Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Kommentar Im Streit um Nord Stream 2 spielen die USA mit gezinkten Karten

In der Debatte über Nord Stream 2 suggerieren die USA, sie wollten Russland die Stirn bieten. In Wahrheit wollen sie Geld verdienen.
Kommentieren
USA spielen im Streit um Nord Stream 2 mit gezinkten Karten Quelle: dpa
Rohre für die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2

Nord Stream 2 bringt zusätzliche Liquidität in den Markt und macht die Gasversorgung robuster.

(Foto: dpa)

Der Kampf der USA gegen Nord Stream  2 gewinnt kontinuierlich an Skurrilität. Aber auch die jüngste Zuspitzung, der Drohbrief des US-Botschafters an deutsche Unternehmen, vermag nichts daran zu ändern, dass es sich aus deutscher Sicht lohnt, weiter für das Projekt zu kämpfen.

Die Amerikaner spielen mit gezinkten Karten. Sie suggerieren, es gehe ihnen darum, Europa aus den Klauen Russlands zu befreien. Ihr Hauptargument, Nord Stream 2 erhöhe die Abhängigkeit Europas von russischem Gas, ist bei genauer Betrachtung nicht stichhaltig. Und vor allen Dingen: Es ist vorgeschoben. Den USA geht es um etwas ganz anderes.

Fachleute gehen davon aus, dass die USA sich innerhalb der nächsten zehn Jahre zum drittgrößten Exporteur von verflüssigtem Erdgas (Liquefied Natural Gas, kurz LNG) entwickeln werden. Für das Land ist Erdgas ein wichtiges Asset geworden, das sie verständlicherweise gerne nutzen wollen.

Die üppigen Erdgasvorkommen, die sich mittels Fracking nutzen lassen, sichern die günstige Versorgung der eigenen Industrie – und in verflüssigter Form haben sie obendrein das Potenzial, sich zum Exportschlager zu entwickeln. Man muss sich nur die passenden Absatzmärkte schaffen.

Darin sind amerikanische Unternehmen, unterstützt von ihrer Regierung, geübt. Intensiv haben US-Konzerne etwa dafür geworben, LNG nach Polen zu liefern. Ein langfristiger Liefervertrag ist das Ergebnis. Polen, ein erbitterter Gegner von Nord Stream 2, bezieht künftig LNG aus den USA. Gerne würden US-Unternehmen auch deutsche Abnehmer beliefern. Gas aus Russland ist da natürlich ein lästiger Konkurrent.

Dass der BASF-Chef zu den Adressaten des Briefs von US-Botschafter Grenell gehört, kommt nicht von ungefähr. BASF hat großes Interesse an einer günstigen Erdgasversorgung und beteiligt sich daher an der Finanzierung von Nord Stream 2. Wer BASF im Zusammenhang mit Nord Stream 2 droht, trifft einen schmerzempfindlichen Punkt.

Erdgas ist für die Chemieindustrie ein wichtiger Rohstoff. Mit russischem Pipelinegas ist die Branche hierzulande seit Jahrzehnten sicher und kostengünstig versorgt worden. Fachleute rechnen vor, dass allein die Chemiebranche durch Nord Stream 2 europaweit jährlich bis zu drei Milliarden Euro einspart.

LNG ist nun einmal wesentlich teurer als russisches Pipelinegas. Wenn Nord Stream 2 nicht käme, müsste die Industrie stärker auf LNG oder andere teurere Alternativen ausweichen, was die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen schwächen und indirekt die US-Industrie stärken würde.

Keine stichhaltigen Argumente

Das von den Amerikanern immer wieder ins Feld geführte Argument, Nord Stream 2 mache die Ukraine erpressbar, ist nicht sehr stichhaltig. Erstens: Die Ukraine bezieht seit Jahren kein Erdgas mehr direkt aus russischen Quellen. Russisches Erdgas kommt nur noch über den Umweg über andere Länder in die Ukraine. Zweitens: Nord Stream 2 kann rein von der Kapazität her den Transit russischen Erdgases durch die Ukraine nicht ersetzen. Die russische Seite sieht selbst die Notwendigkeit, auch in Zukunft Gas über die Ukraine in die EU zu leiten.

Und es ist auch nicht so, wie die Amerikaner suggerieren, dass ganz Osteuropa Nord Stream 2 ablehnt. In Tschechien etwa weiß man sehr wohl, dass man von Nord Stream 2 profitieren würde. Denn die Pipeline wird ja keineswegs gebaut, damit die Deutschen ihre Gasversorgung an den Interessen ihrer Nachbarn vorbei sichern. Das Gas aus der Pipeline wird allen Prognosen zufolge nur zu einem Teil in Deutschland verbraucht. Ein großer Teil fließt voraussichtlich über Eugal, die in Bau befindliche Europäische Gas-Anbindungsleitung, vom Nord-Stream-2-Anlandepunkt an der Ostsee nach Tschechien.

Nord Stream 2 bringt zusätzliche Liquidität in den Markt und macht die Gasversorgung robuster. Das immer wieder suggerierte Erpressungspotenzial hingegen ist gering. Zwei Dutzend LNG-Terminals sind gewissermaßen die Versicherungspolice für Europa. Sollte Russland einmal den Gashahn zudrehen wollen, wäre LNG eine – teure – Alternative.

Auch der energiewirtschaftliche Gesamtkontext spricht für Nord Stream 2. Europas Gasbedarf wird nicht sinken, sondern auf mittlere Sicht sehr wahrscheinlich steigen oder allenfalls stagnieren.

Das gilt gerade in Deutschland: Das letzte Atomkraftwerk geht 2022 vom Netz, der Ausstieg aus der Kohleverstromung ist greifbar. Die Lücke muss geschlossen werden. Gas ist die einzige Alternative. Hinzu kommt: Deutschlands drittwichtigster Gaslieferant, die Niederlande, hat entschieden, die Förderung in Kürze um zwei Drittel zu reduzieren und 2030 ganz einzustellen. Ersatz muss her.

Warum Russland mit seinem skandalösen Gebaren in der Ukraine, mit den jüngsten Machtdemonstrationen im Asowschen Meer, mit all den gezielten Regelverletzungen ausgerechnet den USA Argumentationshilfe liefert, bleibt das Geheimnis Putins. Es fiele leichter, für Nord Stream 2 zu werben, wenn Putin rationaler handeln würde.

Startseite

Mehr zu: Kommentar - Im Streit um Nord Stream 2 spielen die USA mit gezinkten Karten

0 Kommentare zu "Kommentar: Im Streit um Nord Stream 2 spielen die USA mit gezinkten Karten"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote