Kommentar Häme gegen die Türkei ist völlig fehl am Platz

Die türkische Erdogan-Regierung steht am Abgrund – und zwar selbst verschuldet. Doch das Land ist zu wichtig, um es sich selbst zu überlassen.
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Der türkische Präsident sieht sich derzeit mit neuen US-Strafzöllen konfrontiert. Quelle: Reuters
Recep Tayyip Erdogan

Der türkische Präsident sieht sich derzeit mit neuen US-Strafzöllen konfrontiert.

(Foto: Reuters)

Im Kampf gegen die Finanzmärkte sind auch Diktatoren schon mal überfordert. Das ist die gute Nachricht, wenn man die akuten Gefahren, die von der Türkeikrise ausgehen, einmal ausblendet.

Ausgerechnet die wegen ihrer Irrationalität und Amoralität so viel gescholtenen Märkte könnten Recep Tayyip Erdogan am Ende vielleicht zur Vernunft zwingen, politisch wie ökonomisch – allein weil der starke Mann aus Ankara dann doch wegen der großen Abhängigkeit seines Landes von ausländischem Kapital schwach erscheint.

Es wäre ein Einfaches – und durchaus nachvollziehbar –, jetzt Häme über den „türkischen Sultan“ auszuschütten – bei all seinen Untaten der vergangenen Jahre: der Repression gegenüber politisch Andersdenkenden, der Hetze gegen Journalisten, der Missachtung der Gewaltenteilung, letztlich also der Gleichschaltung sämtlicher unabhängiger Machtzentren des Landes.

Demokratie, das war für Erdogan immer bloß Mittel zum Zweck. Der Zweck hieß Machterweiterung, und das in einem solchen Maß, dass von Demokratie keine Rede mehr sein kann – trotz abgehaltener Wahlen.

Dennoch wäre Häme völlig fehl am Platze. Zu viel steht aus Sicht des Westens auf dem Spiel: Die Türkei ist der große Puffer zwischen dem krisen- und kriegsgeplagten Nahen Osten und Europa. Sie verfügt über das zweitgrößte Heer der Nato.

Das Land galt lange Jahre zu Recht als Kronzeuge dafür, dass Islam und Demokratie kein Widerspruch sein muss – und dass die Modernisierung eines islamischen Staates im westlichen Sinne durchaus möglich ist.

Nicht zuletzt besitzt die Türkei ökonomisches Gewicht: Befände sich das Land mit seinen 80 Millionen Einwohnern in der Europäischen Union, wäre es mit einem Bruttoinlandsprodukt von 650 Milliarden Euro immerhin die siebtgrößte Volkswirtschaft. Die Ansteckungsgefahr für andere Schwellenländer ist also gewaltig, wie sich an den Börsentafeln und Devisenmärkten ablesen lässt.

Ausweglose Situation

Nun steht das Land, das noch vor 15 Jahren als großer Hoffnungskandidat unter den aufstrebenden Ländern galt, zweifelsfrei am Abgrund – und die Schuld trägt Erdogan allein. Nicht nur, dass er die Investoren mit seinen diktatorischen Anmaßungen abschreckte.

Erdogan degradierte auch die unabhängige Notenbank zum Befehlsempfänger des allmächtigen Präsidenten, was für ein Land mit einem chronisch hohen Leistungsbilanzdefizit tödlich ist. Er entfachte in seiner Not ein kreditfinanziertes Aufputschprogramm für die Wirtschaft, das tatsächlich das Wachstum trieb. Aber die Ökonomen wussten schon damals, dass es sich allenfalls um ein Strohfeuer handeln würde.

Währungskrise noch zu stoppen? – „Die Aussichten für die Türkei sind schlecht“

Nun, da US-Präsident Donald Trump Erdogan den Kampf angesagt hat und die Türkei mit Strafzöllen belegt, befindet sich der Präsident in einer nahezu ausweglosen Situation. Erhöht er die Zinsen, um den Kapitalabfluss zu stoppen, gleitet die Wirtschaft in eine Rezession ab. Lässt er weiterhin einen expansiven geldpolitischen Kurs fahren, geht die Kapitalflucht und damit der Verfall der Lira weiter.

Auch mögliche Kapitalverkehrskontrollen werden Erdogan nicht retten. Sein Appell, die Bürger mögen doch bitte ihre Sparguthaben, die sie oft in Euro und Dollar halten, in die heimische Währung umtauschen, ist nichts als ein Akt der Verzweiflung in einem Land, das unter zweistelligen Inflationsraten leidet.

Erdogan konnte deshalb so mächtig werden, weil er die Menschen mit einem Wohlstandsversprechen lockte. Dieses Versprechen wird er nicht halten können, im Gegenteil: Die Geschichte zeigt, dass ein plötzlicher Währungscrash, wie ihn die Türkei erlebt, oft den Beginn einer jahrelangen Wirtschaftskrise markiert, in der Millionen von Menschen ihre Jobs verlieren.

Ja, die Türkei ist Krisen gewohnt. Wieder und wieder putschten sich die Militärs an die Macht, um die islamistischen Tendenzen im Zaum zu halten und das laizistische Erbe des Staatsgründers Atatürk zu bewahren. Es ist durchaus das Verdienst Erdogans, diese Putschserie beendet und zumindest in den Anfangsjahren seiner Amtszeit für Stabilität gesorgt zu haben – politisch wie ökonomisch.

Krise birgt auch Chancen

Doch diese Zeiten sind vorbei. Erdogan hat der Versuchung der absoluten Macht nicht widerstanden. Und für Europa und auch Deutschland stellt sich die Frage: Wie umgehen mit dem absturzgefährdeten Diktator? Tatsächlich birgt diese Krise auch Chancen: Europa könnte der Türkei Kredite anbieten.

Der IWF wird wegen des Widerstands der Amerikaner womöglich blockiert sein, und Erdogan wird sich wohl kaum unter das Diktat der US-dominierten Institution begeben wollen. Dieses Angebot muss freilich einhergehen mit klaren politischen Zugeständnissen Erdogans.

Die Türkei verdient Unterstützung – auch weil sie mehr ist als Erdogan. Europa hat ein fundamentales Interesse an einer stabilen und weltoffenen Türkei. Nicht wegen des zu Recht umstrittenen Flüchtlingsdeals, sondern weil die Türkei Schlüsselstaat zwischen Orient und Okzident ist.

Die Ironie der Geschichte: Die Märkte sind der beste Verbündete im Kampf um eine weltoffene Türkei. „Die Demokratie ist der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind“, hat Erdogan gesagt, bevor er die Macht übernahm. Die Wahrheit ist: Ohne Demokratie gerät der Zug ins Stocken.

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3 Kommentare zu "Kommentar: Häme gegen die Türkei ist völlig fehl am Platz"

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  • Wo ist das Problem? Es wird mit allerlei Gesindel Handel getrieben, denn Geld stinkt ja nicht. In China werden Leute inhaftiert weil sie "Menschenrechte" googeln, in Saudi Arabien werden Leute geköpft oder ausgepeischt weil sie den Propheten beleidigt habenoder die Hose zu kurz war. Wenn wir diesen Leuten fröhlich Panzer verkaufen können, können wir Princess Erdogan auch Kredite geben. Das ist gut. Denn wer die Schulden kontrolliert, kontrolliert letztlich auch den Schuldner.

  • Einen Mann, (Menschen) der die Ermordung von mehr als
    1 Millionen Armenier leugnet,
    auch nur einen Funken von Verständnis entgegen zu bringen ist nicht nur ekelhaft und frevelhaft, sondern lt. BGB auch ein Verbrecher.
    Hier hätte der Bundesstaatananwalt schon längst tätig werden müssen!
    @ Frau Kah,
    Erfreuliche Weise gibt es auch noch Demokraten in der Türkei. Nur wie lange noch?
    Ansonsten haben Sie Recht.

  • Sehr geehrter Herr Dr. Münchrath,

    auf diesem Planeten gibt es etwa 200 Länder. Wir sind uns wahrscheinlich darin einig, dass wir mit allen diesen Ländern Handel treiben und diplomatische Beziehungen unterhalten sollten. Ich stimme Ihnen auch zu, dass "Häme" keinem Land gegenüber angebracht ist.

    Aber unsere Freunde sollten wir uns sorgfältig aussuchen. Es gibt leider Länder wie Nordkorea oder Syrien, in denen ein Diktator die Menschenrechte nicht achtet, das eigene Volk unterdrückt, ausbeutet und versklavt. Ich rede von den "Reichen des Bösen", innerhalb derer es natürlich vielerlei Abstufungen gibt. Aber all diese Schurkenstaaten haben auch ein gemeinsames Merkmal, an denen sie leicht zu erkennen sind. Gemeint ist die Verfolgung von Minderheiten.

    In der Türkei sind dies die Kurden und die Anhänger der Gülen-Bewegung. Darüber hinaus alle Personen, die dem Machtanspruch von Erdogan gefährlich werden könnten oder einfach nur eine Meinung äußern oder über Tatsachen berichten.

    Mit deutschen Steuergeldern ein Regime unterstützen, das Minderheiten verfolgt, unterdrückt, ins Gefängnis steckt, foltert usw.? (...) Auch wenn ich große Sympathie gegenüber dem türkischen Volk empfinde. Aber die türkischen Landsleute haben ihren Diktator selbst gewählt. Sollen wir diesen Diktator nun mit deutschen Steuergeldern auch noch an der Macht halten? Haben deutsche "Gutmenschen" nichts Besseres zu tun? Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Diskutieren erwünscht – aber richtig“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

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