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Kommentar Olaf Scholz im Glück – eine Kandidatur zur Selbstrettung

Die zähe Kandidatensuche für den SPD-Vorsitz eröffnet Olaf Scholz die Gelegenheit, sein politisches Überleben zu sichern – und die Spitzenkandidatur gleich mit.
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Der Bundesfinanzminister hatte ursprünglich von einer Kandidatur als SPD-Vorsitzender abgesehen. Quelle: Bloomberg
Olaf Scholz

Der Bundesfinanzminister hatte ursprünglich von einer Kandidatur als SPD-Vorsitzender abgesehen.

(Foto: Bloomberg)

Olaf Scholz soll gelitten haben wie ein Hund. Dass sich in sechs Wochen kein SPD-Spitzenpolitiker bereit erklärte für den Parteivorsitz zu kandidieren, sich stattdessen nur Leicht- oder Mittelgewichte meldeten und sein Erzfeind Sigmar Gabriel mit seiner Aussage Recht zu behalten schien, der SPD-Vorsitz sei inzwischen vergleichbar mit einem „infektiösen Kleidungsstück, das sich keiner nach Hause holen will“, soll Scholz zutiefst getroffen haben.

Diese Darstellung ist glaubhaft. Denn egal wie man politisch zu Scholz stehen mag, eines war immer ungerecht: Die starke innerparteiliche Kritik, er sei nicht durch und durch Sozialdemokrat, sondern ein kaltherziger Technokrat. Wer Scholz hinter den Kulissen erlebt, lernt schnell: Der 61-Jährige lebt in und für die SPD, er brennt innerlich für ihre Idee einer gerechteren Welt, auch wenn seine norddeutsche Kühle diese Leidenschaft nach außen verdeckt.

Scholz' Umdenken, doch noch für den SPD-Vorsitz anzutreten, folgt daher aus einer glaubhaften Motivation heraus: Der 61-Jährige will nicht zusehen, wie die Wahl der neuen SPD-Parteivorsitzenden mehr und mehr zu Farce wird, wie sich die Partei immer mehr selbstverzwergt, wie die älteste Partei Deutschlands von Leuten geführt werden könnte, die dafür eher nicht die politische Statur mitbringen – und die deshalb nach 156 Jahren Geschichte nur noch die Totenglocke für die SPD läuten können.

Dass Scholz sich nun dieser Verantwortung stellt, wird unter den Mitgliedern, bei denen der Bundesfinanzminister ohnehin ein anderes Ansehen genießt als unter Funktionären, goutiert werden. Dass Scholz zunächst eine Kandidatur ausgeschlossen hat, wird da am Ende genauso wenig eine Rolle spielen wie bei CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, die entgegen früherer Aussagen doch ins Bundeskabinett gegangen ist.

Allerdings sollte auch keine Mythenbildung betrieben werden. Scholz' Kandidatur ist kein Opfergang, kein selbstloser Dienst an der Partei, weil sich ja kein anderer gefunden hat, wie seine Bewerbung nun inszeniert wird. Scholz' Kandidatur ist vor allem eines: eine Selbstrettung. Mit seiner Kandidatur versucht er sein politisches Überleben zu sichern – und die Spitzenkandidatur bei der nächsten Wahl gleich mit.

Dass die Kandidatensuche für den Parteivorsitz so zäh verlief, war für Scholz fast schon unverschämtes Glück. Denn eigentlich war er politisch nach dem Rücktritt von Andrea Nahles als Parteivorsitzende so gut wie erledigt. Nahles und Scholz waren das Groko-Duo, sie haben die SPD gemeinsam gegen größte Widerstände in die Koalition gedrängt. Nahles' Scheitern war genauso das Scheitern von Scholz.

Damit war zunächst auch klar: Der Letzte, den viele in der SPD nach Nahles an der Spitze sehen wollten, war Olaf Scholz. Das wusste der 61-Jährige, weshalb er eine Kandidatur auch sofort ausschloss. Damit hing seine Karriere fortan am seidenen Faden. Denn in fast jeder SPD-Vorsitzenden-Konstellation ohne ihn ist die Fortführung der großen Koalition höchst fraglich.

Doch dadurch, dass niemand aus der ersten Reihe kandidieren wollte, entstand ein immer größeres Vakuum an der SPD-Spitze – und damit eine nicht mehr für möglich gehaltene Gelegenheit für Scholz. Er wäre aus seiner Sicht eine große Dummheit gewesen, diese Chance nicht zu ergreifen, weshalb seine Kandidatur auch weniger mit Mut als mit politischer Arithmetik zu tun hat. Denn was kann Scholz schon verlieren?

Verliert er überraschend das Rennen um den Vorsitz, dürfte die Große Koalition ohnehin Geschichte sein. Dann steht Scholz genau da, wo er ohne Kandidatur gestanden hätte. Gewinnt er, wird er der nächste Spitzenkandidat der SPD – egal ob bei Neuwahlen oder 2021. Und die Kanzlerkandidatur war immer sein erklärtes Ziel.

Von einem Opfergang kann deshalb kein Rede sein. Es sei denn, man ist inzwischen so zynisch und glaubt, die SPD suche eigentlich keinen neuen Vorsitzenden – sondern nur das nächste Menschenopfer.

Mehr: Noch im Juli hatte Olaf Scholz eine Kandidatur für den SPD-Vorsitz abgelehnt. Jetzt hat er sich umentschieden.

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