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Kommentar Liefersicherheit in der Pharmabranche hat ihren Preis

Um Engpässe bei Medikamenten zu vermeiden, müssen Krankenkassen und Hersteller wieder auf mehr Anbieter setzen. Vor allem am Preisniveau muss sich etwas ändern.
21.11.2019 - 04:01 Uhr Kommentieren
Lieferengpässe bei Medikamenten werden durch Marktstrukturen begünstigt, die sich über viele Jahre entwickelt haben, meint Maike Telgheder. Quelle: DigitalVision/Getty Images
Medikamente

Lieferengpässe bei Medikamenten werden durch Marktstrukturen begünstigt, die sich über viele Jahre entwickelt haben, meint Maike Telgheder.

(Foto: DigitalVision/Getty Images)

Schmerztabletten, Schilddrüsenmedikamente oder Blutdrucksenker – immer wieder ist dringend benötigte Medizin in Apotheken nicht verfügbar. Kaum zu glauben, dass es in einem hochentwickelten Land wie Deutschland bei Standardmedikamenten Lieferengpässe gibt.

Schuldige sind schnell gefunden: Der eine sucht das Versagen bei der profitorientierten Pharmaindustrie, die die Produktion nach Fernost verlagert hat. Der andere bei den sparwütigen gesetzlichen Krankenkassen mit ihren vielen Rabattverträgen.

Tatsächlich hatte die Einführung der Rabattverträge vor zwölf Jahren in Deutschland Lieferengpässe nach sich gezogen. Damals gab es viele Ausschreibungen für Nachahmermedikamente, bei denen der günstigste Generikaanbieter den alleinigen Zuschlag für die Lieferung bekam. Hatte dieser Anbieter dann ein Problem in der Produktion und konnte nicht liefern, entstand ein Engpass.

Aber eben nur bei diesem einen Produkt. Der Apotheker konnte in der Regel auf ein identisches Mittel des Wettbewerbers ausweichen, sodass Patienten keinen Versorgungsnotstand hatten.

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    Mittlerweile sind die meisten Krankenkassen von dieser Praxis abgerückt und schließen pro Wirkstoff oft mit drei Anbietern Verträge. Allerdings gibt es auch hier noch Ungleichgewichte: Wenn ein Unternehmen als Hauptlieferant etwa 80 Prozent der Menge liefert, dann aber ausfällt, können die verbliebenen Lieferanten in der Regel ihre Produktion nicht schnell genug hochfahren, um einzuspringen. Und bei scharf kalkulierten Rabattverträgen leisten sich die Firmen keine große Vorratshaltung.

    Problematisch wird es, wenn immer mehr Generikaunternehmen ihre Produktion auf einige wenige große Moleküle konzentrieren. So können sie Größenvorteile bei der Herstellung ausnutzen. Dann kann es aber passieren, dass manche kleinere Wirkstoffe weltweit nur noch von ein oder zwei Unternehmen produziert werden. Beispielsweise fehlte in deutschen Kliniken über drei Jahre immer wieder das Blutkrebsmittel Melphalan, weil der einzige, italienische Hersteller Produktionsprobleme hatte.
    Lieferengpässe bei Medikamenten werden aber auch durch Marktstrukturen begünstigt, die sich über viele Jahre entwickelt haben. In der Pharmaindustrie und auch bei den Anbietern der kostengünstigen Nachahmerprodukte haben die Konsolidierung und der

    Kostendruck in den vergangenen zwei Jahrzehnten dazu geführt, dass die Produktion von Wirkstoffen immer stärker konzentriert, in Niedriglohnländer verlagert oder gar ganz an günstige Anbieter vor allem in Fernost ausgelagert wurde. Heute pressen zwar viele verschiedene Hersteller ihre eigenen Tabletten, beziehen aber den Wirkstoff von ein und demselben Zulieferer.

    Noch Engpass bei Valsartan

    Dass es derzeit in den Apotheken noch Engpässe beim Blutdrucksenker Valsartan gibt, ist eine Nachwirkung eines Skandals aus dem vergangenen Jahr. Damals wurden diverse Valsartan-Produkte von Herstellern wie Ratiopharm, Heumann, Zentiva, Hexal und Stada zurückgerufen, weil in einigen dieser Mittel Verunreinigungen mit einer möglicherweise krebserregenden Substanz festgestellt wurden. Die Ursache lag in der Produktion des Wirkstoffzulieferers in China, der all diese Unternehmen belieferte.

    Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte waren rund 50 Prozent des Weltmarkts von diesem Engpass betroffen – und das, obwohl es einige andere Hersteller von Valsartan unter anderem auch in Europa gab. Die waren aber vermutlich nicht so günstig.

    Wird ein Wirkstoff knapp, bedienen die lieferfähigen Hersteller zunächst die Vertragspartner. Darüber suchen sich die Unternehmen dann die Märkte aus, in denen sie die besten Preise bekommen. Der Generikamarkt in Deutschland gehört nach Ansicht mancher Experten nicht mehr dazu. In aufstrebenden Schwellenländern wie Indonesien sollen mittlerweile sogar höhere Preise für generische Wirkstoffe bezahlt werden. Auch das ist ein Teil des Problems.

    Die politische Debatte, wie man der Lieferengpässe Herr werden kann, läuft auf vollen Touren. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will für die Hersteller verstärkte Meldepflichten über Engpässe einführen sowie die Möglichkeit, dass Behörden eine Vorratshaltung anordnen können. Auch sollen Ärzte Medikamente aus dem europäischen Ausland verordnen können.

    Der Fall Valsartan aber zeigt, dass nationale Vorschriften allein die Probleme nicht lösen können. Auch bei Ausschreibungen selbst muss nachgearbeitet werden, um Fehlentwicklungen in der internationalen Wertschöpfungskette entgegenzuwirken.

    Dafür müssen sich alle bewegen: Krankenkassen müssen mit mehr Anbietern Verträge schließen. Jeder Hersteller muss sicherstellen, von unterschiedlichen Wirkstoffherstellern beliefert zu werden, die idealerweise nicht nur in Fernost, sondern auch in Europa sitzen. Vermutlich verteuert das manche Generika. Aber Liefersicherheit hat ihren Preis.

    Mehr: Im Wettbewerb um Marktanteile bei der Humira-Kopie setzt Biogen andere Firmen unter Zugzwang. Durch den Preiskampf steigt die Zahl der Verschreibungen.

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