Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Kommentar Mehr Privatiers in Deutschland – erfüllt Arbeit noch einen Lebenssinn?

Von den Kapitaleinkünften des Vermögens leben – Privatiers schienen in Deutschland ausgestorben. Erleben wir nun eine Renaissance des Müßiggangs?
3 Kommentare
Kommentar: Privatiers – erfüllt Arbeit noch einen Lebenssinn? Quelle: dpa
Privatiers

Fast 630.000 Menschen in Deutschland finanzierten 2018 ihren Lebensunterhalt überwiegend aus Kapitaleinkünften.

(Foto: dpa)

Honoré de Balzac, Thomas Mann, Gerhart Hauptmann: Sie alle haben den Privatier oder auch Rentier in ihren Werken verewigt. Gemeinsames Kennzeichen dieser literarischen Figuren ist eine gewisse Antriebsschwäche gepaart mit ausgeprägtem Hang zur Bequemlichkeit. Wie sollte es auch anders sein bei einem Menschenschlag, der per Definition seinen Lebensunterhalt nicht durch Arbeit verdient, sondern ausschließlich oder überwiegend aus Kapitalerträgen?

Dabei war das im 19. Jahrhundert ein völlig anerkanntes Lebenskonzept: Es wurde so lange gearbeitet, bis das Geld für ein komfortables Auskommen reichte, dann die Firma verkauft oder der Job gekündigt und fortan einfach nur noch gut gelebt. Erst im 20. Jahrhundert setzte sich durch den Aufstieg der oft akademisch gebildeten Mittelschicht eine Neudefinition der Erwerbsarbeit durch: Sie wurde zum Daseinszweck erkoren, den es mit Leidenschaft auszufüllen gilt.

Selbst für schwerreiche Familienunternehmer weit jenseits des Rentenalters gehört es heute zum guten Ton zu erklären, „dass man immer noch jeden Tag ins Büro geht“. Der Privatier scheint nahezu ausgestorben.

Doch jetzt erfahren wir: Es gibt sie noch, die Privatiers. Und sie werden sogar immer mehr. Fast 630.000 Menschen in Deutschland finanzierten 2018 ihren Lebensunterhalt überwiegend aus Kapitaleinkünften. Das sind 68 Prozent mehr als noch im Jahr 2000, wie das Statistische Bundesamt in einer Sonderauswertung für das Handelsblatt herausgefunden hat.

Dass die Zahl der Menschen in Deutschland steigt, die von ihrem Vermögen leben können, sollte uns nicht verwundern. Angesichts von zehn Jahren Wachstum, einer ausgesetzten Vermögensteuer, einer relativ niedrigen Kapitalertragsteuer und einer Erbschaftsteuer mit vielen Schlupflöchern wäre es seltsam, wenn die privaten Vermögen in Deutschland nicht zunehmen würden.

Spannender ist die Frage, ob sich mit dem stillen Boom der Privatiers einmal mehr auch der gesellschaftliche Blick auf die Erwerbsarbeit wandelt. Längst gibt es unter dem Kürzel „FIRE“ („Financial Independence, Retire Early“) eine avantgardistische Bewegung, die den frühen Ruhestand zum Lebenszweck erhebt. Motto: arbeiten ja, aber bitte nicht wegen des Geldes, sondern nur aus Spaß oder zur gesellschaftlichen Sinnstiftung.

Auch den jungen Akademikern, die sich inzwischen oft schon im ersten Vorstellungsgespräch nach Teilzeitoption und Sabbatical erkundigen, scheint die Aufopferung im Beruf eher fremd zu sein. Womöglich erleben wir gerade die ersten Anzeichen für eine Renaissance des begüterten Müßiggangs in unserer Gesellschaft – fehlt nur noch ihr literarischer Chronist.

Mehr: Vom Normalverdiener zum Privatier – kann das wirklich glücklich machen? Wir haben den Arbeitspsychologen Tim Hagemann gefragt, was am Leben ohne Arbeit so reizvoll ist.

Startseite

3 Kommentare zu "Kommentar: Mehr Privatiers in Deutschland – erfüllt Arbeit noch einen Lebenssinn?"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • @ Herrn Bitschnau

    Es gibt auch sinnstiftende Herausforderungen jenseits des Gewinnstrebens.

    Eindimensionales Denken ist hingegen schwerlich Sinnbehaftet.

  • Beginn der linkspopulistischen Neiddebatte?

  • Privatiers sind für mich Langweiler, die sich einer sinnstiftenden Herausforderung entziehen.