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Kommentar Jetzt kommt der Entzug für die Finanzbranche

Wenn die US-Notenbank den Märkten die Unterstützung verweigert, wird das für viele Firmen ein Stresstest. Sie müssen früh genug ihre Geschäftsmodelle überprüfen.
20.06.2021 - 15:54 Uhr Kommentieren
. Die US-Märkte geben den Börsen weltweit die Richtung vor. Quelle: AP
Wall Street

. Die US-Märkte geben den Börsen weltweit die Richtung vor.

(Foto: AP)

Der große Kurseinbruch, den die Crashpropheten immer wieder voraussagen, ist bisher ausgeblieben und kommt wahrscheinlich auch nicht. Die große Inflation, die viele in Deutschland fürchten, ist auch kein wahrscheinliches Szenario. Überhaupt lauern die Risiken an den Kapitalmärkten meist gerade da, wo sie keiner vermutet und wo deswegen auch niemand so recht vorbereitet ist.

Vielleicht kommt auf leisen Sohlen etwas anderes: eine längere Zeit müder Kapitalmärkte. Mit Aktienkursen, die mal nervös reagieren, mal einzuschlafen scheinen, aber letztlich nicht von der Stelle kommen. Mit Anleihen, deren Renditen zu niedrig sind, um laufende Erträge zu generieren, deren Kurse aber tendenziell schwächeln, sodass in dem Bereich nichts zu holen ist. Vielleicht auch mit Kryptowährungen, die sich hin und wieder austoben, wenn Tesla-Chef Elon Musk twittert, was ihm gerade zu Bitcoin einfällt – aber auch ohne klare Tendenz.

So eine Phase wird die Geschäftsmodelle der Finanzbranche auf die Probe stellen. Für einige Firmen wird sie zum Stresstest. Das betrifft auch Unternehmen in anderen Branchen – etwa in den Medienhäusern, die zum Teil sehr gut vom scheinbar ewig währenden Börsenboom profitieren und sich immer mehr auf diese Thematik eingelassen haben.

So eine Phase kann dadurch eingeleitet werden, dass die US-Notenbank (Fed) den Märkten ihre Unterstützung entzieht. Noch macht sie das nicht, aber immerhin redet sie schon darüber. Die US-Märkte geben den Börsen weltweit die Richtung vor, und andere Notenbanken wie die Europäische Zentralbank (EZB) folgen wahrscheinlich mit zeitlichem Abstand und tragen ebenfalls zur Entziehungskur bei.

Das sind wir nicht mehr gewohnt: Märkte ohne Rückenwind und Absicherung seitens der Notenbanken. Aber darauf steuern wir mit Erholung der Weltwirtschaft wahrscheinlich zu. Gewohnt sind wir vielmehr das, was manche Experten eine „rationale Blase“ nennen: Märkte mit hohen Bewertungen, die aber rechnerisch wegen der scheinbar ewig niedrigen Zinsen eine kalkulatorische Grundlage haben. Diese Grundlage ist in Gefahr.

Aktien: Langeweile ist die größte Gefahr

Wenn es an den Märkten richtig kracht, können einige Bereiche der Finanzbranche noch gut verdienen. Die größte Gefahr ist, wenn Langeweile ausbricht. Dann liefern Handel und Absicherung an den Märkten weniger ab. Dann wird es für die Vermögensverwalter eng, weil sie keine guten Ergebnisse mehr zeigen können. Dann sinkt der Bedarf an Beratung und insgesamt das Interesse der Privatkunden an Börsenwerten.

In dieser Phase ist zweierlei entscheidend: ein möglichst breit aufgestelltes Geschäftsmodell und eine gute Kundenbindung. Wer zu einseitig auf die Börsenrally gesetzt hat, kann gleich zweifach verlieren: einmal direkt bei den Einnahmen am Kapitalmarkt und zweitens durch das Abbröckeln der Kundenbasis. Wer dagegen auch Geschäfte abseits der Märkte macht und die Kunden mit einer Rundumbetreuung zu ganz verschiedenen Themen verwöhnt, dürfte ein stabileres Geschäft haben.

Spezialisierung gilt ja, gerade bei Analysten, häufig als Stärke. Aber in Zeiten des Umbruchs kann auch eine Schwäche daraus werden. Das klassische Modell der Universalbank kann dann durchaus seine Stärke ausspielen, wenn es ein solides Fundament hat.

Stresstest im konstruktiven Sinn notwendig

Wichtig ist, spätestens jetzt das eigene Geschäftsmodell zu analysieren und, wenn sich dabei eine Unwucht zeigen sollte, die Korrektur einzuleiten. Das heißt also, einen Stresstest im konstruktiven Sinn durchzuführen: durchzurechnen, wie weit der Gewinn von einzelnen Geschäftsfeldern abhängig ist und wo es die Möglichkeit gäbe, Risiken besser auszubalancieren.

Wenn die rationale Blase erst einer rationalen Müdigkeit gewichen ist, wenn der Enthusiasmus bestimmter Kunden sich in Luft aufgelöst hat, dann ist es zu spät umzusteuern. Wer dann erst versucht, neue Ertragsquellen aufzutun, wird feststellen, dass andere schon da sind. Und der Übergang wird nicht leicht. Möglicherweise lahmt das Börsengeschäft schon, bevor das Zinsgeschäft wieder satte Margen einbringt.

Die falsche Strategie wäre, das Wegbrechen der Ertragsbasis und eine Schwäche der Kundenbasis, möglicherweise getrieben von Analysten und Investoren, durch das Eingehen höherer Risiken kompensieren zu wollen. Damit werden Probleme nicht gelöst, sondern nur überdeckt.

Die Schnellen fressen die Langsamen, heißt es. Aber die Weitsichtigen fressen auch die Kurzsichtigen – und in der Finanzbranche die mit einer klaren Risikokontrolle diejenigen, die sich eine klare Risikobewertung gar nicht mehr leisten können.

Mehr: Warum die Kehrtwende der Geldpolitik so schwierig ist

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