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Kommentar Kritik an zu geringen Impfstoffkapazitäten ist grotesk

Der Unmut über Lieferverzögerungen bei Covid-Impfstoffen überdeckt die Schwächen in der europäischen Beschaffungsstrategie. Biotechspezialisten wurden zu lange unterschätzt.
26.01.2021 - 19:37 Uhr 1 Kommentar
Die Covid-Impfstoffe wurden immens schnell entwickelt. Jetzt führen die Lieferverzögerungen der Vakzine zu Unmut und Enttäuschung. Quelle: Kostas Koufogiorgos

(Foto: Kostas Koufogiorgos)

Es ist nur wenige Wochen her, da feierten die Politiker die Covid-Impfstoff-Entwickler noch als Retter der Welt. Doch die Euphorie ist längst vorbei. Mancher neigt inzwischen sogar dazu, den Pharmafirmen die Verantwortung für die Defizite im schleppenden Impfprozess zu geben.

Unmut und Enttäuschung mit Blick auf die Lieferverzögerungen bei Firmen wie Astra-Zeneca, Biontech und Pfizer sind dabei auf den ersten Blick durchaus verständlich. Mangels anderer Lösungen sind die Impfstoffe inzwischen fast die einzigen Hoffnungsträger im Kampf gegen die Pandemie. Angesichts hoher Infektionszahlen und neuer Virusvarianten drängt die Zeit.

Dennoch ist die Erregung völlig überzogen. Ein nüchterner Blick auf die Konstellation ergibt vielmehr folgendes Bild: Insgesamt erweist sich die Entwicklung von Impfstoffen gegen die Pandemie als riesiger Erfolg, mit dem man noch vor einem Jahr kaum rechnen konnte. Bevor die Mainzer Firma Biontech im November die ersten Resultate aus ihrer großen Phase-3-Studie präsentierte, war nicht einmal sicher, ob eine Immunisierung durch Vakzine überhaupt möglich sein würde.

Inzwischen zeichnet sich ab, dass im Laufe des Jahres ein halbes Dutzend Impfstoffe gegen Covid-19 zur Verfügung stehen könnte, deren Schutzwirkung die geforderte Mindestschwelle von 50 Prozent mehr oder weniger deutlich übertrifft. Forscher wie der Harvard-Professor Eric Rubin sprechen zu Recht von einem „wissenschaftlichen Triumph“. Auch der Impfstoff von Astra-Zeneca dürfte sich letztlich als wertvolle Waffe im Kampf gegen die Pandemie erweisen – selbst wenn sich der Verdacht bestätigen sollte, dass er bei älteren Menschen weniger gut wirkt.

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    Überragend ist auch das Tempo der Produktentwicklung. Immerhin erforderte die Entwicklung neuer Impfstoffe in der Vergangenheit mindestens vier bis fünf Jahre. Übertragen auf öffentliche Infrastrukturprojekte würde der Impfstofferfolg bedeuten, dass zum Beispiel der Berliner Großflughafen vier oder fünf Jahre früher in Betrieb gegangen wäre als ursprünglich geplant, nicht ein Jahrzehnt später.

    Konsistenteste Testresultate bei Impfstoffen auf Basis von mRNA

    Insofern wirkt die Empörung darüber, dass Pharmafirmen nun mit ein paar Wochen Verzögerung beim Hochfahren ihrer Impfstoffkapazitäten kämpfen, grotesk. Ähnliches gilt mit Blick auf die unterschiedlichen Eigenschaften der Vakzine. Es war von vornherein klar, dass Projekte scheitern werden und die erfolgreichen Impfstoffkandidaten keine einheitlich guten Daten liefern würden. Es macht daher auch keinen Sinn, Impfstrategien auf solchen Annahmen zu basieren.

    Was die Qualität der Vakzine angeht, ist es für eine endgültige Bewertung womöglich noch zu früh. Vieles indessen deutet darauf hin, dass sich die neuartigen Impfstoffe auf Basis von Messenger-RNA von Firmen wie Biontech und Moderna als die überlegenen Produkte erweisen. Sie haben bisher die besten und konsistentesten Testresultate geliefert, waren schneller in der Entwicklung und letztlich auch verlässlicher beim Auf- und Ausbau der Produktion.

    Die neuen Technologien dürften sich zudem als flexibler im Kampf gegen neue Virusvarianten erweisen. Als erster Entwickler hat Moderna inzwischen die Arbeiten an einem Vakzin gegen die südafrikanische Mutation des Sars-CoV-2-Virus gestartet.

    Die meisten der etablierten Impfstoffhersteller sind unterdessen im Kampf gegen die Corona-Pandemie außen vor. Der US-Konzern Merck & Co. hat seine Ambitionen Anfang der Woche komplett aufgegeben, Sanofi und Glaxo-Smithkline liegen nach schwachen Testresultaten in Phase 2 weit zurück.

    Als einziger Vertreter aus dem bisherigen Führungsquartett der Impfstoffindustrie spielt der US-Konzern Pfizer vorn mit, aber dies letztlich nur dank seiner Partnerschaft mit dem Mainzer Immunologie- und mRNA-Spezialisten Biontech. Alles in allem zeichnet sich damit ein Umbruch zugunsten der Aufsteiger und Innovationstreiber aus dem Biotechbereich ab.

    Zu wenig Unterstützung für innovative Technologien

    Die entscheidende Schwäche in den Impfstoffstrategien der EU-Staaten bestand insofern vor allem darin, dass man diesen Wandel und das Potenzial dahinter zu lange unterschätzte und zu stark auf die etablierten europäischen Pharmagrößen wettete. Die US-Regierung reagierte in dieser Hinsicht deutlich beherzter, indem sie nicht nur den heimischen Biotechaufsteiger Moderna frühzeitig unterstützte, sondern sich bereits im Juli auch bis zu 600 Millionen Dosen des Impfstoffs von Biontech sicherte. Die EU brachte den ersten Deal mit dem Mainzer Unternehmen dagegen erst im November unter Dach und Fach.

    Selbst das Beispiel des Tübinger Impfstoffentwicklers Curevac, bei dem sich die Bundesregierung im Frühsommer immerhin als Großaktionär engagierte, spricht indirekt dafür, dass man innovative Technologien bisher noch mit zu wenig Vehemenz vorantreibt. Das Unternehmen, das ebenfalls an vorderster Front an mRNA-basierten Impfstoffen arbeitet, lag damals in den klinischen Studien rund acht Wochen gegenüber Biontech und Moderna zurück. Inzwischen dürfte der Rückstand vier bis fünf Monate betragen.

    Wichtiger noch als das Lamentieren über Lieferverzögerungen ist es insofern, die richtigen Konsequenzen zu ziehen: Es lohnt sich, auf die innovativen Newcomer zu setzen und sie mit Macht voranzubringen.

    Mehr: Rückschlag bei Corona-Impfstoff: Astra-Zeneca-Vakzin wirkt bei Senioren offenbar kaum

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    1 Kommentar zu "Kommentar: Kritik an zu geringen Impfstoffkapazitäten ist grotesk"

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    • und unsere Großeltern wären dankbar gewesen, wenn es überhaupt irgend ein Medikament gegen Tuberkolose oder andere Infektionskrankheiten gegeben hätte.
      Wir haben eines gründlich verlernt: Die Geduld.

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