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Kommentar Lebensmittelkonzerne lernen, dass es auch ohne Zucker geht – müssen aber mehr tun

Die Lebensmittelbranche nimmt endlich ihre Verantwortung wahr – auch weil der Markt sie zwingt. Das ist gut, geht aber oft noch nicht weit genug.
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Die Riesenflasche Coca-Cola ist Sinnbild für falsche Ernährung – und wie Konzerne dazu beitragen. Quelle: AP
Coca-Cola-Company

Die Riesenflasche Coca-Cola ist Sinnbild für falsche Ernährung – und wie Konzerne dazu beitragen.

(Foto: AP)

Die Düsseldorfer Kirmes ist längst nicht so bekannt wie das Münchener Oktoberfest. Dabei hat das Volksfest am Rhein mit seinen zahlreichen Bierzelten gar nicht mal so viel weniger Besucher als die Wiesn. Einen gravierenden Unterschied gibt es aber: Während in München jährlich fast 700 Menschen wegen einer Alkoholvergiftung medizinisch betreut werden und weitere auf dem berüchtigten „Kotzhügel“ ausnüchtern, müssen in Düsseldorf nur wenige Dutzend Menschen ausnüchtern.

Ein wesentlicher Grund liegt schlicht in den Gläsern: In München fasst die Maß traditionell einen Liter, das Düsseldorfer Altbierglas dagegen nur 200 Milliliter. Mit Altbier lässt es sich leichter ans Limit herantasten.

Portionsgrößen machen einen Unterschied. Es ist kein Zufall, dass die besorgniserregende Zunahme von Übergewicht in eine Zeit fällt, in der die Coca-Cola-Company nach Jahrzehnten ihr Hauptprodukt nicht länger nur in 0,2-Liter-Flaschen abfüllte, sondern in Verpackungen, die bis zum Zehnfachen fassen.

Das Passauer Internetunternehmen zeigt, wie man mit bewusster Ernährung am Lebensmittelmarkt punktet. Quelle: dpa
Internetunternehmen MyMüsli

Das Passauer Internetunternehmen zeigt, wie man mit bewusster Ernährung am Lebensmittelmarkt punktet.

(Foto: dpa)

Am Rezept änderte sich dabei nichts: Anders als von den profitablen Riesenflaschen suggeriert, wird das schwarze Zuckerwasser weiterhin sinnvollerweise nicht als Durstlöscher heruntergekippt, sondern als kleines Glas bewusst genossen. Ganz im Sinne des Apothekers John Stith Pemberton, der die Brause vor 130 Jahren erfand.

Die Lebensmittelhersteller haben ein Problem mit ihren Kunden, weil sie ihre Verantwortung zu lange nicht angenommen haben. Dabei ist der Fitness- und Gesundheitstrend, ausgehend von der Dauerselbstdarstellung in sozialen Medien wie Instagram, längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Verarbeitete Lebensmittel stehen seither in der Kritik: überzuckerte Frühstücksflocken, versteckter Zucker in Ketchup, leere Kalorien in Schokoriegeln.

Zunächst versuchten Manager und ihre Lobbyisten, Regulierung durch Argumente zu verhindern. Schuld am Übergewicht seien Bewegungsmangel, nicht zu viele Kalorien. Die Branche biete bereits genügend gesunde Alternativen an. Mit neuen Nährwertkennzeichnungen wie der Lebensmittelampel könnten die Verbraucher sowieso nichts anfangen.

Während die großen Spieler mauerten, nahmen ihnen innovative Newcomer eifrig Marktanteile ab. Weltweit gibt es dafür viele Beispiele; in Deutschland ist MyMüsli ein besonders erfolgreiches.

Mit diesen Innovation will McDonald's sein Image retten

Doch die Branche hat gelernt. Das zeigte sich jetzt wieder in Singapur beim Jahrestreffen der größten globalen Organisation von Produzenten und Händlern, dem Konsumgüterforum CGF. Die Spitzenmanager haben begriffen, dass es ihren Marken hilft, wenn sie die Wünsche der Verbraucher aufgreifen, statt Kunden für dumm zu erklären.

Die Branche will sich an die Spitze der Bewegung setzen: Einzelhändler von Ahold bis Rewe, von Lidl bis Walmart reduzieren den Zuckergehalt ihrer Eigenmarken und verpflichten sich, auf gesundheitlich bessere Alternativen hinzuweisen und diese nicht teurer anzubieten.

Die großen Markenhersteller verändern Rezepte und Packungsgrößen. Nestlé etwa steckt mehr Kakao und Milch in die Kitkat-Riegel und verzichtet dafür auf etwas Zucker. Mars schrumpft seine Riegel. Aus Knorr-Produkten verschwinden Zusätze.

So entstehen zwar noch keine gesundheitlich perfekten Produkte. Aber die Branche zeigt, dass sie die Kritik verstanden hat und ihre Verantwortung kennt. Das hilft zumindest der besseren Ernährung – und nutzt am Ende auch allen Marken, die dabei mitziehen.

Selbstredend ist vieles Symbolpolitik. Das gilt vor allem für Zucker. Weil die Zutat im Mittelpunkt von kritischen Kampagnen wie Foodwatch stand, greift die Branche das Thema nun demonstrativ auf. Zugegeben: Nicht jeder Ersatz durch Süßstoffe oder Fett führt gleich zu gesunden Produkten. Auch der Trend, Eiweißpulver in alle denkbaren Produkte zu rühren, trägt nicht unbedingt zu ausgewogenerer Ernährung bei. Und doch zeigen die Initiativen: Die Lebensmittelindustrie bewegt sich. Und zwar in die richtige Richtung.

Überzeugende Antworten haben noch nicht alle gefunden. Einige Mittelständler ducken sich weg. Auch in der Systemgastronomie machen zu wenige mit. Die deutschen Bäcker und Konditoren sind ebenfalls bislang kaum auf den Trend eingestellt. Eine Vorschrift, Nährwerte anzugeben – wie sie etwa der US-Staat New York kennt –, könnte der Außer-Haus-Branche auch nicht schaden.

Die Unternehmen müssen zudem stärker die Zusammenarbeit mit externen Experten suchen, die die Bemühungen wissenschaftlich auswerten. Das Zugehen auf zunehmend gesundheitsbewusste Verbraucher darf kein reines Marketinginstrument sein, wenn es nachhaltig glaubhaft sein soll. Denn es besteht die Gefahr, dass die Branche ihre Vorstöße zu sehr auf Showeffekte trimmt.

Dafür jedoch ist die Verantwortung der Lebensmittelkonzerne zu groß. Der Weg zur gesunden Ernährung ist weit, solange die Riesenflasche Coca-Cola noch im Supermarktregal steht – trotz zuckerfreier Alternativen.

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  • cuk
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