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Kommentar Jetzt sollten wir über die Zukunft unseres Gesundheitssystems diskutieren

Die Krise hat gezeigt, wie flexibel und innovativ das deutsche Gesundheitssystem sein kann. Das sollte für eine Strukturdiskussion genutzt werden.
03.06.2020 - 15:32 Uhr Kommentieren
Effizienter zu werden muss nicht zwangsläufig eine schlechtere Versorgung bedeuten. Quelle: dpa
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Effizienter zu werden muss nicht zwangsläufig eine schlechtere Versorgung bedeuten.

(Foto: dpa)

Deutschland hat die bisherigen Auswirkungen der Corona-Pandemie im Gesundheitssystem gut gemeistert. Die Ausbreitung des Virus wurde durch den Lockdown wirksam eingedämmt sowie eine Überlastung der Kliniken bei der Versorgung der Patienten vermieden. Und die Zahl der Todesfälle in Verbindung mit Sars-CoV-2 konnte so im Verhältnis zur Zahl der Infizierten auf einem international niedrigen Niveau gehalten werden.

Das ist zu einem guten Teil auf die Funktionsfähigkeit des deutschen Gesundheitssystems zurückzuführen. Die Zahl der Intensivbetten und Beatmungsplätze ist im Vergleich zu anderen Ländern relativ hoch. Die Kapazitäten konnten in der Pandemie rasch ausgeweitet werden.

Dass die Gesundheitsversorgung also funktioniert hat, heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass man im System jetzt so weitermachen kann wie bisher. Denn die Leistungen, die etwa die Kliniken bereitgestellt hatten, werden zum Großteil durch einen milliardenschweren Rettungsschirm der Bundesregierung finanziert. Deutschlands Gesundheitsversorgung in der Pandemie war auch deswegen besser als in vielen anderen Ländern, weil wir ein reiches Land sind, das sich diese Ausgaben leisten kann.

Strukturell hat sich an der Lage nichts geändert: Nach wie vor gibt es etwa im Krankenhaussektor in vielen Regionen Überkapazitäten, die Betten sind im Durchschnitt nur zu 77 Prozent ausgelastet, und überall fehlen Pflegekräfte. Viele Kliniken sorgen sich ums wirtschaftliche Überleben, und tatsächlich könnte die Corona-Pandemie die Lage noch verschlimmern, denn drei Viertel der Krankenhäuser geben laut einer aktuellen Umfrage der Krankenhausgesellschaft an, dass die Ausgleichszahlungen der Bundesregierung nicht ausreichend sind.

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    Die Coronakrise hat aber auch ein Gutes: Sie hat gezeigt, wie schnell Veränderungen im Gesundheitssektor möglich sind, wenn es die Situation erfordert. Drive-in-Stationen zur Abnahme einer Speichelprobe hätte sich vor der Pandemie wohl kaum jemand vorstellen können. Krankschreibung per Telefon, sonst Anlass zu jahrelangen Debatten, wurde binnen weniger Wochen möglich. Anbieter von Online-Sprechstunden bekamen von Patienten wie von Ärzten regen Zulauf, und eine Gesellschaft diskutiert breit über Nutzen und Risiken einer Tracking-App zur Eindämmung von Infektionen.

    Einen solchen Wandel der Einstellungen zum Einsatz digitaler Lösungen hätte es ohne die Corona-Pandemie in dieser Geschwindigkeit wohl nicht gegeben. Jetzt gilt es, diesen Schwung zu nutzen, um die Vorteile, die neue Technologien bringen können, breiter verfügbar zu machen.

    Die Versorgung muss effizienter werden

    Das ist auch deshalb wichtig, weil die Gesundheitsversorgung effizienter werden muss – insbesondere vor dem Hintergrund der hohen Schulden, die wegen der Coronakrise aufgenommen werden und die die Haushalte in den kommenden Jahren stark belasten werden. Defizite, die Kliniken in Zukunft erwirtschaften, werden künftig wohl nicht mehr so einfach von der öffentlichen Hand ausgeglichen wie in den vergangenen guten wirtschaftlichen Jahren.

    Effizienter zu werden muss nicht zwangsläufig eine schlechtere Versorgung bedeuten. Reserven gibt es genug: Die überbordende Bürokratie wird seit Langem beklagt, aber jedes Jahr eigentlich schlimmer. In den Kliniken etwa sollten ab diesem Jahr die Pflegepersonalkosten aus den Fallpauschalen herausgenommen und gesondert erfasst werden – eine Maßnahme im Rahmen des Pflegepersonalstärkungsgesetzes, die neue individuelle Verhandlungen des Krankenhauses mit den Krankenkassen erfordert und einen zusätzlichen Dokumentationsaufwand für die Kliniken.

    Inwieweit diese Maßnahme dann das Pflegepersonal auch tatsächlich stärkt, wird sich noch herausstellen müssen. Schon jetzt ist aber klar, dass mit solchen Maßnahmen wieder um den Patienten herum geregelt wird und nicht er dabei im Mittelpunkt steht.

    Jetzt, wo die Coronakrise das Land aufgerüttelt und viele Kräfte mobilisiert hat, wäre es an der Zeit, einmal grundsätzlich zu diskutieren, welches Gesundheitssystem wir uns in Deutschland leisten wollen und leisten können. Welche Versorgung brauchen wir stationär? Was geht ambulant, und was kann digital angeboten werden?

    Das ist nicht die Diskussion um ein weiteres Konjunkturprogramm. Es geht darum, die Strukturen zu analysieren und zu fragen, welche Bedürfnisse die Patienten haben. Die wollen nämlich, wenn möglich, gar nicht ins Krankenhaus, sondern lieber ambulant behandelt werden. Die würden gern unnötige Wartezeiten beim Arzt vermeiden und Termine und Rezepte elektronisch abwickeln.

    Aber solange jede Berufsgruppe im Gesundheitssystem die eigenen Pfründen verteidigt, wird es schwer, grundlegende Änderungen umzusetzen. Die Patienten sind zu Veränderungen bereit. Die Politik scheint es auch. Es ist Zeit, dass die Bedenkenträger umschalten.

    Mehr: Immer weniger Corona-Patienten auf deutschen Intensivstationen

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