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Donald Trump, Emmanuel Macron

Die Präsidenten demonstrierten in Biarritz ein kumpelhaftes Verhältnis.

(Foto: AFP)

Kommentar Mit Macron steht endlich wieder ein Europäer an der Spitze eines EU-Staats, der sich auch Weltpolitik zutraut

Dank des geschickten Gipfelmanagements von Macron präsentierte sich der Westen noch einmal geschlossen. Doch die Gräben sind kaum zu überwinden.
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Erleichterung – wer wollte das bestreiten – ist das Wort, das die Stimmung nach diesem denkbaren Gipfel in Biarritz am besten trifft. Angela Merkel, die mit Abstand gipfelerfahrenste Regierungschefin unter den sieben und mit einer gesunden Skepsis ausgestattet, sprach von einem „großen Fortschritt“.

US-Präsident Donald Trump sah einen „fantastischen“ und „sehr gut gemachten Gipfel“. Und Gastgeber Emmanuel Macron selbst strahlte sichtbar stolz, als er gemeinsam mit Trump zum Schlussakt des Gipfels vor die Kameras trat.

Ja, so viel Harmonie und Freundlichkeit war selten in den vergangenen zwei Jahren. Das an sich ist schon ein Wert, wenn man sich vor Augen führt, wie der vorherige Gipfel in Kanada im vergangenen Jahr geendet hatte: Der beleidigte US-Präsident war fünf Stunden vor Ende abgereist, zog seine Unterschrift unter der Abschlusserklärung per Twitter zurück und beleidigte Gastgeber Justin Trudeau.

Kein Eklat – das darf in diesen Tagen schon als Erfolg gelten –, so ist es um die einst so stolze „westliche“ Wertegemeinschaft bestellt. Denn bei genauer Betrachtung der Ergebnisse – nichts als Absichtserklärungen und Hoffnungswerte: ein mögliches Treffen zwischen Trump und seinem iranischen Amtskollegen Hassan Ruhani, wobei sich niemand auch nur ansatzweise vorstellen kann, wie ein Kompromiss im ebenso komplexen wie geopolitisch höchst relevanten Atomkonflikt aussehen könnte.

Ein paar freundliche, aber vollkommen unverbindliche Aussagen im transatlantischen und amerikanisch-chinesischen Handelsstreit. Ein neuer Anlauf zur Befriedung der Ostukraine – mehr ist es noch nicht. Ein möglicher Interessenausgleich im Streit über die Digitalsteuer, aber nur wenn es eine globale Lösung gibt, die auf absehbare Zeit alles andere als wahrscheinlich ist. Immerhin Soforthilfen im Kampf gegen den brennenden Regenwald in Brasilien.

Solange Gespräche geführt werden, ist zumindest eine Eskalation der zahlreichen Konflikte unwahrscheinlicher. Das ist das unumstrittene Verdienst des originell taktierenden Gipfelmanagers Macron. Wohin aber solche Gespräche am Ende führen können und sollen, ist nach Biarritz genauso unklar wie vorher.

Das grundsätzliche Problem: Die Worte des US-Präsidenten gelten eben nur so lange, bis sie nicht mehr gelten. Trump schert sich nicht um diplomatische Gepflogenheiten. Regeln mögen für die meisten Sterblichen gelten, nicht so für Donald.

„Emanuel Macrone“ schrieb der Präsident respektlos im Vorfeld des Gipfels in einem Tweet. Böswillige würden behaupten, Trump habe den Namen seines französischen Amtskollegen mit Absicht falsch geschrieben.

Wahrscheinlicher ist – und das ist nicht weniger schlimm: Es ist dem amerikanischen Präsidenten schlichtweg egal, ob die Orthografie stimmt. Motto: „Der französische Präsident hat so zu heißen, wie ich, Donald, ihn schreibe.“

Was schon im Kleinen ein Affront darstellt, setzt sich im Großen fort: Niemand weiß, was Trump, der sich im Normalfall bei solchen Veranstaltungen nicht mit Mikroaggressionen aufhält, dazu brachte, sich in vielen Fragen der Geopolitik in Biarritz so versöhnlich zu zeigen.

War es das herrliche Urlaubsambiente in dieser malerischen Bucht, das den Präsidenten sanftmütig stimmte? Waren es die angenehmen Temperaturen? Oder doch die Schmeicheleien Macrons?

Viel spricht dafür, dass die Gemütslage des Präsidenten die Leitlinien seiner Politik bestimmt. Eine rationale Strategie jedenfalls, die diesen Namen verdient, gibt es nicht. Mal abgesehen von der Tatsache, dass „America first“ die Maxime seines Handelns ist.

Auch hier gilt aber: Längst nicht alles, was bauchgefühlt gut für Amerika ist, entspricht langfristig den Interessen des Landes. Oft ist, wie etwa bei protektionistischen Reflexen Trumps, das Gegenteil der Fall.

Fakt ist: Die Wankelmütigkeit Trumps macht eine rationale Politik ihm gegenüber fast unmöglich. In einem gewissen Grad kann man sogar von einer Infantilisierung der Außenpolitik sprechen. Niemand würde sich wundern, wenn der Mann im Weißen Haus das in Biarritz Gesagte mit einem Tweet zunichtemachte.

Die Unbeständigkeit ist das einzig Beständige in Trumps Politik, was am Ende auch die G7-Gipfeldiplomatie vollständig entwertet, auch wenn die befürchtete Spaltung zwischen den Multilateralisten auf der einen und Trump mit Boris Johnson, seinem Bruder im Geiste, auf der anderen Seite in Biarritz zumindest nicht offen sichtbar wurde.

Aber auch das kann nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die G7 kaum noch als Wertegemeinschaft wahrgenommen werden kann. Das gilt für die Handelspolitik, also den Glauben an den freien Wettbewerb um die bessere Idee auf offenen Märkten. Und das gilt für die Außenpolitik, also die Überzeugung, dass es so etwas wie einen Interessenausgleich geben sollte und dass am Ende alle von gemeinsamen Regeln profitieren.

Der Westen, so scheint es in der Ära Trump, ist nur noch eine Karikatur seines von der Freiheit geprägten Selbstbilds.

Und doch gibt es sie, die wirklich positive Botschaft von Biarritz: Mit Macron steht endlich wieder ein Europäer an der Spitze eines EU-Staats, der nicht nur über Charisma, Mut und Gestaltungskraft verfügt, sondern sich auch Weltpolitik zutraut.

Mehr: Macron gelingt beim G7-Gipfel das fast Unmögliche – eine Analyse der Gipfelergebnisse

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