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Kommentar Haltung ist jetzt wichtiger als das Streben nach Profiten

Covid-19 kann nicht nur die Gesundheit zerstören, sondern auch das Vertrauen in die Wirtschaft. Nach der Corona-Frage werden wir uns die Systemfrage stellen müssen.
06.04.2020 - 04:00 Uhr 3 Kommentare
Ein Mann trägt bei einer Demonstration vor dem Brandenburger Tor einen Mundschutz mit der Aufschrift „Leave None Behind“ . Quelle: dpa
Berlin

Ein Mann trägt bei einer Demonstration vor dem Brandenburger Tor einen Mundschutz mit der Aufschrift „Leave None Behind“ .

(Foto: dpa)

Das ist in diesen Tagen wichtig: Haltung. Vorstände führender deutscher Industriekonzerne verzichten auf Vergütung und begründen das damit, Zeichen setzen und Solidarität mit kurzarbeitenden Beschäftigten zeigen zu wollen. Eben Haltung zu demonstrieren. Manche spenden, andere lassen das Geld im Unternehmen. Eine Entscheidung zwischen Solidarität und Firmenkasse.

Bosch, Daimler, Lufthansa, Puma, Thyssen-Krupp – quer durch die Republik üben Manager Verzicht. Manche natürlich nicht ganz freiwillig, weil doch die Regierung angekündigt hat, wer staatlichen Schutz in Anspruch nimmt, sollte sich selbst bescheiden. Aber nicht alle Vorstände rücken von ihren teilweise millionenschweren Vergütungen ab. Warum sollten sie, wenn das Geschäft ihres Unternehmens brummt?

Doch es geht in Coronazeiten gar nicht darum, Vorständen und Geschäftsführern pauschal ihre Vergütung streitig zu machen. Es geht darum, Verhältnismäßigkeit zu wahren. Und das aus einem einfachen Grund: Die Pandemie wird eines Tages überstanden sein, und die Menschen, die jetzt noch in erster Linie um ihre Gesundheit oder ihren Arbeitsplatz bangen, werden sich rückblickend fragen, wie hat sich eigentlich mein Arbeitgeber, wie hat sich die gesamte Wirtschaft verhalten?

Es darf als sicher gelten, dass nach der Lösung der Coronafrage auch die Systemfrage gestellt werden wird. Das Jahrhundert ist noch keine 20 Jahre alt, und wir erleben jetzt mit der Coronakrise schon die dritte Krise, die das Zeug hat, Vertrauen in das Wirtschaftssystem nachhaltig zu erschüttern. Als die Dotcom-Blase gleich zum Auftakt des 21. Jahrhunderts platzte, erwischte es noch einen vergleichsweise kleinen Teil der Menschen. Anleger wurden mit luftigen Versprechungen und frisierten Bilanzen um ihr Geld gebracht.

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    Nur wenige Jahre später erschütterte die Finanz- und Wirtschaftskrise die Welt. Die Finanzindustrie war irrwitzig hohe Risiken eingegangen, die den Banken dann aber um die Ohren flogen. Und nicht nur ihnen. Die Finanzkrise löste einen Absturz der Realwirtschaft in einem Ausmaß aus, das die Welt seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hatte. Spätestens 2009 stellten viele Menschen die Sinnfrage. Ist Wirtschaften eigentlich für den Menschen da oder umgekehrt?

    Die aktuelle Coronakrise hat nur auf den ersten Blick einen völlig anderen Auslöser, nämlich ein Virus. Tatsächlich aber stellen wir schon jetzt die Grundzüge unseres Systems infrage: die arbeitsteilige Wirtschaft beispielsweise. Wie kann es sein, dass Grundstoffe der pharmazeutischen Industrie in hochentwickelten europäischen Ländern nicht mehr produziert werden? Ist medizinische Versorgung nicht originäre Aufgabe des Staates?

    Privatisierung ist out

    All das wird uns in Nach-Corona-Zeiten intensiv beschäftigen. Und es dürfte schon heute feststehen, dass die Antworten darauf einige Prinzipien unseres bisherigen Wirtschaftens aushebeln werden. Etwa diese: Privatisierung ist out, der Staat wird in Zukunft wieder viele Aufgaben an sich ziehen.

    Das werden die Führungskräfte in den Unternehmen nicht verhindern, aber sie können die bevorstehende Auseinandersetzung zwischen Wirtschaft und Gesellschaft im Positiven beeinflussen. Indem sie jetzt verantwortlich mit der wahrlich komplizierten Lage umgehen.

    Beispiel Dividenden. Rund 44 Milliarden Euro wollten die Aktiengesellschaften noch vor wenigen Wochen in Summe an die Aktionäre ausschütten. Betriebswirtschaftlich ist das korrekt, berechnen sich Dividenden doch nach dem Geschäftsergebnis des Vorjahres. Und das war bei vielen herausragend. Doch die Zeiten sind jetzt andere. Vorsorge ist angesagt. Und es mutet doch sonderbar an, wenn die Arbeitnehmer des Unternehmens Gehaltseinbußen wegen Kurzarbeit akzeptieren müssen, während die Eigentümer ungeschoren davonkommen. Und das Unternehmen womöglich noch weitere Staatshilfen in Anspruch nehmen muss.

    Furore machten zuletzt sogar Mietverpflichtungen für Geschäftslokale. Normalerweise interessiert das niemanden. Aber die Zeiten sind nicht normal. Adidas bekam den Sturm der Entrüstung stellvertretend für alle zu spüren, die dasselbe planen, als der Sportartikelhersteller kurzerhand Mietzahlungen aussetzen wollte. Darf ein Konzern, der Milliarden verdient, arme Vermieter austrocknen? Man könnte es auch anders sehen: Adidas wollte Lasten der Coronakrise an gut verdienende Immobilienfonds weiterreichen. Denn denen dürften die meisten Adidas-Geschäfte in den 1-a-Lagen gehören.

    Covid-19 treibt Manager in ein Dilemma. Es gibt kein Richtig oder Falsch mehr. Die Frage lautet: Was ist angemessen? Im Grunde ist der Gehaltsverzicht von hochbezahlten Vorständen ein Witz im Vergleich zu den Sorgen eines Fabrikarbeiters. Aber er zeigt Haltung. Und das zählt in diesen Tagen und auch für die Zukunft mehr als so manche betriebswirtschaftlich gut begründete Entscheidung.

    Mehr: Commerzbank-Vorstände warnen: „Der Höhepunkt der Krise liegt noch vor uns“.

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    3 Kommentare zu "Kommentar: Haltung ist jetzt wichtiger als das Streben nach Profiten"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Grundsätzlich wird nicht alles in Deutschland dadurch besser, dass es der Staat, bzw. Beamte machen. Für das Gegenteil gibt es mehr Beispiele. Wieviel teuren Staat wollen wir uns denn noch leisten? Ich weiß auch nicht, wieso in diesen politisch getriebenen Diskussionen häufig die Gehälter der Führungskräfte der freien Wirtschaft im Focus stehen und da immer Solidarität abgefordert wird? Verzichten denn öffentlich Bedienstete oder Politiker auf ihre Entgelte oder ihre üppigen Pensionen? Das habe ich zumindest noch nie gehört. Auch in der derzeitigen Krise bleibt diese Gruppe materiell ungeschoren. Solidarität scheint eben doch eine Einbahnstraße zu sein !?...

    • Hab ich jetzt das Neue Deutschland abonniert? Greift Corona außer der Lunge noch andere wichtige Organe an? In welchem Land und in welchem System möchte der Autor gerade lieber sein als im marktwirtschaftlich-regulierten Deutschland?

    • Hervorragender Artikel. Glückwunsch.

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