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Kommentar Großbritannien droht ein schleichender Unternehmens-Exodus

Brexit-Unterstützer James Dyson verlegt seinen Firmensitz nach Singapur. Es ist ein Vorgeschmack für die Briten auf die Folgen des Abschieds von der EU.
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Die Entscheidung des britischen Familienunternehmers, seinen Firmensitz nach Asien zu verlegen, sorgt für Aufruhr in Großbritannien. Quelle: AFP
James Dyson

Die Entscheidung des britischen Familienunternehmers, seinen Firmensitz nach Asien zu verlegen, sorgt für Aufruhr in Großbritannien.

(Foto: AFP)

„Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern“, sagte der ehemalige Bundeskanzler Konrad Adenauer – aber auch Unternehmer James Dyson scheint diesen Spruch zu beherzigen. In einem Handelsblatt-Interview schwärmte der britische Milliardär vor zwei Jahren von der „wunderbaren Chance“, die der Brexit Großbritannien biete.

Trotz des Ausstiegs aus der Europäischen Union (EU) werde sein Familienunternehmen auch noch in Jahren sein Hauptquartier auf der Insel haben, beteuerte er. Wegen derartiger Aussagen wurde James Dyson zu einer Art Galionsfigur der Brexit-Befürworter. Tempi passati: Dyson kündigte nun an, dass der Firmensitz vom beschaulichen Malmesbury nach Singapur verlegt werde.

Diese Entscheidung habe man aber nicht wegen des bevorstehenden EU-Ausstiegs getroffen, versucht man den prompt zu vernehmenden öffentlichen Aufschrei in Großbritannien zu lindern. Und das mag sogar stimmen. Schließlich lässt der „britische Daniel Düsentrieb“, wie Dyson oft genannt wird, seine Staubsauger, Handtrockner, Föhne und Lockenstäbe bereits seit über 15 Jahren in Asien produzieren.

Dyson hat in Singapur schon lange einen wichtigen Standort. Auch das geplante Elektroauto soll dort hergestellt werden. Die Absatzmärkte in Asien werden für Dyson – wie für viele Unternehmen – immer wichtiger, die Umsätze wachsen dort seit Jahren am schnellsten. Der Schritt, auch das Management in Singapur arbeiten zu lassen, scheint deswegen nur logisch, ganz unabhängig vom Brexit.

Trotzdem ist Dysons Entscheidung geradezu exemplarisch. Denn sie zeigt sehr deutlich, welchen Weg britische Unternehmer letztlich einschlagen: den des größten wirtschaftlichen Vorteils – selbst dann, wenn man so patriotisch auftritt wie Dyson, der für seine Verdienste für sein Land von der Queen mehrfach geadelt wurde.

Der EU-Austritt wird Großbritannien keineswegs wie erhofft zu einem Land machen, in dem die Jobs sicher und die Menschen, „befreit von den Ketten der EU“, glücklicher sein werden. Nach dem Brexit muss Großbritannien aufpassen, ohne den großen Partner EU und den damit verbundenen Markt auf dem europäischen Kontinent nicht den Anschluss zu verlieren.

Seit Monaten rechnen die Manager hinter verschlossenen Türen die Folgen des Brexits durch. Die Konsequenz: Nach Zahlen des britischen Statistikamts ONS sanken die Investitionen der Unternehmen im dritten Quartal 2018 um 2,2 Prozent, das ist das dritte Minus in Folge.

Wirtschaftsunternehmen bereiten Umzug vor

Einer Umfrage des britischen Automobilherstellerverbands SMMT zufolge hat ein Drittel der befragten Unternehmen Investitionen auf der Insel verschoben oder abgeblasen. Zehn Prozent gaben an, Kapazitäten ins Ausland verlagert zu haben. Während auf der Insel Investitionen auf Eis gelegt werden, wird woanders aufgebaut – nicht immer ist das jedoch auf den ersten Blick zu erkennen.

Japanische Banken gehörten zu den ersten Unternehmen, die nach dem EU-Referendum vor fast drei Jahren ihre europäischen Headquarters auf den Kontinent verlagerten, Elektronikkonzerne wie Panasonic und Sony sind nun ihrem Beispiel gefolgt. Für sie ist der Brexit ein besonders einschneidender Schritt – schließlich waren sie auch deswegen nach Großbritannien gekommen, weil sie dort Zugang zum EU-Markt hatten.

Selbst europäische Traditionsunternehmen wie Unilever erwogen eine Verlagerung von Aktivitäten auf den Kontinent. Eine Überlegung, die der britisch-niederländische Konsumgüterriese wegen des öffentlichen Aufschreis in London vorerst ad acta legte.

Andere waren konsequenter: Der Billigflieger Easyjet gründete 2017 zur Vorbereitung auf den Brexit einen zweiten Firmensitz in Österreich, Fährbetreiber P&O kündigte an, seine Schiffe unter zypriotischer Flagge fahren zu lassen. Und fast täglich melden Unternehmen, dass sie wegen des Brexits Bauteile hamstern.

Ein Teil dieser Vorbereitungen ist sicher kurzfristig und vornehmlich der Angst vor einem Crash geschuldet, wenn die EU und Großbritannien nicht bald einen Deal unterzeichnen. Aber selbst wenn es nicht zu diesem befürchteten „No Deal“-Szenario kommen und es eine Art „soften Brexit“ geben sollte: Ein Großteil der eingeleiteten Maßnahmen wird mit Sicherheit nicht rückgängig gemacht.

Der Schaden ist schon eingetreten. Vieles deutet darauf hin, dass die Unternehmen sich langfristig anderen Märkten zuwenden – so wie die Staubsaugerlegende Dyson. Im vertraulichen Gespräch lassen Firmenchefs keinen Zweifel daran, dass in Zukunft Investitionen auf dem europäischen Kontinent im Vergleich zu Großbritannien attraktiver sein dürften.

Die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt verliert ihren Glanz. Auch wenn das mit Sicherheit nicht Absicht des Brexit-Befürworters Dyson war: Seine Ankündigung öffnet hoffentlich endlich denen die Augen, die glaubten, der EU-Ausstieg werde auf der Insel nichts ändern oder gar den Aufbruch in bessere Zeiten markieren.

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