Kommentar Kaesers neue Strategie für Siemens ist eine Gratwanderung

Mehr Eigenverantwortung für die Geschäfte ist richtig. Der Siemens-Chef schafft mit seiner Strategie jedoch nur neue Sollbruchstellen.
Kommentieren
Der Siemens Chef wandelt bei seiner neuen Strategie auf einem schmalen Grat. Quelle: AFP/Getty Images
Joe Kaeser

Der Siemens Chef wandelt bei seiner neuen Strategie auf einem schmalen Grat.

(Foto: AFP/Getty Images)

Siemens-Chef Joe Kaeser wiederholt es mantraartig. Ein Konzern wie Siemens muss seine Zukunft aus einer Position der Stärke heraus selbst gestalten – bevor es andere tun. Und so hat er die Geschäfte nach der Machtübernahme vor fünf Jahren zunächst neu geordnet, ihnen dann mehr Eigenständigkeit gegeben und schließlich zentrale Säulen an die Börse gebracht.

Ein konsequenter Weg. Auf diesem hat sich Siemens, zunächst eher schleichend, von einem Konglomerat alten Stils in eine moderne Holding gewandelt. Einheiten wie die Windkraft, die Bahnsparte und die Medizintechnik sind bereits eigenständig, nun bekommt auch das Kerngeschäft mit Automatisierung und Digitalisierung der Industrie sowie mit intelligenten Infrastrukturlösungen und den Kraftwerken mehr Freiheit. Sie alle können sich so agiler dem Wettbewerb mit den oft profitableren Spezialisten stellen.

Bislang geht die Rechnung ja auch auf – und viele andere Unternehmen wie Continental oder Daimler folgen dem Modell der schlanken Holding mit fokussierten Tochtergesellschaften. Dieser Wandel hat zugleich etwas mit Wellenbewegungen in der Unternehmensorganisation zu tun. Vielleicht wird in einigen Jahren das Konglomerat wieder mehr geschätzt werden, zum Beispiel, wenn es mit der Konjunktur wieder abwärtsgeht. Die Stabilität eines Mischkonzerns bringt dann wieder Vorteile.

Doch klar ist: Durch die Digitalisierung hat sich das Management von Unternehmen nachhaltig verändert. Es geht um Transparenz, Schnelligkeit und möglichst wenig Bürokratie. Mittelmäßigkeit reicht dabei nicht mehr, ein Durchwursteln ist gefährlich. Mehr Eigenverantwortung für die Geschäfte ist richtig. Der Siemens-Chef schafft mit seiner avisierten Strategie jedoch nur neue Sollbruchstellen.

Ein Blick in die USA zeigt, wie es jemandem ergehen kann. Der Siemens-Erzrivale General Electric hatte sich in zu vielen Geschäften verzettelt und operative Schwächen mit Bilanzarithmetik überdeckt. Die Quittung: GE wird gestaltet, wie es Kaeser ausdrückt. So muss sich General Electric in der Krise ganz von seiner profitablen Medizintechnik trennen.

Bei Siemens haben Eigenständigkeit und Börsengang den Healthineers gutgetan. Die Einheit hat in den vergangenen Jahren eindeutig an Flexibilität und Fokus gewonnen. Doch liegt die deutliche Mehrheit bei Siemens. Die Kontrolle über den Wandel wird also behalten.

Aus einem Konzern sind zwei starke, miteinander verbundene Unternehmen geworden – auch Siemens Alstom und Siemens Gamesa haben das Potenzial dazu. Sie müssen sich aber erst noch beweisen. Bei der Windkrafttochter war der Start ja holprig verlaufen.

Investoren werden Verkäufe fordern

Und doch ist Kaesers Vorgehen eine Gratwanderung. Mit seiner proaktiven Strategie ist er aktionistischen Investoren einen Schritt voraus, die anderswo das Management vor sich hertreiben und zum Beispiel eine simple Zerschlagung oder die Abspaltung von Unternehmensteilen fordern.

Doch gleichzeitig schafft Kaeser ohne jeden Zweifel Sollbruchstellen. Für einen Nachfolger wird es organisatorisch ein Leichtes sein, bei der Windkraft oder der Bahntechnik durch den Verkauf nur weniger Anteile unter die Mehrheit zu rutschen.

Auch wird der Tag kommen, an dem Investoren fordern werden, die übrigen Anteile an den Healthineers zu verkaufen. Sie werden argumentieren, dass Siemens als Großaktionär für einen Bewertungsabschlag bei der Medtech-Tochter verantwortlich ist.

Ähnlich sieht es mit den drei neuen „operativen Unternehmen“ aus, die Kaeser am Donnerstag vorstellte. Hier hat es der Siemens-Chef auch mit geschickter Wortwahl allen recht gemacht: Die Investoren bekommen ihre Aufteilung in Form selbstständiger „Unternehmen“. Da diese aber keine eigene Rechtsform bekommen, sondern unter dem Dach der Siemens AG bleiben, bekam er auch die Arbeitnehmervertreter mit ins Boot. Ein typischer Kaeser.

Klar ist: Es wird nun für einen Nachfolger leichter, den Konzern in einigen Jahren tatsächlich aufzuspalten. Die drei „operativen Unternehmen“ plus die drei Mehrheitsbeteiligungen gibt es ja schon. Selbst wenn es dazu kommen sollte, muss das nicht automatisch heißen, dass losgelöste Unternehmensteile allein schlechter dastehen. Siemens hat mit Abspaltungen ja viel Erfahrung. Manche endeten im Debakel, andere entwickelten sich auf eigenen Beinen oder anders besser.

Für den Standort Deutschland wäre es aber gut, wenn ein großer, starker Technologiekonzern mit Führungsanspruch in der industriellen Digitalisierung bestehen bleibt. Es wäre bitter, wenn Einzelteile von Siemens wie die Healthineers eines fernen Tages von Konkurrenten übernommen würden.

Daher ist wichtig, dass der Technologie-Konzern auch in Zukunft die Kontrolle über die Entscheidungen und den Kurs behält. Nur dann geht die Rechnung Kaesers auf, und er wird nicht als derjenige in die Geschichte eingehen, der eine Aufspaltung des Traditionskonzerns Siemens ermöglicht hat. Nötig ist vor allem eins: Eine gute Performance. Diese ist das beste Mittel gegen aggressive Investoren.

Startseite

Mehr zu: Kommentar - Kaesers neue Strategie für Siemens ist eine Gratwanderung

0 Kommentare zu "Kommentar: Kaesers neue Strategie für Siemens ist eine Gratwanderung "

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%