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Kommentar Mit der Übernahme des Stimmrechtsberaters ISS beginnt eine neue Ära bei der Deutschen Börse

Der selbstbewusste Beratungskonzern ISS wird die Deutsche Börse amerikanisieren. Europäische Prinzipien guter Unternehmensführung geraten so einmal mehr in die Defensive.
22.12.2020 - 21:25 Uhr Kommentieren
ISS steht für eine Governance US-amerikanischer Prägung. Das wird Einfluss auf den deutschen Börsenbetreiber haben. Quelle: dpa
Zentrale der Deutschen Börse

ISS steht für eine Governance US-amerikanischer Prägung. Das wird Einfluss auf den deutschen Börsenbetreiber haben.

(Foto: dpa)

Die Deutsche Börse AG startet in eine neue Ära. Mit der Übernahme des amerikanischen Beratungskonzerns International Shareholder Services ISS im neuen Jahr macht der Börsenbetreiber aus Frankfurt einen strategisch entscheidenden Schritt.

ISS gilt nicht nur als der weltweit einflussreichste Stimmrechtsberater, sondern auch als einer der bestsortierten Datenanbieter in Sachen ESG. ISS berät Investoren und Unternehmen bei den Themen Umwelt (Environment), Soziales (Social) und gute Unternehmensführung (Governance) und verfügt hier über eine große Datenbank.

Es liegt nahe, den anderthalb Milliarden Euro schweren Zukauf an der pikanten Note zu messen: Eine börsennotierte Aktiengesellschaft – eben die Deutsche Börse AG – übernimmt einen Stimmrechtsberater, der dann die Aktionäre des eigenen Unternehmens berät, wie sie abzustimmen haben. Die Tochter sagt den Investoren der Mutter, wo es künftig langzugehen hat. Wenn das keine interessante Konstellation ist.

Doch den ISS-Deal auf diese Petitesse zu reduzieren würde den möglichen Folgen des Geschäfts für die Corporate Governance insgesamt nicht gerecht. Selbst Finanzanalysten sind, wie eine Umfrage des Branchenverbands DVFA kürzlich ergab, zwiegespalten, was sie von dem Deal halten sollen. Zugespitzt könnte man das etwa so formulieren: Mit der Übernahme von ISS durch die Deutsche Börse verabschieden wir uns von einer eigenständigen, europäisch geprägten Führungsphilosophie für Unternehmen.

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    ISS steht für eine Governance US-amerikanischer Prägung. Und die steht häufig in Gegensatz zu unseren Vorstellungen darüber, was gute Unternehmensführung und -kontrolle bedeutet. Ein Beispiel: Die für deutsche wie europäische Verhältnisse generell astronomisch erscheinenden Vergütungen amerikanischer Manager gehören zum Standardrepertoire von ISS. CEO-Gehälter in zweistelligem Millionenbereich erklären sich in den USA in der Regel durch gigantische Aktienoptionsprogramme, die US-Managern bereitwillig und unter Tolerierung der ISS-Prinzipien gewährt werden.

    Hierzulande sind die Debatten gar nicht auszudenken, die ein Jahressalär von, sagen wir, 40 Millionen Euro selbst für den Chef des größten deutschen Unternehmens Volkswagen auslösen würde. In den USA ist das kein Thema.

    ISS-Einfluss ist schwer messbar, aber offensichtlich

    Welchen Einfluss ISS als Stimmrechtsberater tatsächlich auf die Unternehmensführung hat, ist schwer zu belegen. Jedenfalls lässt sich das statistisch kaum nachweisen. Doch die Zahl der faulen oder überforderten Investoren, die sich auf Empfehlungen anderer verlassen und dementsprechend abstimmen, kann so klein nicht sein. Sonst ließe sich das expansive Geschäft der gerade mal 35 Jahre alten ISS nicht erklären.

    Es gibt allerdings seriöse Analysen, nach denen ISS etwa 30 Prozent aller Stimmrechte bei Dax-Konzernen mit seinen Empfehlungen kontrolliert. Schließlich gehört die Mehrheit der Dax-Aktien ausländischen Investoren. Und die haben meist wenig Zeit und Lust, sich intensiv und mit eigenen Governance-Regeln auf die Hauptversammlungssaison vorzubereiten.

    Dazu kommt, ISS berät auch Unternehmen in Governance-Fragen und wird bei dieser Gelegenheit seine Philosophie der Unternehmensführung verkaufen. Der Interessenkonflikt, der daraus mit der Sparte Stimmrechtsberatung entsteht, ist schon länger Stein des Anstoßes und sogar Grund heftiger Auseinandersetzungen mit der amerikanischen Börsensaufsicht SEC.

    ISS-Chef Gary Retelny, der auch nach der Übernahme durch die Deutsche Börse CEO bleiben soll, hat sich im Streit über diese Frage sogar mit der mächtigen Institution angelegt und die SEC verklagt. Das traut sich in den Staaten nicht jeder, zeigt aber das Selbstbewusstsein der künftigen Börsen-Tochter.

    ISS kann mit europäischen Standards wenig anfangen

    Aber was heißt schon Tochter? Der Kauf des weltweit einflussreichsten Stimmrechtsberaters durch die Deutsche Börse könne ein großer Schritt sein, kontinentaleuropäische Vorstellungen von guter Unternehmensführung zu mehr Bedeutung zu verhelfen. Etwa dem deutschen Modell der Sozialpartnerschaft in der Unternehmensüberwachung.

    Vielen ist das zweifellos ein Dorn im Auge, aber in Krisenlagen hat sich die Mitbestimmung der Arbeitnehmervertreter durchaus bewährt, um Konflikte frühzeitig zu entschärfen. Angelsächsisch geprägte Shareholder können damit meist wenig anfangen. ISS auch nicht.

    Da läge zwar eine große Chance für die Deutsche Börse, mithilfe von ISS guter Corporate Governance made in Germany oder Europe mehr Gewicht zu verleihen. Der Börsenbetreiber könnte indirekt darauf hinwirken, dass die in seinen Standards gelisteten Unternehmen sich auch an Standards halten. Keine schlechte Vorstellung.

    Doch die Wahrheit wird vermutlich eine andere sein. Die künftige amerikanische Tochter der deutschen Mutter wird sich nicht umdrehen, nicht europäisieren lassen. Es wird wohl eher ein Reverse Take-over, eine umgekehrte Übernahme. Europas Aktiengesellschaften werden eine weitere Welle der Amerikanisierung über sich ergehen lassen müssen. Beschwerden darüber sind allerdings nicht mehr in den Staaten abzugeben, sondern in Eschborn, dem Sitz der Deutschen Börse AG.

    Mehr: US-Aufseher wollen die Macht der Stimmrechtsberater brechen.

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