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Kommentar Mit Luxus aus der Krise ist eine problematische Strategie der Autobranche

Die Autohersteller setzen auf Edel und Teuer. Das ist betriebswirtschaftlich konsequent, aber gesellschaftlich bedenklich.
02.09.2020 - 12:08 Uhr 1 Kommentar
Quelle: Kostas Koufogiorgos

(Foto: Kostas Koufogiorgos)

Sie ist mindestens fünf Meter lang und bringt gut zwei Tonnen auf die Waage. So groß die Abmessungen, so luftig wirkt das Innenleben. Nackenwärmekissen und stimmungsfördernde Lichtspiele entspannen die Passagiere, die Atemluft ist mehrfach gefiltert und auf Wunsch aromatisiert. Wer im neuen Mercedes-Flaggschiff Platz nimmt, der ist geschützt vor Stress, vor Viren, vor allem Unbill der Außenwelt.

Vermutlich kommt die neue Mercedes S-Klasse genau zur richtigen Zeit. Nie war das Bedürfnis betuchter Reisender, in einer gefilterten Kapsel aus Luxus zu verschwinden, so groß wie heute. Wahrscheinlich hilft das renovierte Spitzenmodell Daimler-Chef Ola Källenius so, seine Amtszeit zum Erfolg zu führen – die Milliardengewinne einer frischen S-Klasse haben ja noch jeden strauchelnden Daimler-Chef gerettet. Ganz sicher aber steht die neue Superlimousine für den neuen Weg der Autoindustrie, die sich aus der Masse verabschiedet und ihre Produkte zunehmend als Luxusgut versteht.

Nach dem Finanzcrash 2008 hatte die Autoindustrie auf Billig- und Kompaktmodelle gesetzt und so dem geschmälerten Budget ihrer Kundschaft Rechnung getragen. In der Coronakrise fährt die Branche genau in die andere Richtung. Preis geht vor Menge und Marktanteil.

Das neue Vorbild von Mercedes-Chef Källenius ist nicht Volkswagen, sondern die Louis-Vuitton-Mutter LVMH. Schon vor dem Corona-Einbruch strichen die Konzernplaner die Kompakt- und Kleinwagenmodelle zusammen und erklärten Edel und Teuer zum neuen Leitmotiv des Produktportfolios. Während beim Verkauf jeder S-Klasse rund 20.000 Euro in der Konzernkasse hängen bleiben, zahlt Mercedes bei jedem Smart drauf.

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    Die hohen Renditen im Luxusgeschäft wecken Begehrlichkeiten der Konkurrenz, deren Marge wie bei Mercedes immer dünner wird. Mercedes-Rivale BMW hat sich zum Ziel gesetzt, innerhalb von zwei Jahren den Absatz seiner Luxuslimousinen und Geländewagen zu verdoppeln. Audi plant mit seinem „Artemis“-Projekt eine Elektrolimousine oberhalb des bisherigen Spitzenmodells A8. Alle drei Häuser puschen den Absatz ihrer Tuning-Töchter, die aus biederen Serienmodellen sündhaft teure Kleinserien machen.

    Auch die Massenhersteller sind auf der Flucht nach oben. Luca de Meo, neuer Chef des kriselnden Autokonzerns Renault, kündigt an, die ganze Palette von „Volumen auf Wert“ umstellen zu wollen. Als ehemaliger VW-Manager weiß er, dass automobile Massenware keine Zukunft mehr hat. Litt die Branche schon vor der Krise unter Überkapazitäten, so ist jetzt kaum eine Fabrik ausgelastet. Glücklich schätzt sich, wer seine automobile Dutzendware ohne Verlust produziert.

    Die EU-Klimapolitik verstärkt den Trend zu Luxuswagen

    Die Abkehr vom Massengeschäft wird sich fortsetzen. Das liegt auch an der Klimapolitik der EU. Solange es keine Elektroautos gab, sorgten Kompakt- und Kleinwagen dafür, dass der Spritverbrauch der jeweiligen Herstellerflotte halbwegs im Rahmen blieb. Der Übergang zur Elektromobilität macht diese Strategie nun obsolet. Die Klimaregeln der EU rechnen auf dem Papier ein zwei Tonnen schweres Elektro-SUV sauberer als einen herkömmlichen Smart. Die Mercedes Kleinwagentochter hat damit ebenso wie der Opel-Adam und der Volkswagen up! ihre Schuldigkeit getan. Nach und nach werden diese Modelle verschwinden.

    Je kleiner das Auto, desto weniger lassen sich die steigenden Anforderungen an die Antriebe finanzieren. Diesel und Benziner brauchen aufwendige Filter, wenn sie überhaupt noch in der Stadt zugelassen werden. Hybrid- und Elektroantriebe bleiben auf absehbare Zeit teuer, auch wenn die üppige staatliche Subventionierung dem Kunden erschwingliche Preise suggeriert. Langfristig gilt: Nur wer es schafft, seine teuren Antriebe über teure Autos zu vermarkten, wird eine Zukunft haben.

    Für die deutsche Autoindustrie ist das keine ungünstige Entwicklung. Das preisgünstige Metier liegt weder Volkswagen noch Daimler oder BMW. Von Wolfsburg bis München schaut man auch immer weniger auf den Heimatmarkt, sondern auf jene zehn Prozent der Weltbevölkerung, die sich deutsche Autos leisten können. Dieser Kundenkreis wächst nicht nur schneller als die Mittelschicht, er dürfte auch besser durch die Coronakrise kommen.

    Grafik

    Bekommen die Deutschen die Elektromobilität und die Digitalisierung in den Griff, bleiben ihre Autos neben Tesla begehrte Produkte. Bleibt der Welthandel einigermaßen offen, so wird man auch in Zukunft in Sindelfingen S-Klassen bauen und sie mit hohem Gewinn nach China und Kalifornien schiffen.

    Für die Masse der Autokäufer aber gilt: Autofahren wird teurer, weil sich die Autoindustrie billige Autos nicht mehr leisten kann. Das ist erst einmal gut für unsere überfüllten Städte und für das Weltklima, das zu kippen droht. Wenn aber die Einstiegsmodelle verschwinden, wenn selbst der Kompaktwagen zur kleinen S-Klasse mutiert, dann werden immer mehr Menschen vom Besitz eines Autos ausgeschlossen.

    Das Auto verliert seine Rolle als Schrittmacher der Mobilität für die Massen, es entwickelt sich wie in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts zum exklusiven Vehikel einer Elite. Das Auto verbindet dann nicht mehr, es spaltet. In Zeiten eines sich zuspitzenden gesellschaftlichen Klimas kann das Brisanz entwickeln.

    Mehr: Daimler hofft nach Milliardenverlust auf den S-Klasse-Effekt.

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    1 Kommentar zu "Kommentar: Mit Luxus aus der Krise ist eine problematische Strategie der Autobranche"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Des Kaisers (Ola Källenius) neue Kleider (Mercedes S-Klasse)

      das bekannte KIndermärchen "Des Kaisers neue Kleider" wird bei WIKIPEDIA im "Hintergrund" so
      kommentiert, um das der perfekte Bericht von Markus Fasse noch ergänzt werden könnte.
      Ich gehe davon aus, dass Daimler Chef Ola Källenius und seinen Getreuen dasselbe nicht fremd ist:

      "Die Erzählung wird gelegentlich als Beispiel angeführt , um Leichtgläubigkeit und die unkritische Akzeptanz
      angeblicher Autoritäten und Experten zu kritisieren. Aus Furcht um seine Stellung und seinem Ruf spricht
      wider besseren Wissens niemand, nicht einmal der treueste MInister des Kaisers, die offensichtliche
      Wahrheit aus....." die da lauten könne....."gnadenlos von Tesla abgehängt!"

      Gleichwohl drücken die Daimler Fans Ola Källenius beide Daumen; wohl auch die, die er alsbald über
      seinen "Henker" im Personalbereich zu Tausenden in das Niemandsland des Vorruhestands transportieren
      möchte.

      Wer im Schuldensumpf wie Daimler steckt, wer vor lauter Prozessen und anderen Untiefen der gerichts-
      anhängigen Verfahren -weltweit- weiterhin seine Unschuld bestreitet und Millionen und Milliardenbeträge
      zuletzt u.a.an die Stuttgarter Staatsanwaltschaft fast kommentarlos in Höhe von 770 Millionen Euro
      Bußgeld bezahlte, dem kann man im Interesse der tüchtigen Ingenieure und samt allen Mitarbeitern
      nur das Beste wünschen.

      Aber wie gesagt: Wenn sich die Zahlen im Daimler Berichtswesen in Bezug auf Free Cash Flow, auf Gewinn,
      auf Dividendenausschüttung nicht alsbald ändern, muss sich an Friedrich Flick erinnern lassen:
      "Wenn sich diese nicht ändern, dann müssen die Köpfe ausgetauscht werden."

      Sollte sich die Mercedes S-Klasse lediglich als ein Betäubungsmittel herausstellen und Tesla tatsächlich
      auch Daimler den k.o. versetzen, dann wird nicht mehr gestritten um die E l e k t r o m o b i l i t ä t,
      um die W a s s e r s t o f f t e c h n o l o g i e oder um die F a h r a s s i s t e n z s y s t e m e sondern
      dann Rollen Köpfe!


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