Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Kommentar Haseloffs Attacke auf Tom Buhrow ist billiger Populismus

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident fordert vom neuen ARD-Vorsitzenden einen Gehaltsverzicht. Mit dem Angriff lenkt er vom Versagen der Politik ab.
30.01.2020 - 12:21 Uhr Kommentieren
Nicht die Gehälter der Senderchefs sind das Problem, sondern die Qualität des Managements. Quelle: dpa
Tom Buhrow

Nicht die Gehälter der Senderchefs sind das Problem, sondern die Qualität des Managements.

(Foto: dpa)

Der Posten als WDR-Intendant ist für Tom Buhrow kein Zuckerschlecken. Mit seiner Entschuldigung und Löschung der umstrittenen „Umweltsau“-Satire aus dem eigenen Haus hat er zu Jahresbeginn einen klassischen Fehlstart als neuer ARD-Vorsitzender hingelegt.

Nun macht ihn Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff zur Zielscheibe mit seinem populistischen Angriff. Der CDU-Politiker fordert den Kölner Intendanten auf, seine jährlichen Bezüge von rund 400.000 Euro den Bezügen des Bundespräsidenten von rund 214.000 Euro anzupassen.

„Es ist schon schwierig, zu vermitteln, warum Intendanten wie Herr Buhrow viel mehr verdienen müssen als der Bundespräsident“, sagte Haseloff der Wochenzeitung „Die Zeit“. Gerade in Ostdeutschland leuchte das niemandem ein.

Die Attacke des Ministerpräsidenten ist wohlüberlegt. Denn in Ostdeutschland macht die AfD seit Jahren systematisch Front gegen ARD und ZDF – offenbar mit Erfolg. Denn Haseloff versucht mit seinem Vorschlag, die Lufthoheit über die Stammtische seiner Wähler wiederzugewinnen.

Der billige Angriff auf die ARD-Führung ist politisch mehr als fragwürdig. Noch viel schlimmer ist aber, dass Haseloff auf diese Weise eine ernsthafte Debatte über eine tiefgreifende Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland beschädigt. Der Diskurs, worin die Zukunft von ARD und ZDF im digitalen Medienzeitalter mit neuen Konkurrenten von Netflix, Amazon oder Google liegt, droht endgültig aus den Fugen zu geraten.

Nicht die Gehälter der Senderchefs sind das Problem, sondern die Qualität des Managements. Führungskräfte bei ARD und ZDF, die nicht bereit zu umfassenden Veränderungen sind, um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk effektiver und preiswerter zu machen, kosten die Sender weit mehr als nur die Bezüge.

Ihre Gehälter sind ohnehin im Vergleich zur privaten Konkurrenz unterdurchschnittlich. Die Spitzenpositionen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk werden traditionell aus den eigenen Reihen bestimmt – abgestimmt mit der jeweiligen Landesregierung.

Das Ergebnis: Nicht Unternehmer, sondern Administratoren führen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Ihre Qualität als Führungskräfte verleitet daher kein privates Unternehmen, sie von den Chefsesseln in den Rundfunkanstalten auf einen Vorstandsposten wegzulocken.

Ein Wechsel zu einem börsennotierten Medienkonzern, wie ihn der frühere BBC-Chef Mark Thompson bereits vor acht Jahren als CEO der „New York Times“ vollzogen hat, ist hierzulande völlig unvorstellbar.

Sender im Paralleluniversum

Es wäre daher sinnvoll, für das Management bei ARD und ZDF künftig sogar mehr Geld auszugeben, wenn dadurch der öffentlich-rechtliche Rundfunk ein besseres Programm für weniger Geld machen kann. Allein die ARD zählt rund 22.000 Festangestellte und Heerscharen von freien Mitarbeitern. Um einen derartigen Apparat zu führen, braucht es erfahrene, innovations- und durchsetzungsstarke Führungskräfte wie in einem Dax-Konzern.

Übrigens, im internationalen Maßstab ist das Gehalt von WDR-Intendant Buhrow keineswegs besonders hoch, auch wenn das noch zum langjährigen Chef des Arbeitsamtes Wittenberg, Reiner Haseloff, vorgedrungen sein sollte. ORF-Intendant Alexander Wrabetz verdient bei deutlich geringerem Budget und weniger Mitarbeitern mehr. Hinzu kommt: Österreich besitzt nur halb so viel Einwohner hat wie Nordrhein-Westfalen.

Externe Spitzenkräfte für die Führung von ARD und ZDF zu gewinnen verhindern aber die 16 Bundesländer, die laut Verfassung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk verantwortlich sind, bereits seit Jahrzehnten. Sie haben mit ihren Rundfunkstaatsverträgen ein Paralleluniversum geschaffen, das einem Perpetuum mobile gleichkommt. Es bewegt sich, aber es kommt nicht vom Fleck.

Beispielsweise werden die Gehälter vom Verwaltungsrat aus Politikern, Gewerkschaftern und Lobbyisten der jeweiligen ARD-Anstalt festgelegt. Die dortigen Mitglieder – deren Kompetenz in der Praxis höchst unterschiedlich ausfällt – werden wiederum vom politisch jeweils gefärbten Rundfunkrat gewählt.

Für diese anachronistischen Strukturen sind die Länder verantwortlich und nicht die Intendanten. Das weiß natürlich Haseloff nur zu gut. Gerade deshalb ist seine Kritik so unlauter.

Die Attacke des ostdeutschen Ministerpräsidenten stellt nur die Ouvertüre zu einer sich abzeichnenden politischen Schlammschlacht um eine künftige Erhöhung der Rundfunkgebühr im nächsten Jahr. Die Finanzkommission KEF wird am 20. Februar ihren Vorschlag vorstellen, der von allen Bundesländern im Landtag verabschiedet werden soll.

Voraussichtlich werden die Experten eine Anhebung von derzeit 17,50 Euro monatlich auf 18,36 Euro vorschlagen. Dann wird wieder mit großem Tamtam um ein paar Cent zwischen den Landesregierungen gefeilscht werden. Das eigentliche Problem, wie ein moderner, effektiver und kundennaher öffentlich-rechtlicher Rundfunk im digitalen Zeitalter überhaupt aussehen soll, wird auch diesmal wieder ins Hintertreffen geraten.

Die Bundesländer haben mit der Abschaffung der früheren Gerätegebühr einen historischen Fehler gemacht. Denn mit der Einführung der Haushaltsgebühr vor sieben Jahren haben sie alle Bürger lebenslang verpflichtet, lebenslang für ARD und ZDF zu zahlen – und zwar unabhängig davon, ob sie die Angebote im Fernsehen, Radio und Internet überhaupt nutzen.

In der Absolutheit des Rundfunkbeitrags liegt das eigentliche Problem. Doch noch bringen die Länder nicht den Mut auf, über eine Alternative mit Optionen für den Bürger nachzudenken. Sie drohen einen zweiten großen Fehler zu machen.

Mehr: Der frühere WDR-Intendant Fritz Pleitgen kritisiert die homogene Berichterstattung und warnt vor dem Verfall der Demokratie. Eine seiner Hauptforderungen: bessere Programme im TV.

Startseite
Mehr zu: Kommentar - Haseloffs Attacke auf Tom Buhrow ist billiger Populismus
0 Kommentare zu "Kommentar: Haseloffs Attacke auf Tom Buhrow ist billiger Populismus"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%