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Kommentar Mehr Ehrlichkeit in der Corona-Debatte: Jedes Leben hat einen Preis

Bundestagspräsident Schäuble sagt, dem Schutz von Leben könne nicht alles untergeordnet werden. Ohnehin stellt sich die Frage: Welche Leben und welche Rechte schützen wir?
27.04.2020 - 17:32 Uhr 6 Kommentare
Der Bundestagspräsident hat angesichts der Einschränkungen vieler Grundrechte durch die Corona-Maßnahmen davor gewarnt, dem Schutz von Leben alles unterzuordnen. Quelle: dpa
Wolfgang Schäuble

Der Bundestagspräsident hat angesichts der Einschränkungen vieler Grundrechte durch die Corona-Maßnahmen davor gewarnt, dem Schutz von Leben alles unterzuordnen.

(Foto: dpa)

Was ist der Preis für ein Menschenleben? Es ist eine obszöne Frage. Ein Menschenleben ist unbezahlbar, die unveräußerlichen Rechte des Individuums stehen über den Interessen von Staat und Wirtschaft. Das ist der Kerngedanke unserer Verfassungsordnung, die sich aus der zweitausendjährigen jüdisch-christlichen Tradition und der Aufklärung herausschälte.

Im Grundgesetz steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Kanzlerin Angela Merkel hat sich auf Artikel 1 berufen, der den Schutz von Leben und Gesundheit in der Corona-Pandemie gebiete. Mehr geht nicht, um Politik in der Bundesrepublik zu begründen.

Bilder von überfüllten italienischen Krankenhäusern und sich auftürmenden Särgen in New York haben unsere Wahrnehmung geprägt. Epidemiologische Modelle sagten auch für Deutschland das Schlimmste voraus, eingetreten ist dieser Fall bisher zum Glück nicht.

In einem ersten Reflex entschieden sich viele für eine ethisch mehr als nachvollziehbare Haltung: Wir müssen alles tun, um Menschen vor dem Corona-Tod zu bewahren. Doch zunehmend dringt das Dilemma durch, das nicht erst seit dieser Krise über politischen Entscheidungen schwebt: Welchen Preis sind wir bereit, für welches Leben zu zahlen?

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    Das ist keine kalte Frage von wirtschaftlicher Kosten-Nutzen-Logik, sondern eine gesamtgesellschaftliche Güterabwägung. Es ist höchste Zeit, diese Debatte ehrlich zu führen.

    Ethikrat: „Allgemeines Lebensrisiko ist von jedem zu akzeptieren“

    Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat in einem Interview einen bemerkenswerten Satz gesagt: „Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig.“ Die im Grundgesetz verankerte Menschenwürde „schließt nicht aus, dass wir sterben müssen“.

    Der Deutsche Ethikrat wies bereits Ende März darauf hin, dass dem Schutz menschlichen Lebens „nicht alle anderen Freiheits- und Partizipationsrechte sowie Wirtschafts-, Sozial- und Kulturrechte“ bedingungslos untergeordnet werden dürften. „Ein allgemeines Lebensrisiko ist von jedem zu akzeptieren.“

    Zur Jobbeschreibung von Versicherungsmathematikern gehört die makabre Aufgabe, das Risiko von Leben und Tod in Euro und Cent zu beziffern. Das ist keineswegs eine Eigenheit der privaten Versicherungswirtschaft. Die gesetzlichen Krankenkassen schauen ebenfalls auf Sterbekosten. Ihre bittere Kalkulation: Das Sterben von Kindern und Jugendlichen ist für sie am teuersten, da in diesen Fällen hohe medizinische Kosten geringen Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds gegenüberstehen.

    Leben und Tod werden auch auf gesellschaftlicher Ebene bepreist, materiell und immateriell, jeden Tag. Wir entscheiden uns, wie viel Geld wir über unsere Beiträge in das Gesundheitswesen stecken. Und wir sind offenbar zu dem Schluss gekommen, dass es nicht erforderlich ist, dauerhaft eine große Reserve an Intensivbetten für den Fall einer Pandemie vorzuhalten.

    Wir wägen ab zwischen Grenzwerten bei Abgasen einerseits und unserem Mobilitätsbedürfnis andererseits, obwohl bei strikteren Normen mutmaßlich weniger Menschen stürben. Die Debatte über die Organspende endete vergangenes Jahr mit dem Ergebnis, dass niemandem nach dem Tod Organe entnommen werden dürfen, der nicht zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat. Den Persönlichkeitsrechten wurde ein höherer Wert beigemessen als der Möglichkeit, Leben zu retten.

    Um welchen Preis wollen wir die Menschen schützen?

    Die Bepreisung von Menschenleben durch Politik und Gesellschaft ist ein zumeist abstrakter Vorgang. Sie passiert auf einer Makroebene, das macht sie im Alltag erträglich. In der Ausnahmesituation der Coronakrise aber sind wir in unerträglicher Deutlichkeit mit jenen Güterabwägungen konfrontiert, die wir sonst gerne ausblenden. Wir wollen die alten und schwachen Menschen vor dem Virus schützen, wir wollen eine Überforderung des Gesundheitssystems vermeiden. Aber um welchen Preis?

    Ein schwerer Wirtschaftseinbruch ist unvermeidbar, jede zusätzliche Shutdown-Woche verursacht weitere Schäden in Milliardenhöhe. Ein Wohlstandsverlust, der die ganze Bevölkerung treffen wird.

    Die verfassungsrechtlichen Bedenken wachsen, je länger zentrale Freiheitsrechte in der Logik eines „Ausnahmezustands“ eingeschränkt werden. Die Verabsolutierung eines schutzwürdigen Ziels darf am Ende nicht die freiheitlich-demokratische Grundordnung beschädigen, die genau diesen Schutz garantiert.

    Bei den Folgen geht es ebenfalls um Leben und Tod, wenngleich nicht unmittelbar: Ein leistungsfähiges Gesundheitswesen ist kaum finanzierbar, wenn eine Volkswirtschaft am Boden liegt. Auch Arbeitslosigkeit oder psychologische Härten machen Menschen krank. Studien zeigen, dass Stresserfahrungen bei Kindern zu Erkrankungen im Erwachsenenalter und geringerer Lebenserwartung führen können. Gesundheit hat auch eine soziale Dimension.

    Was also ist der Preis für ein Menschenleben? Diese Frage beantworten wir bei unseren Corona-Entscheidungen stets mit. Ob wir wollen oder nicht.

    Mehr: Der Bundestagespräsident positioniert sich in der Debatte um Einschränkungen der Grundrechte. Das Recht auf Leben könne nicht über allem stehen.

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    Mehr zu: Kommentar - Mehr Ehrlichkeit in der Corona-Debatte: Jedes Leben hat einen Preis
    6 Kommentare zu "Kommentar: Mehr Ehrlichkeit in der Corona-Debatte: Jedes Leben hat einen Preis"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Sehr geehrtes Handelsblatt Team,

      Leider wird bei allen Medien plötzlich nur noch die halbe Aussage des Herrn
      Schäuble veröffendlicht. Die Würde die er über das Leben stellt, wird nicht mehr
      erwähnt. Wenn ihm die Würde wichtiger als das Leben ist, ist es ja vielleicht auf
      sein persönliches Schicksal zurück zu führen. Nur was bedeutet ihm die Würde,
      wenn er tot ist.
      Eigentlich müsste ein Aufschrei durch das Volk gegangen sein bei solchen Aussagen.
      Das schlimme ist, jetzt gesellt sich auch noch der OB von Tübingen hinzu, mit seiner
      Menschen verachtenden Aussage. Ichn frage mich, leben wir noch immer im Mittelalter,
      was bedeuten die Schicksale ihrer Mitmenschen solchen sogar Amtsträgern heutzutage? Wenn man den Gedanken zu Ende denkt, hätte er in seiner Stadt für
      ältere Menschen keine Hand gerührt und es gäbe in der Stadt bald keine älteren
      Mitbewohner mehr. Schaurig ! Ich war der irrigen Meinung, wir, wir leben endlich
      in einer Demokratie, wo Einer dem Anderen hilft und ihm sein Wohlergehen nicht
      neidet. Aber es wahr wohl nur ein Wunschtraum.
      Ich finde es unter aller " WÜRDE " von solchen Menschen regiert zu werden.
      Lausiger geht es nicht mehr.

      Mit besten Grüßen
      Wolfgang Dausel

    • Ich bin 74 Jahre alt, mein Mann 79. Un ser Bekanntenkreis bewegt sich ebenfalls in dieser Altersgruppe. Trotzdem sage ich, dass die Alten und Kranken nicht um jeden Preis "gerettet" werden müssen. Der Tod gehörte und gehörte seit jeher zum Leben. Und nicht jedes Leben ist für den BETROFFENEN lebenswert. Meine Mutter z.B. sagt mit 87 Jahren: Wann hat das endlich ein Ende. Ich will nicht mehr.
      Zudem, viele der Verstorbenen und Sterbenden sind vorerkrankt und durch den Virus wird der Tod bei der überwiegenden Zahl nur kurzfristig vorgezogen. Und jeder in unserer Altersgruppe sollte sich frage: Möchte ich das wirklich, an Maschinen angeschlossen werden und dann mit den Folgeschäden weitervegetieren? In Altenheime abgeschoben werden, ohne Kontakt, ohne Anregung von aussen?
      Zweifellos: Das Leben ist schön!!! Aber nicht alles Leben ist schön. Und die Sentimentalität der öffentlichen Meinung belastet vielleicht auch Generationen unsere Nachkommen.
      Ausserden sagte ein praktizierender Patologe, er sei überzeugt, dass am Jahresende wir keine wesentlich höhere Sterblichkeitsrate haben werden als in anderen Jahren. Ausserdem, wir sind ein Volk von rund 80.000.000 Millionen Menschen. Bei einer Lebenserwartung von durchschnittliche 75 Jahren ist eine Sterblichkeit von jährlich über 1.000.000 natürlich. Und das trifft mich, Dich und jeden anderen. Also bitte, mehr Gelassenheit, mehr Rücksicht, mehr Abstand aber KEINEN Stillstand. Wir Bürger sind verantwortungsbewußt und eigenverantwortlich. Man traue uns bitte genur Hirn zu.
      Gerade Hirn vermisse ich bei den Verantwortlichen. In der Gastronomie darf Ausserhaus verkauft werden, aber dann bitte 50 m Abstand bevor verzehrt wird. Warum in einer Aussengastronomie nicht Zweiertische mit entsprechendem Abstand zulassen? Wenn das so weitergeht, erden die Menschen aufmüpfig, und dann kann durchaus die 2. Welle kommen!!!

    • Sollte man da nicht erst einmal an Stellen sparen, an denen dieses sinnvoll und klug wäre, zumal dadurch auch andere Ziele angegangen werden könnten:
      Z.B. gehört ein sofortiger Stopp des Formel-1-Rennen-Wahnsinns (sowie ähnlicher Veranstaltungen) auf die Tagesordnung; damit könnten nicht nur Milliarden € oder $ gespart werden (übrigens auch Ingenieurs- und Forscherpower), die dann etwa im Gesundheitssystem sicher tausendmal besser angelegt wären. Ein solches Tun würde auch der geplagten Umwelt helfen (man darf gar nicht an die Belastungen denken, die dieser Wanderzirkus allein bei seinen Flügen rund um den Globus verursacht).

      Aber auch der Profifußball mit seinen 100-Millionen-Ablösen, seinen Zigmillionen-Spielergehältern (desgl. bei Managern, Trainern, der ganzen Entourage) und den Milliardenumsätzen ist so fragwürdig wie überflüssig. Es wäre jetzt die beste Zeit, anstatt über die Kosten des Lebens/der Lebenserhaltung sehr fragwürdige Gedanken anzustellen, endlich einmal aufzuräumen mit dem Veranstaltungswahn einer in weiten Teilen sehr dekadenten Gesellschaft. Nicht alles was möglich ist, ist gut und sinnvoll.

      Die Kreuzfahrtindustrie mit ihren immer wahnwitzigeren Ozeanriesen, die sich dann durch die Untiefen der Lagune von Venedig quälen oder zum Betrachten der letzten Pinguine oder Eisbären an die Pole unterwegs sind, welche ohne diesen sogenannten Tourismus wahrscheinlich eine bessere Überlebenschance hätten - all dieser Wahnsinn gehört in Frage gestellt und sollte endlich begrenzt oder noch besser gleich beendet werden. Das hat nichts mit Freiheit zu tun, sondern nur mit Dummheit!
      Bevor jemand für 19,99 € kreuz und quer durch die Welt fliegt und dabei ein Mehrfaches an Umweltschäden mitverursacht (rein finanziell betrachtet), könnte ein Großteil dieses Geldes in Erziehung, Bildung und Gestaltung eines sinnvollen Lebensentwurfes fließen, zum eigenen Nutzen und dem nachfolgender Generationen.........

    • ..... Natürlich braucht ein leistungsfähiges Gesundheitssystem eine starke Volkswirtschaft, um die finanziellen Ressourcen bereitzustellen. Aber wenn diese Volkswirtschaft zu kranken Menschen und einer totkranken Umwelt führt, dann sollte erst einmal eine menschenwürdige Wirtschaftsalternative etabliert werden, die nicht auf Kosten der Umwelt, der unwürdigen Arbeitsbedingungen in den Niedriglohnländern und der Konsumgewohnheiten der eigenen Bevölkerung, sondern auf sinnvollen, langlebigen Produkten, klugen Herstellungsprozessen und Tätigkeiten, die nicht nur Profit und Gewinnmaximierung, sondern langfristig angelegten Zielen beruht. Wir müssen wieder zu einer Bedrafsdeckungsgesellschaft kommen, Bedarfsweckung hat uns an die Grenzen geführt. Und wer's nicht glaubt, weil er/sie vor der Beschäftigung mit Börsenkursen und Dividendenausschüttungen keine anderen Nachrichten mitbekommt: Ein kurzer Blick auf Waldbrände - egal ob Russland, Indonesien oder Brasilien - auf schmelzendes Poleis, auf Meeresmüllstrudel von kontinentalen Ausmaßen, auf Slums und Kriegsgeschehen sollte ausreichen zu erkennen, wohin die Menschheitsreise geht.

    • Sehr guter Kommentar, danke dafür! Natürlich war es am Anfang richtig erstmal alles zu schließen, zu viele unbekannte Größen waren im Spiel. Je mehr wir nun wissen über Sterblichkeit, Verlauf in anderen Gesellschaften mit weniger lockdown usw., desto mehr müssen wir uns dieser -tatsächlich schweren- Diskussion stellen.

    • "Bundestagspräsident Schäuble sagt, dem Schutz von Leben könne nicht alles untergeordnet werden"

      Ich empfehle jeden, bevor er den Stab über Herrn Schäuble bricht, das gesamte Interview zu lesen.
      Leider haben die Journalisten, die die Schlagzeile für die Ausgabe der Zeitung festgelegt haben, nur auf den Effekt geschaut. Das gesamte Interview zeigt ein ganz anderes Bild.

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