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Kommentar Gewerkschaften drohen auf dem Müllhaufen der Geschichte zu landen

Am Tag der Arbeit feiert sich die Arbeiterbewegung selbst. Dabei muss sie aufpassen, in der Arbeitswelt 4.0 nicht bedeutungslos zu werden.
8 Kommentare
Die Arbeiterbewegung ins digitale Zeitalter retten. Quelle: Stefan Boness/Ipon
Karl Marx auf dem T-Shirt

Die Arbeiterbewegung ins digitale Zeitalter retten.

(Foto: Stefan Boness/Ipon)

Hurra, wir leben noch! Der 1. Mai ist nicht nur Tag der Arbeit. Er ist für die Gewerkschaften stets auch ein Tag der Selbstvergewisserung. Rote Fahnen, Arbeiterprosa über Vielfalt, Gerechtigkeit und Solidarität – an keinem anderen Tag im Jahr wird das Kollektiv schöner beschworen.

Eine Bühnenshow, die verdeckt, dass es hinter den Kulissen längst bröckelt. Das Kollektiv ist seit Jahren auf dem Rückzug. Da kann der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) noch so gebetsmühlenartig wiederholen, dass täglich rund 850 Werktätige neu in eine Gewerkschaft eintreten. Unter dem Strich verliert die einst stolze Organisation weiter Mitglieder.

Weniger als sechs Millionen sind es inzwischen im DGB. Mit steigender Beschäftigung sinkt der Organisationsgrad der Gewerkschaften weiter. Da hilft auch das Absingen der Internationale nichts.  

Auch bei der Organisation des Arbeitslebens zählt das Kollektiv nicht mehr viel. Immer weniger Unternehmen unterwerfen sich Flächentarifverträgen, die Löhne und Arbeitsbedingungen einheitlich für eine ganze Branche regeln. Die Gewerkschaften können noch so gute Abschlüsse herausholen, wie sie es zuletzt für die Metaller oder die Staatsdiener unter Beweis gestellt haben. Die fortschreitende Tariferosion führt dazu, dass mehr und mehr Beschäftigte außen vor bleiben. Das Kollektiv als exklusiver Klub.

Für die schwindende Anziehungskraft der Gewerkschaften gibt es viele Gründe. Deutschland ist auf dem Weg zur Vollbeschäftigung, und neun von zehn Beschäftigten sind mit ihrem Job zufrieden, hat das Statistische Bundesamt gerade mitgeteilt. Die Sehnsucht nach gewerkschaftlichem Beistand ist deshalb nicht besonders stark ausgeprägt.

Hinzu kommt die zunehmende Atomisierung von Gesellschaft und Arbeitswelt. Die Gemeinschaft löst sich auf in eine Vielzahl teils widerstreitender Einzelinteressen, die sich auch in immer komplexer werdenden Tarifverträgen zeigen.

Den Gewerkschaften geht es da nicht besser als Parteien, Kirchen oder Sportvereinen, die – sieht man vom „Schulz-Hype“ bei der SPD ab – ebenfalls unter Mitgliederschwund leiden.

Was den Gewerkschaften die Organisation erschwert

Die globalisierte Wirtschaft, die Aufspaltung von Unternehmen in kleinere Einheiten, der Rückzug vieler Arbeitgeber aus dem Tarif erschweren den Arbeitnehmervertretern die Organisationsarbeit zusätzlich.

Ist die Arbeiterbewegung also unterwegs auf den Müllhaufen der Geschichte? Wird der 1. Mai zum Gedenktag, an dem bald alljährlich mit viel Folklore nur noch an die ruhmreiche Geschichte erinnert wird? Hoffentlich nicht. Denn die Gewerkschaften werden weiter gebraucht.

Dass gestandene Unternehmer heute für das bedingungslose Grundeinkommen werben, zeigt, dass sie sich eine Wirtschaft mit viel weniger Beschäftigten durchaus vorstellen können. Sie müssen immer wieder aufs Neue daran erinnert werden, dass unternehmerische Verantwortung sich nicht im Dienst an Kunden und Aktionären erschöpft.

Unsere Gesellschaft definiert sich über Arbeit, unser Sozialstaat hängt zu wesentlichen Teilen daran. Beschäftigte abzuschreiben ist deshalb fahrlässig. Daran können die Gewerkschaften nicht oft genug erinnern.

Gefragt sind sie auch dabei, die Spaltung der Gesellschaft nicht noch tiefer werden zu lassen. An die Stelle des Verteilungskonflikts zwischen Arbeit und Kapital treten heute oft Verteilungskonflikte zwischen Beschäftigten untereinander.

Dass Arbeit mit Maschinen deutlich besser entlohnt wird als die Arbeit mit Menschen, schafft ein Gefühl von Ungerechtigkeit, führt zu Fachkräftemangel in Kitas und Pflegeheimen und drohender Altersarmut.

Hier für ordentliche Organisationsgrade und eine gewisse Wirkmächtigkeit zu sorgen ist vor allem Aufgabe der Gewerkschaften selbst. Immer nur nach dem Staat zu rufen ist wie Selbstmord aus Angst vor dem Tod.

Es wird immer schwieriger, neue Mitglieder zu werben

Verantwortungsvolle Gewerkschaften wünscht man sich auch, wenn ein „America-First“-Präsident einen Handelskrieg anzettelt oder Algorithmen die Beschäftigten aus Büros und Fabriken verdrängen. Zusammen mit den Arbeitgebern und der Politik haben die Arbeitnehmervertreter bewiesen, dass sie Strukturbrüche wie das Ende des Steinkohlebergbaus oder schwere Verwerfungen wie die Finanz- und Euro-Krise meistern können.

Je mehr die Sozialpartner bei der Gestaltung von Digitalisierung und Globalisierung selbst in die Hand nehmen, desto weniger muss die Politik regeln.

Keine Frage: Für die Gewerkschaften wird es immer schwieriger, neue Mitglieder zu werben. Sie lassen sich nicht mehr so einfach hinter den Werkstoren finden. Sie arbeiten bei mobilen Pflegediensten, liefern Amazon-Pakete oder das per App bestellte Abendessen aus. Oder erledigen auf eigene Rechnung Aufträge am heimischen Computer.

Aber nur wenn es den Gewerkschaften gelingt, in der Arbeitswelt 4.0 das Kollektiv 4.0 zu organisieren, werden sie künftig am 1. Mai noch etwas zu feiern haben. Sonst landen sie irgendwann doch auf dem Müllhaufen der Geschichte.

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8 Kommentare zu "Kommentar: Gewerkschaften drohen auf dem Müllhaufen der Geschichte zu landen"

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  • (Nachtrag)

    Ökonomie steht wahrscheinlich bewusst nicht auf den Lehrplänen der Schulen. Würde sie es nämlich, könnte man vermutlich weitaus weniger Menschen politisch indoktrinieren; erst recht könnten die Gewerkschaften dann noch weitaus weniger Mitglieder rekrutieren.
    NIEMALS können etwa Arbeitslöhne durch gewerkschaftlichen Zwang dauerhaft folgenlos (!) über den Marktpreis hinaus angehoben werden:
    "Wenn es so etwa wie ein "ehernes Lohngesetz" gibt, dann nicht das von Marx behauptete, sondern dieses: die Korrelation zwischen Grenz-Produktivität und Lohnsatz. Niemand kann sich dieser Gesetzmäßigkeit dauerhaft oder über längere Zeit entziehen. Wer als Unternehmer bereit ist, über längerer Zeit Verluste in Kauf zu nehmen, hat damit dieses ökonomische Gesetz nicht ausgehebelt, sondern nur bestätigt und wird letztlich aus dem Markt ausscheiden (womit sich dann für die Arbeitnehmer des betreffenden Unternehmens auch die Frage Arbeitsplatz und Lohn erledigt hat)." (Roland Baader: Geld, Gold und Gottspieler, Gräfelfing: Resch, 2004, S. 198)
    Die Einzigen, die dann "gewonnen" haben, sind die hauptberuflichen Gewerkschaftsfunktionäre. Aber das ist dann vermutlich "sozial gerecht"...

  • „Gewerkschaften drohen auf dem Müllhaufen der Geschichte zu landen“

    Wenn sie weiterhin vorwiegend auf bequemes „Blockdenken“ und das Bedienen von traditionellen Abwehrreflexen setzen statt auf eine angesichts von der Vielfalt und Komplexität der heutigen Problemstellungen auf deren äquidistante, objektive Betrachtung (und vor allem auf die Etablierung einer wirklichen, von Respekt getragenen Diskussionskultur), auf jeden Fall.

    Um den Menschen für oben Genanntes den nötigen Freiraum zu schaffen, wäre (anfangs) ein bedingungsloses Grundeinkommen grundsätzlich ein erwägenswertes Instrument.

    Eine Möglichkeit dabei wäre, eine Art „öffentliche Grundversorgung“, die das Existenzminimum abdeckt zu organisieren. Dieses dann allerdings zwingend auf globaler Basis, angepasst an die unterschiedlichen und je nach Region variierenden Erfordernisse der Grundbedarfsdeckung (also nicht zwingend in Form von Geld).

    Das größte Hindernis dabei dürfte leider die etablierte Politik darstellen.

    Denn wir sind heute alle Getriebene des Geldes – die Arbeitgeber müssen ihre Lohn- und sonstigen Kosten im Griff behalten (sonst sind sie irgendwann keine mehr, weil pleite), die Arbeitnehmer haben ein Anrecht auf Respekt und Anerkennung ihrer Leistung - also darauf, von ihrer Arbeit vernünftig und so selbstbestimmt wie möglich leben zu können.

    Geld ist also Macht. Unter deren Diktat wir nicht nur nicht zusammenkommen können, sondern sich diese fatale Konfliktspirale immer weiter drehen wird.

    Statt weiter im Kreis um dieses Problem herum zu diskutieren (wie gestern wieder bei „hart aber fair“), müssen wir es endlich „knacken“.

    Dazu muss der Hebel aber schon etwas tiefer angesetzt werden. Der Lösungsansatz lautet „Eigenverantwortung“. Und zwar aller. Nicht Warten auf eine "Politik", deren Mitglieder Probleme moderieren statt sie zu lösen - und dabei wo immer möglich nach dem vornehmen Prinzip „Störungen ignoriert man“ vorgehen (lt. HB bemüht man sich gerade, die Dieselkrise zu "beerdigen").

  • Die Gewerkschaften sind längst auf dem Müllhaufen der Geschichte angekommen. Ihre Bonzen wollen auch bloß S-Klasse fahren, feine Anzüge tragen (ok, die Krawatte lassen sie "solidarisch" gern mal weg), Champagner trinken und bei den Festbanketten der Aufsichtsräte mit am Tisch sitzen. Manche lassen sich sogar zum F... nach Brasilien jetten. Bezahlen sollen das Andere, nämlich die jeweiligen Eigentümer, oder die Allgemeinheit. Die Gegenleistung heißt Stunk, Schikanen, Schäden. Gott sei Dank, immer mehr verstehen das.

  • @ Grutte Pier
    "wer mit dem Konterfei von Karl Marx (oder Che, Mao u.ä.) auf dem T-Shirt herum läuft, tut damit kund, dass er aus der Geschichte nichts gelernt hat!
    Somit ist der Vergleich mit der Müllhalde nicht ganz unberechtig..."

    Man stellt sogar wieder neue Karl-Marx-Statuen auf - so in seiner Geburtsstadt Trier zum 200. Geburtstag.
    Nichts, aber auch gar nichts aus der Geschichte gelernt (insbesondere die heute in den Schlüsselpositionen von Politik, Medien, Bildung stehenden 68er).
    Nie kämen die auch nur im entferntesten auf die Ursache, weshalb Südkorea heute so wohlhabend ist, während in Nordkorea die meisten Menschen hungern müssen.
    Weshalb die DDR 1989 vor dem wirtschaftlichen Kollaps stand und die BRD nicht.
    Was nicht in die Ideologie passt, wird ausgeblendet oder abgestritten.
    Dabei müssten nach den heutigen Gesetzen der Linken sogar etliche Aussagen des "großen Gesellschaftsreformers" Karl Marx sanktioniert werden - wegen "Hate-Speech" vom allerübelsten:
    "Wir haben es von Anfang an für überflüssig gehalten, unsere Ansicht zu verheimlichen (...) Wir sind rücksichtslos, wir verlangen keine Rücksicht von euch. Wenn die Reihe an uns kommt, wir werden den Terrorismus nicht beschönigen." (Karl Marx, 1849, MEW 6, S. 504)
    "Man solle damit in einer sozialistischen Revolution beginnen, die primitiven Völkerabfälle wie etwa Basken, Bretonen, schottische Highlander, zu liquidieren." (Karl Marx, 1848 in der Rheinischen Zeitung)
    Sowas ist heute wieder "denkmalwürdig."

  • Sehr geehrter Herr Specht,

    es ist sehr schwer, den rückläufigen Organisationsgrad der Gewerschaften zu erklären. Könnte es vielleicht sein, dass das seit Jahrzehnten anhaltende Vordringen des Dienstleistungssektors ein ganz entscheidender Grund ist?

    Aus meiner Sicht liegt auf der Hand, dass im Bereich der Industrie jeweils viele Hunderte oder Tausende von Beschäftigten den gleichen Arbeitgeber und damit auch gleichgerichtete Interessen haben. Also liegt es nahe, dass diese Beschäftigten sich zusammenschließen und ihre gemeinsamen Interessen auch gemeinsam vertreten.

    Aber wie ist das nun im Dienstleistungssektor? Mag sein, dass es Zehntausende von Zahnarzthelferinnen oder Köchen gibt. Aber sie haben keinen gemeinsamen Arbeitgeber und damit auch keine gemeinsamen Interessen. Und mit der "Solidarität" ist es auch so eine Sache. Soll man vielleicht streiken, damit völlig unbekannte Berufskollegen eine ordentliche Lohnerhöhung kriegen?

  • Statt zu arbeiten und Aktien zu kaufen, steht er da der arme Proll und findet Karl Max ganz toll. Ei was ein armer Tor, ist er doch so blöd als wie zuvor Ha Ha Ha

  • wer mit dem Konterfei von Karl Marx (oder Che, Mao u.ä.) auf dem T-Shirt herum läuft, tut damit kund, dass er aus der Geschichte nichts gelernt hat!

    Somit ist der Vergleich mit der Müllhalde nicht ganz unberechtigt.....

  • Müllhaufen der Geschichte.. Stammt dieser Satz nicht von einer Protagonistin der AfD? Liebes Handeslblatt, ich fühle mich so langsam unwohl bei Euch.

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