Kommentar Manager aus der Retorte

In Spitzenpositionen gelangen immer häufiger Bewerber mit aalglattem Werdegang. Sie sind hochqualifiziert, wirken aber immer uniformer - und handeln mit immer gleichen Problemlösungen. Das wird auf Dauer zum Problem.
8 Kommentare
In Reih und Glied: Lebensläufe werden immer uniformer. Quelle: dpa

In Reih und Glied: Lebensläufe werden immer uniformer.

(Foto: dpa)

DüsseldorfHand aufs Herz: Würden Sie diesem Mann die Leitung eines Dax-Konzerns anvertrauen? Abi, Bund, Lehre zum Industriekaufmann. Schön und gut, aber nach nur zwei Semestern das VWL-Studium in Münster geschmissen. Der Studienabbrecher, von dem die Rede ist, heißt René Obermann und führt seit über fünf Jahren die Deutsche Telekom.

Hätte sich ein unkonventioneller Typ wie Obermann per Webformular bei einem Konzern beworben, der Computer hätte ihn wohl aussortiert. Obwohl der Studienabbrecher als Firmengründer erfolgreich war. Die Software fürs Bewerbermanagement, die viele Unternehmen nutzen, arbeitet mit K.o.-Kriterien, die Arbeitgeber frei wählen können. Fehlen bestimmte Schlüsselwörter wie Studienabschluss, Auslandsaufenthalt oder verhandlungssicheres Englisch, ist der Bewerber draußen - ohne dass ein menschliches Auge gegengecheckt hätte.

Solche Software nennt sich "intelligent", kann sie doch auf Knopfdruck eine Rangliste der Bewerber erstellen. Eine Erleichterung für Arbeitgeber, die bis zu 100 000 Bewerbungen im Jahr managen. Die standardisierte Auswahl aber schafft eine Illusion von Fairness. Unkonventionelle Kandidaten mit Brüchen oder Lücken im Lebenslauf fallen durchs Raster.

Das hat fatale Folgen: Gerade in beliebten Unternehmen dringen fast nur Bewerber mit aalglattem Werdegang bis zum Vorstellungsgespräch vor. Sie sind hochqualifiziert, keine Frage. Aber die Führungskräfte in spe werden immer uniformer, wirken geklont.

In der Personalerszene gibt es erste selbstkritische Mahner. Thomas Sattelberger, bis vor kurzem Telekom-Personalvorstand, kämpft gegen das "Selbstklonen" im Management. Er warnt: Gleicher Erfahrungshintergrund führt zu gleichen Problemlösungen. Angelsächsisch orientierte Business-Schools, aber auch französische Grands Ecoles prägten Ideologie und Verhalten einseitig, kritisiert Sattelberger. Die Manager von morgen würden in einem geschlossenen Elitesystem sozialisiert. Im Management entsteht eine gefährliche Monokultur.

Lebensläufe von Bewerbern werden immer perfekter, aber auch austauschbar. Echte Querdenker, wie innovative Unternehmen sie suchen, sind eine aussterbende Spezies. Der verschulte und stark spezialisierte Bachelor verstärkt den unheilvollen Trend zur überzüchteten Monokultur. Multiple Choice lässt wenig Raum für Eigenständigkeit. Ein Bummelstudium, intensives Jobben nebenher oder mal ein Semester aussteigen zur Selbstfindung - das kommt heute karrieremäßigem Harakiri gleich.

Früher half der Zufall
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Kommentar - Manager aus der Retorte

8 Kommentare zu "Kommentar: Manager aus der Retorte"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • So schauts aus in der Welt, bei Managern wird viel Wert auf Fachkompetenz gelegt, obwohl die Sozialkompetenzen ( Umgang mit Mitarbeitern, Konfliktmanagement, Kommunikationsfähigkeit etc.) genauso wenn nicht sogar wichtiger für erfolgreiche Führung sind. Des Weiteren scheitern auch junge Führungskräfte ( Derailment Phänomen) trotz guter Noten beim AC. Gerade in Führungspositionen ist Erfahrung maßgebend. http://www.address-base.de/Firmendatenbank:_:23.html

  • "CV by design" nennt man das in der Fachsprache. Allerdings sind bei den BWL'ern die Professoren, Unternehmen und auch Harvard-Hollywood schuld!! Die haben in den letzten 10 Jahren Mythen entworfen und die armen Elite-"BWL" Studenten gebrain-washed, dass alleine durch die Welt kämpfen das Maß aller Dinge sei.

    Menschen sind aber keine Nashörner oder Katzen, sondern eher soziale Wesen wie Hunde.

  • Jeder, der auch nur ansatzweise mit Unternehmen zu tun hat, weiß das es eine offizielle und eine inofizielle Agenda gibt.
    Dazu gehören auch die Sonntagsreden von Kreativität und Querdenkertum. Sorry, aber solche Leute haben in einem Großunternehmen nichts verloren. Das sind Bürokratien und so verhalten sie sich auch-müssen sie vielleicht auch. They get what they really want.

  • Leider wahr!
    Die inhaltlich verarmende Stromlinie der Kanditaten ist ein großes Problem. Vor Jahren habe ich zuständigen Leuten aufgrund konkreter Erlebnisse gesagt, dass die neue Generation von MBAs und MIBSen in Ihren Ausbildungen offenbar viel zu finanzlastig orientiert wird.

    Den Jungs & Mädels kommen Begriffe wie Portfoliomanagment, Merger, Bereinigen u.v.m. flüssig von den Lippen. Ein Analogon zu "change it" hört man als Handlungsoption nur sehr selten.
    Wie man (vielleicht mühsam) ein Geschäft saniert, damit am Ende die guten Zahlen auf Powerpoint herauskommen ist offensichtlich zu wenig Teil des Programms. Ist ja auch sehr individuell und nicht normierbar. In der Praxis versucht man es dann ja leider auch oft andersherum: Die Ziel-Welt in Powerpoint wird als Stellschraube des Live-Geschäftes und als "done" mißverstanden sowie als TOP X des Meetings viel zu früh abgehakt.

    Die meisten der neuen Erfolgsmaßstäbe hätte man früher allenfalls Start-Ups zugebilligt, für deren Beurteilung man bestimmte Sondereffekte herausdenken muss. Für Unternehmen "auf der Strecke" spielen sie für den eigentlichen Unternehmenszweck keine Rolle, sie dienen nur zur Normierung und Herstellung einer Pseudo-Vergleichbarkeit im Interesse der berühmten "Märkte".

    Aber da können die "geklonten Potentials" kaum was für. Sie lernen es nicht anders, es fehlen halt 20 - 30 Jahre "richtiges" Leben.

    Hinzu kommt allerdings, dass diese Gruppe eine Qualitätswahrnehmung genießt, die an „Des Kaisers neue Kleider“ erinnert. Gleichzeitig entwickelt sich ein modernes Söldnertum, das immer teuer wird, obwohl letztlich doch nur Standard-Methoden rotiert und dabei allerdings zwangsläufig auch intime Kenntnisse und Know-How als „Erfahrung“ mitgenommen werden.
    Mit Sicherheit leiden Interesse und Bindung solcher Söldner an das aktuelle Unternehmen, damit aber auch ihr Nutzen. Die Unternehmen verlieren auf Sicht Individualität und Skills sowie die Motivation ihrer Fachleute in der Linie.

  • Nichts hinzuzufügen, außer: Das IST bereits ein Problem! Aber bitte nicht hoffen auf Besserung, der Markt wird es den rundgelutschten schon zeigen. Dauert allerdings ein bisschen ...
    Empfehlung: Unten genannter Facebook-Blog
    https://www.facebook.com/pages/Roberto-F-Gnadt-Lieber-Kopf-der-Ärsche-als-Arsch-der-Köpfe-/393563334004651

  • Sehr guter Artikel, kann ich (leider) so unterschreiben. Mit einem ungewöhnlichem Lebenslauf (wie mir immerhin anerkennend von den Personalern bestätigt wird), ist spätestens nach dem Bewerbungsgespräch Schluss.
    Was die Unternehmen gerne hätten und dann tatsächlich haben wollen sind halt zwei ganz unterschiedliche Sachen.

  • soviel zu der studie,siehe Kitas/Betreungsgeld usw...

  • Ist bei Politikern ja oft leider nicht anders.
    Die Firmen sind selbst schuld. Diese haben die Angestellten, die sich selbst aussuchen. Die "Spezies" über eine Lehre bis zum selbstgebauten Hochschulabschluß ist schon länger am Aussterben. Selbst wenn man gezielt danach sucht, es gibt entweder ganz ungeeignet, oder völlig "überqualifiziert".
    Vielleicht sollten die Firmenchefs mehr Fussball spielen, und sich an Yogi Löw ein Beispiel nehmen, oder an Klopp.
    Die Freude ein Talent zu entdecken ist dort noch vorhanden. In der digitalen Werbewirtschaft klappt es vielleicht auch noch, viele Seiteneinsteiger gab es beim Beginn des Internet-Hypes.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%