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Kommentar Lebensmittel-Discounter tun so, als könnten sie die Digitalisierung einfach aussitzen

Lebensmittel-Discounter sehen im Onlinehandel noch kein ernsthaftes Geschäft und investieren lieber in die Modernisierung der Läden. Das könnte sich rächen.
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Eine Mitarbeiterin scannt die online bestellten Lebensmittel. Doch bisher macht in diesem Geschäft keiner Gewinn. Quelle: AP
Digitalisierung beim Discounter

Eine Mitarbeiterin scannt die online bestellten Lebensmittel. Doch bisher macht in diesem Geschäft keiner Gewinn.

(Foto: AP)

Für den Chef der Schwarz-Gruppe, Klaus Gehrig, ist die Sache klar: Zurzeit hat der Onlinehandel im Geschäft mit Lebensmitteln einen Anteil von noch nicht einmal zwei Prozent. Deswegen ist der Herrscher über Lidl und Kaufland davon überzeugt: „Da läuft uns nichts weg.“ Wenn das tatsächlich irgendwann mal relevant werden würde, dann könne man da immer noch einsteigen.

Gehrig hat offenbar noch nichts davon gehört, dass Entwicklungen im Internet in der Regel exponentiell verlaufen. Aber da der Mensch dazu neigt, bei seinen Prognosen Erfahrungen aus der Vergangenheit linear fortzuschreiben, tendiert er auch dazu, die Folgen der Digitalisierung des Handels zu unterschätzen. Aus heute noch belächelten Start-ups können viel schneller als erwartet gefährliche Konkurrenten von morgen erwachsen.

Es ist richtig: Derzeit können sich viele Konsumenten noch nicht vorstellen, ihre Lebensmittel über das Internet zu beziehen. Aber das galt vor nicht allzu langer Zeit beispielsweise auch für Schuhe – bis Zalando kam.

Auch die Fachhändler im Elektronikhandel waren jahrelang davon überzeugt, dass man Fernseher, Computer oder Handys nur im stationären Geschäft kaufen könne, weil die Produkte so erklärungsbedürftig seien. Mittlerweile hat der E-Commerce im Elektronikhandel einen Umsatzanteil von fast 30 Prozent.

Noch sind einige Hürden zu nehmen, um die Lieferung frischer Lebensmittel bis an die Haustür attraktiv zu gestalten und profitabel zu betreiben. Bisher macht in diesem Geschäft keiner Gewinn. Das größte Problem ist die sogenannte letzte Meile, also die Zustellung zum Endkunden, die noch sehr teuer ist. Doch hier gibt es schon gute Ansätze, die Liefermengen zu bündeln und so die Kosten pro Lieferung senken zu können.

Auch technologische Entwicklungen werden die Situation im Lebensmittelhandel rasch ändern. So betreiben Amazon und auch Rewe weitgehend automatisierte Lager, die Kosten aus dem System nehmen können.

Ausschließlich auf komplett automatische Lager setzt das britische Unternehmen Ocado, das auf diese Weise in London jetzt testweise einen Service anbietet, der Lebensmittel innerhalb von 60 Minuten nach Bestellung abliefert. Wie ernst dieses Start-up zu nehmen ist, zeigt, dass Ocado bereits Verträge über den Aufbau von automatischen Lagern mit Branchenschwergewichten wie Casino in Frankreich und Kroger in den USA geschlossen hat.

Gerade bundesweit operierende, zentral gesteuerte Ketten wie Lidl oder Kaufland hätten die optimalen Voraussetzungen für den Aufbau eines Onlinelieferdienstes – noch viel besser als beispielsweise die genossenschaftlich organisierte Rewe, die auch die Interessen der vielen selbstständigen Kaufleute berücksichtigen muss.

Lidl und Co. haben die Kompetenz und Kostenvorteile im Einkauf, ein ausreichend großes Sortiment aus Eigenmarken und Markenprodukten. Und was nicht zu unterschätzen ist: Sie sind eine Handelsmarke, der viele Kunden vertrauen und die für qualitativ hochwertige Ware steht.

Was fehlt, ist der Mut in diese noch unbekannte Zukunft zu investieren. Es ist die Ironie der Geschichte: Ausgerechnet die Discounter Aldi und Lidl, die einst die Handelsbranche revolutioniert haben mit ihren neuen Handelskonzepten, gerieren sich heute als die Bewahrer des alten Systems.

Dabei ist langfristig für sie die Bedrohung durch den E-Commerce noch viel größer als für Supermarktbetreiber wie Edeka und Rewe. Denn was werden Kunden am ehesten online ordern? Die Waren des täglichen Gebrauchs wie Mehl, Butter, Nudeln, Hygienepapier oder Tiefkühlpizza.

Produkte, bei denen der Käufer genau weiß, welche Marke er möchte, oder bei denen ihm die Marke gleichgültig ist. Genau das aber ist das Kerngeschäft der Discounter. Wenn nur zehn Prozent der Nachfrage ins Netz abwandert, bekommen sie angesichts ihrer knappen Margen ein echtes Problem.

Trotzdem tun die Unternehmen so, als ob sie die einzige Branche wären, die Veränderungen durch Digitalisierung einfach aussitzen und ihr jahrzehntelang erfolgreiches Geschäftsmodell in die Zukunft fortschreiben könnte.

Statt in digitale Experimente zu investieren, überlegt die Schwarz-Gruppe allen Ernstes, rund 100 weitere Märkte von der angeschlagenen Kette Real zu übernehmen. Und auch Aldi Süd und Aldi Nord stecken lieber Milliardenbeträge in die Modernisierung ihrer stationären Filialen, als eigene Erfahrungen im Onlinehandel zu sammeln.

Das könnte sich rächen. Wenn der Onlinehandel auch mit Lebensmitteln eines Tages rasant einsetzen sollte und für jeden erkennbar ist, dass das Geschäft sich lohnt, dann werden solche Unternehmen vorn liegen, die bereits effiziente Abläufe entwickelt und sich eine Kundenbasis aufgebaut haben.

Für Aldi und Lidl wäre es dann zu spät. Die traditionellen Händler könnten dann nur noch einen der zuvor nicht ernst genommenen Newcomer übernehmen – wenn sie dazu finanziell noch in der Lage sind.

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