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Kommentar Ökonomen sollten ihren wissenschaftlichen Ehrgeiz pflegen – nicht ihre Vorurteile

Die EZB-Debatte zeigt: Wie Ökonomen eine Entscheidung der Zentralbank kommentieren werden, weiß man oft, bevor man sie fragt. Das ist bedauerlich.
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Die EZB-Präsidentin und ihr Amtsvorgänger werden teilweise aus Prinzip kritisiert. Quelle: Bloomberg
Christine Lagarde und Mario Draghi

Die EZB-Präsidentin und ihr Amtsvorgänger werden teilweise aus Prinzip kritisiert.

(Foto: Bloomberg)

Volkswirte haben es schwer. Sie geben sich alle Mühe, eine möglichst exakte Wissenschaft zu betreiben. Ihre Kollegen aus den naturwissenschaftlichen Fakultäten nehmen diese Ambitionen nicht immer ganz ernst. Die haben es ja auch leichter: Die Gesetze der Natur ändern sich nicht.

Die Verhaltensweisen von Menschen, und damit beschäftigen Ökonomen sich ja letztlich, ändern sich dagegen schon, und – noch schlimmer – sie werden manchmal sogar von den Ergebnissen der ökonomischen Forschung beeinflusst, sodass sich eine komplizierte Rückkopplung ergibt.

Außerdem: Die mathematischen Modelle, die empirisch arbeitende Volkswirte nutzen, sind oft abhängig davon, dass bestimmte Rahmenbedingungen so bleiben, wie das Modell unterstellt. Wenn das nicht funktioniert, kann es plötzlich zu Krisen kommen, ohne dass vorher deutliche Warnsignale auftauchen.

Und dann fragt jeder die Volkswirte: „Warum habt ihr das nicht gesehen?“ Bescheidenheit ist vor diesem Hintergrund für jede Volkswirtin, für jeden Volkswirt in besonderem Maße eine Zier.

Aber das eigentliche Problem liegt woanders. Trotz aller durchaus erfolgreichen Bemühungen, die Ökonomie von einem mitunter recht ungebunden spekulierenden Fach zu einer empirischen Wissenschaft zu machen, spielen politische Standpunkte, Vorurteile und die Bequemlichkeit, sich herrschenden Meinungen anzuschließen, immer noch eine große Rolle.

Besonders deutlich zeigt sich das daran, wie von manchen Volkswirten die Geldpolitik und die Europäische Zentralbank (EZB) behandelt werden. Hier gibt es zum Teil fast schon reflexhaft abgegebene Urteile, die eine tiefere Analyse ersetzen. Bei manchen Ökonomen weiß man schon, wie sie eine Aussage oder eine Entscheidung der EZB-Spitze – früher Mario Draghi, jetzt Christine Lagarde – kommentieren werden, bevor man sie fragt.

Zwiegespaltene Ökonomen

Auf der einen Seite gibt es eine hohe Bereitschaft, die EZB gegen die in Deutschland allgegenwärtige Kritik zu verteidigen, ohne die Beweggründe für diese Kritik überhaupt ernst zu nehmen. Dass Sparer sich über niedrige Zinsen ärgern, wird ihnen im Prinzip mehr oder minder als Dummheit ausgelegt, obwohl es sich ja um ein spürbares Problem handelt.

Auf der anderen Seite gibt es Ökonomen, die der EZB entweder völlige Handlungsunfähigkeit oder unlautere Motive unterstellen – oder gleich beides. Diese Experten kommen zu national vorgeprägten Urteilen, die sich im Kern nicht von verbreiteten Vorurteilen unterscheiden. Dann läuft die Analyse am Ende doch nur darauf hinaus, dass die Geldpolitik angeblich von den Interessen schwächerer Euro-Länder gelenkt werde.

Oder es werden Untergangs- und Crash-Szenarien entworfen, mit denen man wunderbare Erfolge am Büchermarkt erzielen kann. Oder der Zahlungsverkehr im Euro-System wird zu einer geheimen Kreditvergabe umgedeutet, um den Argwohn des Publikums zu kitzeln, Deutschland werde von den Nachbarländern ausgeplündert.

Diese Gruppe von Ökonomen sieht sich in erster Linie als Verteidiger deutscher Interessen und beansprucht damit eine Rolle, die sie meist schlechter ausfüllen als die Politiker, die dafür zuständig sind. Von da aus ist der Weg zum Populismus nicht mehr weit. Und der Weg zur Gründung oder Unterstützung einer populistischen Partei auch nicht immer.

Manchmal äußern gerade vom Staat bezahlte Volkswirte besonders krasse Urteile, während ihre Kollegen in großen Banken, die jeden Tag mit internationalen Investoren sprechen, sich das gar nicht leisten könnten. Dabei sollte doch mit öffentlichen Mitteln eine Versachlichung und nicht eine Zuspitzung politischer Debatten finanziert werden.

Sachliche Bereicherung?

Sind diese einseitig gepolten Volkswirte repräsentativ für die gesamte Zunft? Nein. Es gibt viele hervorragende Ökonomen in Deutschland und hervorragende deutsche Ökonomen im Ausland. Aber der Markt für Aufmerksamkeit, heute vielleicht der wichtigste Markt weltweit, belohnt oft die schrillsten Stimmen – nicht nur in der Wissenschaft übrigens, auch in den Medien.

Das verdeckt, dass es jede Menge sehr guter Ökonomen gibt, die sich vor allem durch eine Eigenschaft auszeichnen: dass sie mit ihrer Wissenschaft einen eigenen Mehrwert, eine sachliche Bereicherung der politischen Diskussion liefern wollen.

Das ist das genaue Gegenteil davon, die Wissenschaft zu nutzen, um die eigenen politischen Reflexe und Überzeugungen akademisch zu erhöhen oder zu kaschieren. Wer mit guten Ökonomen spricht, weiß nicht schon vorher, was sie sagen werden – das ist ein wichtiges Kennzeichen für Qualität.

Die gute Nachricht: Wahrscheinlich wird es mit jeder Generation von Volkswirten besser. Die jüngeren Ökonomen haben in der Regel empirisches Arbeiten gründlich gelernt und oft auch Zeit im Ausland verbracht, die ihnen eine breitere Perspektive verschafft. Doch selbst das feit nicht vollständig dagegen, reflexhaft zu reagieren oder sich bequemerweise an herrschende Meinungen dranzuhängen.

Mehr: Professoren wettern gegen Draghi: „Die EZB verstößt vollkommen offensichtlich gegen ihr Mandat“.

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