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Kommentar In Menschenrechtsfragen hilft Unternehmen nur klare Kante – auch wenn es finanziell wehtut

Die moralisch saubere Lieferkette scheint vielen Firmen ein frommer Wunschtraum. Doch letztlich werden die Konsumenten sie dazu zwingen.
04.04.2021 - 12:01 Uhr Kommentieren
Nach einer Entscheidung in Menschenrechtsfragen traf das Unternehmen ein staatlich gelenkter Shitstorm. Quelle: UPI/laif
H&M-Store in China

Nach einer Entscheidung in Menschenrechtsfragen traf das Unternehmen ein staatlich gelenkter Shitstorm.

(Foto: UPI/laif)

Für den Banknotenhersteller Giesecke + Devrient war es vergleichsweise einfach, moralische Integrität zu beweisen: Wegen des gewaltsamen Vorgehens der Sicherheitskräfte gegen die Opposition stellte das Unternehmen kurzerhand die Geschäftsbeziehungen zu Myanmar ein. Das kostete zwar einen lukrativen Auftrag, ließ sich aber gut verkraften.

Viele andere Unternehmen, gerade in der Modebranche, haben es nicht so leicht, klare Kante in Menschenrechtsfragen zu zeigen. Sie befinden sich in einem Dilemma: Die Öffentlichkeit erwartet zu Recht von ihnen, dass ethische und moralische Standards im gesamten Produktionsprozess eingehalten werden. Doch komplizierte Lieferbeziehungen und international unterschiedliche Standards machen kurzfristige Lösungen für sie praktisch unmöglich.

Besonders brutal lernt diese Lektion gerade die Modemarke H&M. Im Grunde hatte das Unternehmen eine lobenswerte Entscheidung getroffen: Schon im vergangenen Herbst hatte es verkündet, keine Baumwolle mehr aus einer westchinesischen Region beziehen zu wollen, wo Berichten von Menschenrechtsorganisationen zufolge die muslimische Minderheit der Uiguren Zwangsarbeit verrichten muss. Doch nun, Monate später, erntet es dafür einen staatlich orchestrierten Shitstorm in China, wird aus Geschäften getrieben und von Internetplattformen entfernt.

Um den Schaden zu begrenzen, ließ sich die Unternehmensführung dazu hinreißen, bei der Vorlage der Quartalszahlen in blumigen Worten „Fortschritte in der chinesischen Textilindustrie“ zu loben. Dafür gab es dann gleich die nächste Rüge. Diesmal in der Presse und in Social Media in Europa. Als Kapitulation gegenüber China wurden die Aussagen gewertet.

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    Die klare Lehre daraus: In Menschenrechtsfragen darf ein Unternehmen nicht lavieren, auch wenn es finanziell wehtut. Eine Marke, die in dieser Frage wackelt, verliert Glaubwürdigkeit. Und die ist in der heutigen Zeit genauso wichtig wie die Qualität der Produkte.

    Ethische Standards nicht auf Knopfdruck

    Zugleich aber wäre es weltfremd, zu erwarten, dass ein Unternehmen praktisch auf Knopfdruck seine Lieferkette bis zu den Rohstoffen moralisch unangreifbar macht. Gerade in der Diskussion um die Umsetzung eines Lieferkettengesetzes in Deutschland waren in den vergangenen Monaten zuweilen Forderungen aufgestellt worden, die für viele Unternehmen quasi die Einstellung des Geschäftsbetriebs bedeutet hätten.

    Man kann es beklagen, aber nicht in allen Ländern sind die Standards bei den unternehmerischen Sorgfaltspflichten gleich hoch. Und die Maßstäbe, die beispielsweise in Deutschland als selbstverständlich gelten, lösen in etlichen Produktionsländern Kopfschütteln aus oder sind praktisch nicht durchsetzbar.

    Da können westliche Modefirmen ihren Lieferanten zwar Vorgaben machen und rote Linien ziehen – aber zwingen können sie sie nicht. Und häufig genug fällt es sogar schwer genug, einfach nur zu überprüfen, ob Vereinbarungen in Menschrechtsfragen, bei der Produktionssicherheit oder beim Umweltschutz eingehalten wurden.

    In letzter Konsequenz bleibt dann nur noch die Beendigung der Geschäftsbeziehung. Aber auch das ist häufig leichter gesagt als getan. Gerade in der Modeindustrie gibt es zu wichtigen Lieferländern wie beispielsweise Bangladesch, China oder Vietnam im Moment keine echte Alternative. Es gibt keine entsprechenden Produktionskapazitäten in vergleichbarer Qualität in moralisch unverdächtigen Ländern, die sofort bereitstünden. Wenn ein Unternehmen dort umsteuern will und neue Lieferanten sucht, braucht es Zeit und lange Vorbereitung.

    Bestes Vorbild ist der Klimaschutz

    Dazu kommt: Vielleicht ist es für das Image besser, wenn eine Modemarke öffentlichkeitswirksam die Produktion aus einem Land abzieht und sich so nicht mehr die Finger schmutzig macht, wenn die Produktionsbedingungen dort nicht unseren Vorstellungen entsprechen. Die Frage muss aber erlaubt sein, ob es für die betroffenen Mitarbeiter nicht besser wäre, wenn in vielen kleinen Schritten in Zusammenarbeit zwischen Abnehmer und Lieferant die Bedingungen verbessert worden wären – auch wenn man auf diesem Wege Kompromisse machen muss.

    Letztlich ist aber klar: Trotz aller Schwierigkeiten bei der Umsetzung gibt es für Unternehmen keinen anderen Weg, als langfristig die Lieferkette nach nachhaltigen und ethischen Gesichtspunkten zu steuern. Gerade die Menschenrechte dürfen dabei kein Kriterium neben anderen sein. Vor jeder Entscheidung im Beschaffungsprozess und jedem Vertragsabschluss muss zwingend die Frage nach den Menschenrechten gestellt – und beantwortet – werden.

    Viele moralische Ansprüche galten in der Wirtschaft lange Zeit als weltfremd, als kaum umsetzbar – allerdings immer nur so lange, bis es von den Kunden als selbstverständlich erwartet wurde. Bestes Beispiel ist der Klimaschutz, der lange Zeit in der Wirtschaft als lästiges Hindernis wahrgenommen wurde. Jetzt aber kommt eine Generation, für die diese Frage nicht mehr verhandelbar ist.

    Ähnlich wird es mit nachhaltigen und ethisch sauberen Lieferketten sein. Unternehmen, die sich rechtzeitig darauf einstellen und jetzt die richtigen Weichen stellen, werden dann im Vorteil sein.

    Mehr: H&M, Nike, Adidas: Shitstorm gegen internationale Modemarken in China.

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