVO-Richtlinie einzubeziehen. Crispr ist im Prinzip Gentechnik par excellence. Das Verfahren erlaubt es, Gene auf besonders präzise Weise zu ändern oder auszutauschen.

Es hat daher nicht umsonst die Biowissenschaften im Sturm erobert und wird etwa in den Labors der Pharmaforscher längst auf breiter Front eingesetzt. Mittelfristig wird es wohl auch therapeutisch zum Einsatz kommen, etwa um monogenetische Erbkrankheiten zu behandeln.

Im Agrarsektor eröffnet die Technologie die Möglichkeit, Eigenschaften von Pflanzen besonders präzise zu verändern. Sie erlaubt damit zum Beispiel auch, Effekte einer klassischen Züchtung schneller, effizienter und genauer zu erzielen. Aber selbst für diese Fälle waren die EuGH-Richter nicht bereit, den neuen Verfahren eine Ausnahme von der GVO-Regulierung zuzugestehen.

Das Urteil ist daher gleich in mehrfacher Hinsicht bitter: Zum einen dürfte es die Pflanzenbiotech-Forschung in Europa noch weiter zurückwerfen. Zum anderen – und das ist das Gefährliche – leisten die EU-Richter mit ihrem Urteil einer völlig asymmetrischen und im Grunde irrationalen Risikowahrnehmung Vorschub. Denn sie unterstellen für die neuen Verfahren undifferenziert die gleichen Gefahren wie bei der klassischen Gentechnik.

Techniken gelten als sicher

Ein Blick auf die Praktiken und Erfahrungen in der Saatgutproduktion macht deutlich, wie fragwürdig diese Einschätzung im Grunde ist: So stützt sich die klassische Pflanzenzüchtung nicht nur auf herkömmliche Zuchtauswahl und die Kreuzung von Pflanzen, sie nutzt darüber hinaus zum Beispiel auch künstlich erzeugte Mutationen, die etwa mithilfe von Strahlung oder erbgutverändernden Chemikalien erzeugt wurden. Dabei werden ungezielt jeweils Tausende von Genen verändert, um per Zufall auch verbesserte Eigenschaften zu erzeugen.

Diese Techniken gelten aufgrund langjähriger Erfahrungen trotzdem als sichere und bewährte Verfahren der Mutagenese, und sie werden daher von den Regelungen der GVO-Verordnung ausgenommen, obwohl es sich auch hierbei im Prinzip um nicht natürliche Genmodifikationen handelt.

Die herkömmliche Gentechnik wiederum zielt darauf, nur einzelne, wenn auch artfremde Gene in die Pflanzen einzubauen. Dabei werden Gene mithilfe von Mikroorganismen oder anderen Techniken in großer Zahl in die Pflanzenzelle transportiert, in der Hoffnung, dass sie sich an der richtigen Stelle im Genom einbauen, um etwa Herbizid- oder Schädlingsresistenzen zu bewirken.

Auch diese Technik hat sich im Grunde längst als ausgesprochen sicher bewährt. In Nord- und Südamerika werden derart genmodifizierte Pflanzen inzwischen seit fast einem Vierteljahrhundert großflächig angebaut, ohne dass irgendwelche Gesundheitsrisiken aufgetaucht wären. Praktisch alle namhaften wissenschaftlichen Untersuchungen und staatlichen Institutionen, einschließlich der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, Efsa, gelangten zu dem Ergebnis, dass gentechnisch erzeugte Pflanzen per se keine größeren Gefahren bergen als herkömmlich gezüchtete Sorten. Trotzdem werden sie in Europa weiter wie Teufelszeug behandelt.

Die neuen Verfahren des Genom-Editings sind gegenüber diesen Techniken nochmals um Längen genauer. Völlig zu Recht hatte sich daher der Generalanwalt des EuGH in seiner Stellungnahme dafür ausgesprochen, sie ebenfalls in die Ausnahmeregelungen der GVO-Richtlinie einzuordnen – zumindest insoweit, als es um Genveränderungen geht, die auch auf natürlichem Wege denkbar sind.

Es wäre eine nachvollziehbare und vernünftige Lösung gewesen. Und sie hätte womöglich auch den Weg zu einem rationaleren Umgang der Öffentlichkeit mit dem Thema Gentechnik eröffnet – einem Umgang, der die neue Technologie nicht verteufelt, sondern neben den Risiken auch die Chancen betrachtet. Diesen Weg haben die EuGH-Richter leider versperrt.

Startseite

Mehr zu: Kommentar - Gentechnik sollte nicht verteufelt, sondern als Chance gesehen werden

0 Kommentare zu "Kommentar: Gentechnik sollte nicht verteufelt, sondern als Chance gesehen werden"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote