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Kommentar Politik will Einwanderung von Fachkräften erleichtern – und damit eigene Fehler korrigieren

Von der jahrzehntelangen Lebenslüge, Deutschland sei kein Einwanderungsland, hat sich die Politik verabschiedet. Nun muss sie die Einwanderung von Fachkräften erleichtern.
26.07.2018 - 17:10 Uhr Kommentieren
Bis zum Jahresende will die Bundesregierung einen Entwurf Fachkräfteeinwanderungsgesetz beschließen. Quelle: Stone/Getty Images
Fachkräftemangel

Bis zum Jahresende will die Bundesregierung einen Entwurf Fachkräfteeinwanderungsgesetz beschließen.

(Foto: Stone/Getty Images)

Berlin Warum Deutschland? Diese Frage wird sich jede ausländische Fachkraft stellen, die über eine berufliche Perspektive in der Bundesrepublik nachdenkt.

Eine rechtspopulistische Partei im Bundestag, die es mit ausländerfeindlichen Ressentiments auf 15 Prozent in den Umfragen bringt. Der Rücktritt eines türkischstämmigen Nationalspielers, der eine tagelange Debatte über Rassismus und mangelnden Respekt gegenüber Zugewanderten auslöst. Ein Einwanderungsrecht, das Interessenten im deutschen Behördendschungel verzweifeln lässt – alles keine Empfehlungen für ein Land, das ohnehin mit klassischen Einwanderernationen wie Kanada oder Australien konkurriert.

Aus Sicht der Wirtschaft dagegen ist die Antwort auf die Frage „Warum Deutschland?“ ganz klar. Die einzige Ressource, die unser Land zu bieten hat, sind seine klugen Köpfe. Und die werden in vielen Regionen, Branchen und Berufen zunehmend rar. Für sechs von zehn Unternehmen ist das größte Geschäftsrisiko bereits heute der Fachkräftemangel, hat der DIHK ermittelt. Soll er nicht zur Wachstumsbremse werden, ist Deutschland auf qualifizierte Zuwanderer angewiesen.

Deshalb ist es gut und lange überfällig, dass das Bundeskabinett bis zum Jahresende endlich den Entwurf für ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz beschließen will. Und dass die Kanzlerin das Thema – allen Bedenken der Innenpolitiker ihrer Fraktion zum Trotz – auch zu ihrem ureigenen Anliegen gemacht hat.

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    Denn schon heute gilt: Das deutsche Pflegesystem etwa wäre ohne die fleißigen Hände zugewanderter Osteuropäer – zumeist Frauen – längst kollabiert. Auf den steten Zustrom aus anderen EU-Ländern ist allerdings nicht dauerhaft Verlass. Viele Nachbarn stehen vor ähnlichen demografischen Problemen wie Deutschland. Und die Zuwanderung aus Spanien, Italien oder Griechenland wird in dem Maße nachlassen, in dem sich die Länder von den Folgen der Finanz- und Euro-Krise erholen.

    Die deutsche Volkswirtschaft wird deshalb verstärkt auch Talente aus dem außereuropäischen Ausland anlocken müssen, wenn sie ihren Schwung nicht allein schon aus Personalmangel verlieren will. Jede Unterstützung aus der Politik ist dabei herzlich willkommen.

    Ein Fachkräftezuwanderungsgesetz, das diesen Namen auch verdient, muss die komplizierten Zugangsverfahren straffen und vereinfachen. Wer von ausländischen Bewerbern verlangt, sich selbst die für die Genehmigung zuständige Behörde oder Kammer zu suchen, darf sich nicht wundern, wenn niemand kommt. Bei den Einkommenshürden oder der Anerkennung heimischer Berufsabschlüsse liegt die Latte noch zu hoch.

    Auch dass bisher fast nur die Aussicht auf einen konkreten Arbeitsplatz zur Einreise berechtigt, bedeutet verschenktes Potenzial. Den Unternehmen wäre geholfen, wenn künftig nicht nur Akademiker, sondern auch andere Fachkräfte und junge Talente für die Suche nach einem Job oder Ausbildungsplatz einreisen dürften.

    Voraussetzung ist, dass sie in dieser Zeit ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten können. Denn Zuwanderung ins deutsche Sozialsystem wäre Wasser auf die Mühlen der AfD. Allein mit Fachkräften aus dem Ausland wird sich die größer werdende Lücke aber nicht stopfen lassen. Arbeitsminister Hubertus Heil hat recht, wenn er auf brachliegendes Potenzial in Deutschland verweist.

    Gut ausgebildete Frauen finden keinen Vollzeitjob oder keinen Kitaplatz für ihre Kinder. Der Run auf die Hochschulen produziert hohe Abbrecherquoten, während die Ausbildungsbetriebe ihre Lehrstellen nicht besetzen können. Unternehmen in ländlichen Regionen finden keine Fachkräfte, weil niemand in die Provinz will, wo kein Bus mehr fährt oder der letzte Supermarkt schon vor Jahren geschlossen hat.

    Hier anzusetzen erfordert aber einen langen Atem und viel Zeit. Zeit, die die deutsche Wirtschaft nicht hat. Umso fataler, dass die Politik den Fachkräftemangel auch noch sehenden Auges verschärft. Die Rente mit 63 trägt dazu ebenso bei wie die geplante Brückenteilzeit. Denn die Garantie, danach wieder auf die alte Vollzeitstelle zurückkehren zu können, wird nun erst recht viele gefragte Fachkräfte bewegen, für eine Weile Teilzeit zu arbeiten.

    Insofern ist das geplante neue Zuwanderungsgesetz auch ein Versuch der Regierung, sich aus der Grube zu heben, die sie selbst mitgegraben hat. Die vom Arbeitsminister angekündigte Qualifizierungsoffensive – so viel ist klar – wird die Misere jedenfalls nicht lösen.

    Denn aus dem Versicherungssachbearbeiter, der wegen der Digitalisierung seinen Job verliert, wird auch mit finanzieller Unterstützung der Arbeitsagentur noch kein IT-Fachmann. Deshalb ist es so wichtig, dass die am Arbeitsmarktbedarf ausgerichtete Zuwanderung rasch kommt.

    Von der jahrzehntelangen Lebenslüge, Deutschland sei kein Einwanderungsland, hat sich die Politik zum Glück schon längst verabschiedet. Nun muss sie nur noch die Bedingungen dafür schaffen, dass ausländische Fachkräfte auch gerne hierherkommen.

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