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Kommentar Nichts ist in der Pandemie so falsch wie Halbherzigkeit

Virusbekämpfung ist wie Krieg? Das war vielen Europäern zu martialisch. Doch Länder, die die Pandemie als Verteidigungsfall sahen, stehen jetzt beim Impfen besser da.
08.02.2021 - 04:00 Uhr Kommentieren
Karikatur

Amerika hat viele Kriege geführt – auch ohne militärischen Gegner. Den Krieg gegen die Armut zum Beispiel, den Krieg gegen Drogen oder den Krieg gegen den Terror. Die Ergebnisse waren oft ernüchternd, teils niederschmetternd. Die Armut in den USA ist unbezwungen, der Drogenkonsum ungebrochen, der Terrorismus unbesiegt. 

Wohl auch deshalb waren die Europäer skeptisch, als in Amerika zu Beginn der Pandemie vom Krieg gegen das Virus die Rede war. Unangemessen martialisch fand man diese Wortwahl. Bellizismus – das ist der Sound von John Wayne und George W. Bush. Mit politischer Vernunft und Problemlösungskompetenz, den Eigenschaften, die sich die Europäer gern zuschreiben, schien sich Kriegsmetaphorik nicht zu vertragen.

Doch seit in europäischen Impfzentren Mangelverwaltung betrieben wird, richtet sich ein neidvoller Blick auf die Vereinigten Staaten. Ja, die USA standen in der Pandemie lange als Versager da. Aber beim Impfen kommen sie wesentlich schneller voran als wir.

Es hätte die Europäer aufhorchen lassen sollen, dass in Washington nicht nur effekthascherische Kommentatoren zur Kriegsmetapher griffen, sondern auch der militaristischen Neigungen unverdächtige Internationale Währungsfonds. 

Die IWF-Experten erkannten früh, dass der Kampf gegen das Virus eine groß angelegte Mobilisierung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ressourcen erfordert. „Die Covid-19-Pandemie ist eine Krise wie keine zuvor. Es fühlt sich an wie ein Krieg, und in vieler Hinsicht ist es einer“, schreib der IWF im April 2020.

Tiefe Eingriffe in das Wirtschaftsleben

Dem Währungsfonds geht es weniger darum, Soldaten Feldhospitäler aufbauen oder gar Grenzen abriegeln zu lassen. Vielmehr wollte er das Bewusstsein dafür schaffen, dass die Ausnahmesituation der Pandemie tiefe Eingriffe in das Wirtschaftsleben erfordert: die Umstellung von Produktionsmitteln, den Aufbau einer Art Kriegswirtschaft zur Virusbekämpfung.

Kriegsrhetorik, so verstörend sie auch ist, rüttelt wach – genau darin liegt ihr Nutzen. Nichts ist in der Pandemie so falsch wie Halbherzigkeit. Wer zögert, wer auf Zeit spielt, hat den Kampf gegen das Virus schon verloren. Und bei aller Abneigung gegen militante Rhetorik: Ganz fremd sind kriegerische Sprachbilder uns auch nicht. 

Als es darum ging, die ökonomischen Folgen der Coronakrise zu bekämpfen, präsentierte Finanzminister Olaf Scholz im vergangenen Frühjahr stolz seine „Bazooka“. Nur: Wer mit „Wumms“ aus der Krise will, muss erst das Virus besiegen. 

Die in Deutschland sehr aufgeregt geführte Debatte darüber, ob es richtig war, die EU statt die Nationalstaaten mit der Impfstoffbeschaffung zu beauftragen, führt in die Irre. Die Frage ist nicht, wer beschafft, sondern wie beschafft wird. 

Selbst unter der Führung des inkompetenten, desinteressierten Präsidenten Donald Trump hat die US-Regierung ihr Impfstoffprojekt „Warp Speed“ mit mehr als zwölf Milliarden Dollar ausgestattet und einen General mit der Leitung betraut. Die EU dagegen stellte nur 2,7 Milliarden Euro zur Verfügung und überließ die Verhandlungen mit den Pharmakonzernen einer Spitzenbeamtin, die sich zuvor um Freihandelsgespräche mit den Mercosur-Staaten verdient gemacht hatte. 

Dringlichkeit muss kommuniziert werden

Als Zivilmacht behandelte Europa die Impfstoffbeschaffung wie einen Handelsdeal – andere begriffen sie als Verteidigungsfall. Das Ergebnis: Amerikaner, Briten und Israelis griffen zu, während die EU mit den Impfstoffherstellern noch über Preise und Haftungsregeln feilschte. Selbst das in Mainz entwickelte Biontech-Vakzin ist darum in Europa knapp. Das Knausern kommt uns teuer zu stehen. Jede Woche, die sich der Lockdown verlängert, kostet ein Vielfaches jeder Einkaufsersparnis.

Noch immer fällt es der Bundesregierung schwer, Dringlichkeit zu kommunizieren. Wenn Gesundheitsminister Jens Spahn über die Coronakrise spricht, soll die Lage zwar ernst, aber ja nicht zu dramatisch erscheinen. Als „Zumutung“ bezeichnet er die Pandemie – was eher nach Unannehmlichkeiten als nach Ausnahmezustand klingt. Dabei haben die Zumutungen die Grenze der Zumutbarkeit längst erreicht.

Die Frage ist nicht, wer beschafft, sondern wie beschafft wird. Quelle: dapd
Impfstoffproduktion

Die Frage ist nicht, wer beschafft, sondern wie beschafft wird.

(Foto: dapd)

Tag für Tag Hunderte Tode, geschlossene Kitas, Familien am Belastungslimit, Besuchsverbote, Einsamkeit und Existenzangst. Das sind keine Unannehmlichkeiten mehr, das ist die unerträgliche neue Normalität. Schon jetzt ist die Empörung über den schleppenden Impfverlauf groß. Sie wird noch größer werden, wenn sich die offenbar deutlich ansteckenderen Virusmutationen weiterverbreiten und die Aussicht auf baldige Lockerungen zerschlagen. 

Viel Zeit ist verloren gegangen, daher muss es jetzt umso schneller gehen. Der Aufbau zusätzlicher Kapazitäten für die Impfstoffproduktion muss mit allen Mitteln vorangetrieben, die Genehmigungsbürokratie notfalls außer Kraft gesetzt werden. Die Eröffnung des neuen Biontech-Werks im Marburg macht Mut. Sie zeigt, was möglich ist. Doch es ist nur eine Fabrik, nötig wären weitere. 

Biontech fordert jetzt staatliche Hilfen; Finanzminister Scholz sagt, am Geld solle es nicht scheitern. Worauf warten sie?

Mehr: Die Gegenposition: „Der Staat sollte sich beim Eingriff in die Impfstoffproduktion nicht selbst überschätzen“, schreibt Jan Hildebrand.

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