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Kommentar Mit den Milliardenhilfen für Tui macht der Staat so ziemlich alles falsch

4,3 Milliarden Euro hält der Bund an Steuergeld bereit, um den Reisekonzern zu retten. Dabei vergrößert die Regierung den entstandenen Schaden noch.
03.12.2020 - 14:39 Uhr 4 Kommentare
An dem tiefen Fall trägt das Management durchaus eine Mitschuld. Quelle: dpa
Tuifly-Maschinen in Hannover

An dem tiefen Fall trägt das Management durchaus eine Mitschuld.

(Foto: dpa)

Wer rückblickend in ein, zwei Jahren eine Liste der schlimmsten Fehler erstellt, die sich die Regierung während der Corona-Pandemie geleistet hat, wird an oberster Stelle den Namen eines in London gelisteten Reisekonzerns notieren: Tui.

Insgesamt 4,3 Milliarden Euro, so steht seit Mittwochabend fest, hält der Staat bislang an deutschen Steuergeldern bereit, um den Hannoveraner Konzern zu retten – ein Unternehmen übrigens, das sich mehrheitlich im Besitz ausländischer Investoren befindet.

Allein die Summe schon macht sprachlos. Wem sie angesichts der vielen Nullen zu abstrakt erscheint, dem könnten Relationen wie diese weiterhelfen: Rund 10.000 Mitarbeiter beschäftigt der Reisekonzern in Deutschland, sodass auf jeden Kopf eine Rettungssumme von 430.000 Euro entfällt. Eine andere Vergleichszahl gefällig? Nahezu exakt dieselbe Summe investierte der Bund seit 2008 in insgesamt vier Kita-Programme, um Betreuungsplätze für eine halbe Million Kinder unter drei Jahren zu schaffen.

Einen Teil der 4,3 Milliarden Euro, so dürften Tui-Manager einwenden, habe der Staat „nur“ als Bürgschaft vergeben. Doch auch die dürfte Finanzminister Olaf Scholz bereits heimlich auf seiner Abschreibungsliste vermerkt haben. Denn: Rund 450 Millionen Euro, so errechnet sich aus Tuis jüngster Ad-hoc-Meldung, verbrannte der Reisekonzern zuletzt Monat für Monat.

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    Dass Tui nach der jetzt vereinbarten dritten Kapitalspritze 2,5 Milliarden Euro Liquidität besitzt, wie Konzernchef Fritz Joussen am Mittwoch verkündete, rettet den Konzern also höchstens bis zum Sommer.

    Bundesregierung wird die bösen Geister nicht mehr los

    In den Schlamassel manövrierte sich die Bundesregierung wie einst Goethes Zauberlehrling. Denn um die Schäden in den Griff zu bekommen, verursachte Berlin mit unbedachten Gegenmaßnahmen immer noch größere Kalamitäten – getreu dem Wort des Dichters: „Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.“

    Man erinnere sich: Gleich zu Beginn des ersten Lockdowns im März machte Berlin für Tui auch deshalb einen KfW-Kredit über 1,8 Milliarden Euro locker, um eigene Versäumnisse zu vertuschen. Weil die Bundesregierung aus der Pleite des Wettbewerbers Thomas Cook ein halbes Jahr zuvor keine Konsequenzen zog, hätte der Staat auch bei einer Tui-Insolvenz für fehlende Kundengeldabsicherung haften müssen – mit schätzungsweise rund einer halben Milliarde Euro.

    Schon im August 2020 stellte sich das Dilemma erneut. Würde bei der Staatshilfe jetzt nicht draufgesattelt, so war zu befürchten, wären 1,8 Milliarden Euro Steuergeld womöglich innerhalb von nur fünf Monaten unwiederbringlich verbrannt gewesen. Ein Image-GAU für die GroKo, die zur Abwehr weitere 1,2 Milliarden Euro draufsattelte.

    Und jetzt noch einmal 1,3 Milliarden Euro? Und was kommt Ende März, wenn es dann wieder nicht reicht?

    Die Bundesregierung plündert mit einer kaum noch verdeckten Salamitaktik die Staatskasse für ein Unternehmen, das keineswegs so systemrelevant ist wie Commerzbank, Lufthansa oder Deutsche Bahn. Und schlimmer noch: Durch die Finanzierungsmodalitäten könnte der Staat über seinen Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) demnächst zu einem mächtigen Miteigentümer des hannoverschen Reisekonzerns werden.

    Steuerzahler wie Alltours-Inhaber Willi Verhuven oder Schauinsland-Eigentümer Gerald Kassner dürften sich bedanken. Wie so viele andere in der Branche haben sie bislang – abgesehen vom Kurzarbeitergeld – keine Staatshilfen in Anspruch genommen. Im Gegenzug aber macht der Staat ihnen nun mit Tui sogar noch Konkurrenz.

    Staatswirtschaft: Hilfsgelder und Wettbewerbsverzerrung

    Andere Tourismusfirmen, die in der Pandemie Hilfe benötigen, bekamen sie nur in homöopathischen Dosen. Vor wenigen Tagen etwa ließ der Staat die Reisebürokette Bühler mit 32 Filialen und 220 Mitarbeitern in die Pleite rutschen, obwohl der Fall in Berlin bekannt war. Bei monatlichen Fixkosten von einer halben Million Euro hatte die Regierung gerade einmal 50.000 Euro im Monat spendiert.

    Was stimmt: Die Corona-Pandemie kam wie eine Naturkatastrophe über Tui. Doch an dem tiefen Fall trägt das Management durchaus eine Mitschuld. Ganz bewusst hatte sich Vorstandschef Fritz Joussen bei seinem Amtsantritt 2013 entschieden, Tui eine „Heavy-Asset-Strategie" zu verordnen.

    Statt nur mit Hotel-, Schiffs- und Flugkontingenten zu handeln wie die meisten Wettbewerber, sollten möglichst viele eigene Schiffe, Hotels und Flugzeuge her. Auf jeder Produktionsstufe sollten die Erträge in die Firmenkasse des Konzerns fließen.

    Doch wo hohe Ertragschancen winken, so lernen Betriebswirte schon im ersten Semester, lauert oft auch das Risiko. Ein Puffer für schlechte Zeiten hätte dem Unternehmen mehr geholfen, doch Tui entschied sich stattdessen für üppige Dividendenzahlungen an seine Aktionäre. Das selbst noch Mitte Februar 2020.

    Mehr: Drittes Milliarden-Hilfspaket für Tui – Staat könnte zum Großaktionär werden.

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    Mehr zu: Kommentar - Mit den Milliardenhilfen für Tui macht der Staat so ziemlich alles falsch
    4 Kommentare zu "Kommentar: Mit den Milliardenhilfen für Tui macht der Staat so ziemlich alles falsch"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Banken sind nicht systemrelevant. Das mus man mal verstehen. Wenn ein Bank Pleite geht, passiert gar nichts, jedendalls nichts so viel wie die Ängslichen glauben. Auch das Beispiel Lehman Brothers zeigt dies:

      Der Narrativ, dass die ganze Finanzkrise von Lehman Brothers ausgelöst wurde, ist unsinn. Die Insolvenz einer Bank unterscheidet sich ganz massiv von der Insolvenz eines anderen Unternehmens.

      => Bei einer Industrieinsolvenz bleibt kaum etwas übrig. Die Insolvenzquoten liegen deutlich unter 50%.

      => Bei einer Bankeninsolvenz bleibt in der Regel sogar ein kleiner Teil des Eigenkapitals übrig. Selbst bei Lehman Brothers wurden entgegen anfänglicher Befürchtungen inzwischen rund 80% an die Gläubiger ausgezahlt und es finden auch künftig noch Abschlagszahlungen statt.

      Der Begriff "systemrelevant" war immer falsch. Der Begriff war eine Erfinundung der alternativlosen Politik einer überforderten Kanzlerin, die als Tochter eines begeisterten Kommunisten keinen Bezug zur Marktwirtschaft hat. Systemrelevanz ist ein Mythos. 12 Jahre nach der Eurokrise sollte man mal anfangen das zu realiesieren.

    • Hatten wir in der "Deutschen Demokratischen Republik" doch immer so gemacht! Nu machen wir das wieder. Ist doch alles Volkseigentum!

    • Avanti Dilettanti - mehr fällt mit dazu nicht mehr ein. Unser gravitätischer Finanzminister schaut aber immer so schön besonnen und kompetent. Das kann er wirklich gut. Gelernt ist gelernt.

    • TUI zu retten, die arrogant im Februar 2020 noch hohe Dividenden zahlten, zeigt das Unvermögen Scholz Risiken korrekt einzuschätzen.

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