Kommentar Neuer Absturz in Sicht – Für eine TecDax-Neuordnung könnte es zu spät sein

Zu viel Anlegergeld fließt in den Technologieindex. Dadurch wird dieser aufgebläht. Ob die eine TexDax-Neuordnung wirklich hilft, ist aber ungewiss.
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Nach der Neuordnung notieren alle Technologieunternehmen im TecDax, also auch Unternehmen wie Siemens und SAP aus dem Dax. Quelle: AFP
Frankfurter Börse

Nach der Neuordnung notieren alle Technologieunternehmen im TecDax, also auch Unternehmen wie Siemens und SAP aus dem Dax.

(Foto: AFP)

Ob Apple und die Nasdaq oder Wirecard und der TecDax: Wer die Rekorde an der amerikanischen und deutschen Technologiebörse verfolgt, fühlt sich an die Zeit vor 18 Jahren erinnert. Heute müssen Anleger genau hinschauen. Welche Unternehmen werden sich wie damals in Luft auflösen, welche verdienen nachhaltig Geld? Zum Glück erleichtert eine Neuordnung des TecDax diese Wahl.

Damals kauften Anleger Aktien von Unternehmen, die wie Endemann, Intershop, Kinowelt und Metabox irgendetwas mit Internet, Medien oder Telekommunikation zu tun hatten. Ob die Firmen Geld verdienten, spielte keine Rolle. Was zählte, waren Visionen. Gewinn und Dividenden haftete sogar der Makel des Gestrigen an.

Als die Blase platzte, verloren die Aktien am deutschen Neuen Markt innerhalb von drei Jahren 98 Prozent an Wert. Im Durchschnitt wohlgemerkt. Das kommt einem Totalverlust sehr nahe.

Fortan wollte kaum jemand etwas von Technologieaktien wissen. Eine verständliche und typische Reaktion, aber ein schwerer Fehler, denn nach dem Crash gab es die Titel so preisgünstig wie niemals zuvor.

Gemessen an ihrem meist schmalen Gewinn waren die meisten Wachstumsfirmen mit oftmals glänzenden Zukunftsaussichten sogar preiswerter zu haben als etablierte Konzerne wie Bayer, Henkel und Fresenius im Dax oder Fielmann, Hochtief und Rheinmetall im MDax.

Erst mit den Rekordgewinnen von Apple, Google, Facebook und vielen längst etablierten amerikanischen Technologiekonzernen wie Microsoft, Cisco und Intel fanden Aktionäre den Geschmack an Tech-Aktien wieder. Der einstige Dotcom-Malus mutierte in den vergangenen Jahren zu einem bis heute gültigen Hightech-Bonus.

Anleger mögen Tech-Aktien, weil diese Branchengrenzen sprengen

Anleger setzen vor allem deshalb auf IT-Firmen wie Google mit seiner Holding Alphabet, den Onlineriesen Amazon oder den Autobauer Tesla, weil diese es schaffen, traditionelle Branchengrenzen zu sprengen, die Etablierten unter Druck zu setzen, die Wirtschaft aufzumischen und bislang gültige Wettbewerbsregeln auszuhebeln.

Von einer neuen Blase zu sprechen ist aber vor allem deshalb falsch, weil die meisten gehypten Hightech-Konzerne um Apple, Facebook und Co. viel Geld verdienen. In keiner Branche erwirtschaften die Unternehmen so viel Geld wie in der Technologie. Deshalb steigen die Kurse an der Nasdaq völlig zu Recht stärker als die an den etablierten Börsen.

Weil Aktionäre weltweit ihre Liebe für Wachstumsaktien wiederentdecken, profitiert auch Deutschlands TecDax vom Boom an der Nasdaq. Das Problem ist leider nur, dass beide Tech-Börsen nicht vergleichbar sind.

An der großen Nasdaq notieren Weltkonzerne, die zusammen zehn Billionen Dollar wert sind und mehr Geld verdienen als die großen traditionellen Konzerne. Die 30 Unternehmen im TecDax aber verdienten im abgelaufenen Geschäftsjahr zusammen gerade einmal 2,6 Milliarden Euro. Dafür braucht Apple nicht einmal einen Monat seine iPhones zu verkaufen, und selbst Volkswagen benötigt dafür trotz Dieselskandal nur gut ein Quartal.

Schmale Erträge, hohe Bewertungen

Dennoch fließt dem TecDax immer mehr Geld zu – und damit Aktien von Unternehmen wie Aumann, Isra und S&T – Namen, die wohl nur eingefleischten Technologieliebhabern ein Begriff sein dürften. Die Mittelzuflüsse steigen und steigen, weil immer mehr Anleger auf den Trend aufspringen und über Fonds und ETFs gleich den gesamten TecDax kaufen – ohne sich mit den einzelnen und wenig bekannten Firmen und ihren Geschäftsmodellen auseinanderzusetzen. Dieses Geschehen erinnert dann doch sehr an die Exzesse kurz vor der Jahrtausendwende.

Am Ende droht dem TecDax wieder der Absturz. Dann, wenn die Kurse an der Nasdaq sinken, etwa durch Gewinnmitnahmen, und die Anleger merken, dass die Firmen im TecDax, gemessen an ihren schmalen Erträgen, viel zu hoch bewertet sind.

Das Problem ist also: Zu viel Anlegergeld fließt in einen Index mit kleinen Firmen, die wenig verdienen und deren Börsenwert dadurch unverhältnismäßig aufgebläht wird. Abhilfe könnte ausgerechnet eine technische Neuerung schaffen. Die Deutsche Börse hat beschlossen, ihre Indexwelt neu zu ordnen.

Künftig notieren alle Technologieunternehmen im TecDax. Also auch SAP, Siemens und Infineon aus dem Dax. Es wird Doppelmitgliedschaften in verschiedenen Indizes geben – so wie es in den USA üblich ist. Damit erhält der TecDax nicht nur prominenten, sondern vor allem auch schwergewichtigen Zuwachs. Allein SAP ist mit einem Börsenwert von 129 Milliarden Euro um gut 15 Milliarden Euro größer als alle 30 TecDax-Firmen zusammen.

Der positive Effekt ist, dass sich das viele den Tech-Unternehmen zufließende Anlegergeld künftig nicht nur auf die kleinen, sondern auch auf die wenigen großen Technologiefirmen verteilt.

Der TecDax dürfte damit weniger stark nach oben und hoffentlich auch weniger nach unten ausschlagen. Bleibt zu hoffen, dass die Neuordnung ab September nicht zu spät kommt.

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1 Kommentar zu "Kommentar: Neuer Absturz in Sicht – Für eine TecDax-Neuordnung könnte es zu spät sein"

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  • Sehr geehrter Herr Dr. Sommer,

    zugegeben, für Tec-Aktien habe ich mich bislang relativ wenig interessiert. Aber nachdem ich nun Ihren Artikel gelesen habe, bin ich auch nicht viel klüger.

    Das A&O einer Aktienanlage ist die Bewertung. Aber dazu braucht man sehr viele Zahlen. Einfach nur zu sagen, etwas sei teuer oder billig, reicht nicht aus. Der Anleger sollte schon wissen, wie teuer oder wie billig.

    Hinzu kommt, dass die Börse eine eventuelle Überbewertung nicht unbedingt sofort korrigiert. Ein Hype kann viele Jahre anhalten, aber die Enttäuschung kommt irgendwann mit Sicherheit.

    Kritisch sehe ich auch die Riesengewinne amerikanischer Tec-Firmen. Haben diese wirklich Ewigkeitswert? Oder locken sie vielleicht doch Wettbewerber an? Beispielsweise staatlich gelenkte Firmen aus dem Reich der Mitte?

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