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Kommentar Ökonomen schießen sich ins Abseits – Volkswirte sind keine Missionare

Zur Zukunft des Euro gibt es viele widersprüchliche Äußerungen von Volkswirten. Doch ihre Aufrufe setzen die Reputation ihrer Lehre aufs Spiel.
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Viele Volkswirte empfinden eine Bringschuld gegenüber der Gesellschaft. Quelle: dpa
Studenten im Hörsaal

Viele Volkswirte empfinden eine Bringschuld gegenüber der Gesellschaft.

(Foto: dpa)

Volkswirtschaftsprofessoren, die keine Politikempfehlungen geben, „müssen sich fragen, wofür sie der Steuerzahler eigentlich bezahlt“. Diese dezidierte Aussage stammt von Ex-Ifo-Chef Hans-Werner Sinn, jemandem, der sich seit vielen Jahren oft und meinungsstark über die Medien in die Politik einzumischen versucht.

Gleichzeitig bekräftigte er jedoch, er habe nie Interesse daran gehabt, selbst in die Politik zu gehen. Denn als Politiker müsse man Kompromisse machen, während er als Wissenschaftler nur der Wahrheit verpflichtet sei. Damit suggeriert er, dass es für ökonomische Probleme stets nur (s)eine richtige Antwort gibt.

Es ist lobenswert, dass viele Volkswirte eine Bringschuld gegenüber der Gesellschaft empfinden und sich abzeichnende wirtschaftliche Fehlentwicklungen aufzeigen als auch wirtschaftspolitische Empfehlungen geben. Da der Euro eines der größten – nicht nur – ökonomischen Projekte der europäischen Nachkriegsgeschichte ist, verwundert es nicht, dass es kein Thema gibt, das zahlreiche Ökonomen mehr antreibt, dieser Aufklärungspflicht nachzukommen.

Als Urvater der Gemeinschaftswährung gilt Jacques Delors. Sein Drei-Stufen-Plan zur Schaffung einer gemeinsamen Währung vom Juni 1989 bekam durch den Fall der Berliner Mauer wenig später unerwarteten Rückenwind.

Letztlich stimmte Frankreich der Deutschen Einheit nur zu, weil Deutschland die Einführung einer gemeinschaftlichen Währung akzeptierte und so die wirtschaftspolitische Dominanz von D-Mark und Bundesbank in Europa gebrochen wurde.

Dieses politische Junktim wurde damals von einer großen Mehrzahl der deutschen Wirtschaftsprofessoren verdrängt. Und so sprachen sich viele von ihnen öffentlich gegen die vereinbarte Euro-Einführung aus. Bis heute haben Teile der deutschen VWL-Professorenschaft dieses Trauma nicht verarbeitet.

Seit Beginn der 1990er-Jahre versuchen viele Ökonomen, ihren Unmut über den Euro in medienwirksamen Aufrufen zu artikulieren, zunächst ging es um dessen zügige Einführung, dann die Stabilisierung und zuletzt seine Weiterentwicklung. Den Reigen eröffnete 1992 eine von Renate Ohr organisierte Unterschriftenliste, in der 62 Volkswirte vor einer „zu frühen“ Einführung warnten.

Auch der Verfasser dieser Zeilen gehörte damals zu den Euro-kritischen Unterzeichnern – erst- und letztmalig. Jedem Aufruf folgte ein Gegenaufruf. Den vorläufigen Schlusspunkt setzten jüngst Dirk Meyer, Thomas Meyer, Gunther Schnabl und Roland Vaubel sowie 150 weitere Mitstreiter, darunter Hans-Werner Sinn, die befürchten, dass aus der Währungs- und Bankenunion eine Haftungsunion wird.

Letztlich steht hinter jedem dieser Appelle die spezifische Weltsicht ihrer Initiatoren. Denn jeder Wissenschaftler, sei er Historiker, Physiker oder Ökonom, hat ein Paradigma im Kopf.

Dieses theoretische Vorverständnis wirkt wie eine Art Brille, die es erlaubt, diejenigen Zusammenhänge besonders scharf zu sehen, auf die sich das spezifische Interesse des Wissenschaftlers richtet, dafür aber andere Zusammenhänge ausblendet. Ähnlich verhält es sich mit den Organisatoren und Unterzeichnern der sich widersprechenden Aufrufe.

Da jeder Ökonom ein Vorverständnis über Wirkungsmechanismen hat, können gleiche Sachverhalte unterschiedlich bewertet werden. Für Nichtökonomen wirkt das befremdlich, da zwar die Befunde und Empfehlungen plakativ herausgestellt werden, nicht aber die paradigmatischen und damit normativen Grundannahmen.

Neoklassiker fürchten zu hohe Risiken

So sahen und sehen Neoklassiker und Ordo-Liberale den Euro und eine Vertiefung der währungspolitischen Integration deshalb kritisch, weil sie auf effiziente Allokation und auf klare Haftungsregeln fixiert sind. Sie fürchten stets eine Vergemeinschaftung von Risiken. Und aus ihrer Skepsis gegenüber situationsabhängigen demokratischen Entscheidungen erwächst die Forderung nach einer strikten regelgebundenen Politik.

Dahinter steckt ein tiefes Misstrauen gegenüber der Politik, die vor allem „die nächste Wahl gewinnen, parteiinternen Widersachern zuvorkommen oder im Staatsapparat möglichst viele eigene Leute unterbringen“ wolle, wie Hans-Werner Sinn jüngst formulierte.

Jedem Ökonomen steht es frei, sich politisch zu engagieren oder gar eine eigene Partei zu gründen, um seine Ansichten politisch durchzusetzen. In einer freiheitlichen Gesellschaft können zudem Demonstrationen organisiert oder Aufrufe verfasst werden.

Aber es ist fraglich, ob durch die Flut widersprüchlicher Aufrufe zur Zukunft der Gemeinschaftswährung die dafür verantwortliche Politik besser werden kann. Den einen, richtigen Weg für die Zukunft der Gemeinschaftswährung gibt es nicht.

Eine akademische Diskussion, die der Öffentlichkeit verschiedene Optionen aufzeigt, ist daher zwingend erforderlich. Unterschriftenlisten Gleichgesinnter können eigene Ansichten nicht zu Wahrheiten machen.

Vielmehr setzen die zahlreichen sich widersprechenden Aufrufe die Reputation der Volkswirtschaftslehre aufs Spiel. Ein Paradigmenstreit kann nun einmal nicht qua Aufruf entschieden werden.

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1 Kommentar zu "Kommentar: Ökonomen schießen sich ins Abseits – Volkswirte sind keine Missionare"

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  • Auch die Herren Rürup und Riester haben sich g e w a l t i g geirrt.
    Aber dadurch, daß sich viele Politiker, sei es aus Geltungssucht oder Besserwisserei,
    guten Empfehlungen seitens der Ökonomen verschließen, wird nichts besser.
    Der EURO in der jetzigen Form war und ist ein Fehlkonstrukt der übelsten Art.
    Aber k e i n e r der hochgelobten Politiker will daran etwas ändern. Denn von den meisten Politikern verliert kaum einer seine gesamte Existenz, falls der EURO seinen Kollaps erleidet.
    Das meiste Geld dieser "Eliten" findet man nicht im Euroraum.
    Es genügt ja auch, wenn der "kleine" Mann sein Eigentum verliert.
    Auch nach der letzten Währungsreform hatten wir in wenigen Tagen bereits Millionäre.
    Warum wohl??
    Vorliegender Artikel erinnert an Gebr. Grimm:, die schönsten Märchen!
    the stuoid german