Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Kommentar Keiner wird den Namen Monsanto vermissen

Bayer eliminiert den Namen Monsanto. Das Erbe des umstrittenen US-Konzerns nehmen die Leverkusener aber mit – schwere Last und Chance zugleich.
Kommentieren
Der Leverkusener Chemiekonzern hat mit Monsanto ein profitables, aber auch umstrittenes Unternehmen übernommen. Quelle: AFP
Bayer und Monsanto

Der Leverkusener Chemiekonzern hat mit Monsanto ein profitables, aber auch umstrittenes Unternehmen übernommen.

(Foto: AFP)

Es wird eine ungewöhnliche Beerdigung, wenn der Name Monsanto in einigen Wochen zu Grabe getragen wird. Tränen werden keine fließen, schwarz wird niemand tragen – nicht bei den Bayer-Managern, die den Namen des US-Konzerns nach der Übernahme eliminieren, nicht in der Öffentlichkeit, für die Monsanto schon immer irgendwie ganz schlimm war, und vermutlich nicht einmal bei den Monsanto-Leuten, die wohl eher froh sind, wenn ihre Firma nicht mehr verteufelt wird.

Keiner wird dem Namen Monsanto vermissen. Vielleicht ein paar Umwelt-Aktivisten, denen nun das wichtigste Hassobjekt und der größte Feind abhandenkommt. Doch diese Rolle droht nun Bayer: Die Übernahme des US-Saatgutkonzerns zerrt die Deutschen ins Zentrum der erbittert geführten Diskussion um die industrielle Landwirtschaft. Das wird eine große Last für den Konzern.

Die Übernahme von Monsanto wird Bayer stärker verändern, als vielen Mitarbeitern klar ist. Die Leverkusener werden auf einen Schlag weltgrößter Hersteller gentechnisch veränderten Saatguts und der wichtigste Produzent des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat. Sie übernehmen Produkte, gegen die massenhaft geklagt wird, und Geschäftspraktiken, die weltweit Tausende Gegner zu alljährlichen Protestmärschen vereinen.

All dies kommt nun unter das bekannte und beliebte Bayer-Kreuz, das weltweit für Marken wie Aspirin und Alka-Seltzer steht – unverfängliche Produkte im Vergleich zu Glyphosat & Co. Wirtschaftlich wird Bayer ohne Frage gestärkt. Die Leverkusener erhalten die wohl besten Biotechlabore in der Pflanzenzucht und die aussichtsreichste IT-Plattform für die digital gesteuerte Landwirtschaft. Dazu Produkte, die teils 30 Prozent Gewinn abwerfen.

Selbstverständlich ist es deshalb aber keineswegs, dass die 63 Milliarden Dollar in der Übernahme zu einem Erfolg wird. Entscheidend wird sein, ob Bayer stark genug ist für einen Spagat. Auf der einen Seite steht der ökonomischen Zwang, mit Pflanzenschutzmitteln und Saatgut möglichst viel Geld zu verdienen – das verlangen die Investoren. Auf der anderen Seite muss Bayer Vertrauen in einer Öffentlichkeit gewinnen, die einer industrialisierten Landwirtschaft zunehmend skeptisch gegenüber steht.
Im Zentrum steht dabei der Einsatz von Gentechnik in der Pflanzenzucht. Dafür ist Monsanto berühmt und berüchtigt. Mit der Übernahme des US-Konzerns wird Bayer die Debatte über Gut und Böse in der Pflanzengentechnik wieder befeuern. Das wird einerseits eine starke Belastung für den Konzern, denn die Ablehnung gerade in der europäischen Gesellschaft ist anhaltend hoch.

Gentechnik wird immer ausgefeilter

Andererseits ist es eine Chance. Das Verschwinden des Namens Monsanto ermöglicht einen Neuanfang in der Diskussion um die Bewertung der grünen Gentechnik. Der „Bösewicht“ ist weg – und es ist noch nicht erkennbar, dass Bayer dieses Etikett angeheftet wird. Ob das so bleibt, hängt davon ab, wie es den Leverkusenern gelingt, mit ihrem guten Image im Rücken und der erklärten Dialogbereitschaft dies ideologisch geführte Debatte auf ein sachliches Niveau zu führen.

Diese Diskussion ist dringend nötig, denn die grüne Gentechnik macht nicht deswegen in ihrer Entwicklung halt, nur weil sie in Europa abgelehnt wird. Im Gegenteil: Die Technologie wird immer ausgefeilter. Schon jetzt ist absehbar, dass die Gen-Schere Crispr eine der wichtigsten Technologien in der Pflanzenzucht wird. Mit ihre können bestimmte Teile der DNA ausgeschaltet werden, etwa solche, die für eine Krankheit oder für nachteilige Eigenschaft verantwortlich ist. Nicht nur Bayer, alle großen Agrochemiekonzerne der Welt investieren in diese Züchtungsmethode.

Dieser Entwicklung müssen wir uns stellen. Die Gesellschaft muss eine sachlich orientierte Bewertung in der Frage finden, ob und wie weit die neuen Technologien zugelassen werden. Es gibt einerseits gute Gründe, der grünen Gentechnik kritisch gegenüber zu stehen, weil die Folgen ihres Einsatzes noch immer nicht ausreichend erforscht sind.

Andererseits können die Vorteile nicht ausgeblendet werden: Eine neue Weizenpflanze, die weniger anfällig für Klimaveränderungen ist, ist keine Frankenstein-Bastelei. Eine solche Entdeckung könnte die Ernährung in Weltregionen sichern, in denen die Landwirtschaft schon heute vor großen Problemen steht. Und in denen Hunger herrscht. Auch wenn sich das im satten Europa anders darstellt.

Bayer muss in dieser Frage verantwortungsvoll, transparent und im engen Austausch mit der Öffentlichkeit vorgehen – also genau das Gegenteil von Monsanto sein. Das hat Konzernchef Werner Baumann versprochen. Es reicht aber nicht, nur den nur den Namen Monsanto verschwinden zu lassen. Bayer muss sicherstellen, dass der neue Agrochemiekonzern von der eigenen DNA und den eigenen Werten geprägt ist. Sonst ist das Vermächtnis von Monsanto eine dauerhaft schwere Bürde.

Startseite

Mehr zu: Kommentar - Keiner wird den Namen Monsanto vermissen

0 Kommentare zu "Kommentar: Keiner wird den Namen Monsanto vermissen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote