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Kommentar Prekärer Job statt Chance – Corona entlarvt die Versprechen von Uber und Lyft

Die Gig-Economy hat kleinen Leuten Selbstständigkeit und Freiheit versprochen. Doch was in der Coronakrise davon übrig bleibt, ist oftmals nur Elend.
08.05.2020 - 17:26 Uhr Kommentieren
Ein Fahrer vom Fahrdienst-Vermittler Uber holt einen Kunden in seinem mit einer Trennwand aus Kunststoff ausgestatteten Fahrzeug ab. Quelle: dpa
Schweiz, Lausanne

Ein Fahrer vom Fahrdienst-Vermittler Uber holt einen Kunden in seinem mit einer Trennwand aus Kunststoff ausgestatteten Fahrzeug ab.

(Foto: dpa)

Die Pandemie offenbart die Missstände unserer Zeit auf oft brutale Weise. Beim Fahrdienstvermittler Uber betteln die unabhängigen Fahrer plötzlich um Hilfe und Festanstellung. Von einem Tag auf den anderen ist ihr Einkommen eingebrochen, seit niemand mehr vom Flughafen zum Meeting will. Und jede weitere Fahrt birgt für sie die Gefahr, dass das Virus als blinder Passagier mitfährt. Viele müssen zwischen Hunger und Krankheit wählen.

Zwar trifft die Coronakrise auch das Plattformunternehmen selbst. Der Verlust von Uber ist im ersten Quartal im Jahresvergleich um 190 Prozent gestiegen. Aber die Anleger kaufen die Aktie trotzdem wieder. Die zweifelhafte Wette auf ein höchst profitables Geschäftsmodell läuft weiter. Investoren und Management müssen sich die Frage gefallen lassen, ob so die Zukunft der Marktwirtschaft aussehen soll und kann.

Plattform-Unternehmen wie Uber entkoppeln Profite und Risiken. Sie schaffen sich keine teuren Maschinen an und stellen kaum Mitarbeiter ein. Sie lagern diese Risiken an einfache Menschen aus, die auf das Geld angewiesen sind. Wie kein anderes Unternehmen der sogenannten Gig-Economy hat es Uber geschafft, einen prekären Job als große Chance darzustellen. Die Firma hat ihren Fahrern diese Freiheit für den Verzicht auf Mindestlohn und Krankenversicherung verkauft. Was in der Coronakrise davon übrig bleibt, ist oftmals Elend.

Regulierer und Politiker weltweit müssen daraus lernen und die Menschen in Zukunft vor solchen Unternehmen und sich selbst schützen. Uber und Lyft haben ihren Fahrern versprochen, einen Traum zu erfüllen: selbst Unternehmer zu sein. Ihre Fahrer könnten arbeiten, wann sie wollten. Sie könnten für beliebig viele Auftraggeber tätig sein. Und sie würden am Ende so viel Geld verdienen, wie sie wollten.

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    Mit einem Auto und einer App konnte jeder sein Glück in die Hand nehmen und zum Selbstständigen werden. Tausende sind eingestiegen: am Steuer, auf der Rückbank und an der Börse. Solange genug Arbeit da war, ließen sich alle blenden.

    „Auf dem Fahrersitz sitzen“ ist im Englischen eine weit verbreitete Redewendung für „Kontrolle haben“. Doch die Kontrolle hatte bei Uber immer nur die App. In Wahrheit werden die Fahrer von Algorithmen gesteuert.

    Mit Unternehmertum hat die Gig-Economy für den Auftragnehmer nichts zu tun. Ein Unternehmer schaut sich seinen Markt und seine Kunden an und trifft Entscheidungen über sein Angebot und seine Preise. Doch genau diese Entscheidungen versagen Uber und andere technologiegetriebene Unternehmen ihren Auftragnehmern.

    Die App ist der Chef

    Die Fahrten teilt eine Künstliche Intelligenz zu. Sie kennt die Gewohnheiten der Nutzer ebenso wie die der Fahrer. Je nach Zahlungsbereitschaft des jeweiligen Kunden kann sie unterschiedliche Preise für dieselbe Strecke setzen und zugleich dem Fahrer das Gleiche zahlen wie bei der letzten Fahrt auf der Strecke. Sie kann Fahrer mit profitablen Fahrten belohnen und sie für Fehlverhalten bestrafen, indem die App keine Fahrgäste anzeigt. Jeder Angestellte mit einem menschlichen Vorgesetzten hat mehr Freiheiten als der Auftragnehmer einer App.

    Fahrer in Deutschland stehen trotz Shutdown noch verhältnismäßig gut da. Sie sind meist fest angestellt bei Subunternehmen. Aber das ist nicht das Verdienst von Uber. Wo es Fahrern heute gut geht, musste das Unternehmen sich lokalem Recht beugen und am Geschäftsmodell schrauben, bevor es weiterfahren konnte. Am Grundprinzip hat sich nichts geändert.

    Vor allem in den USA rufen Fahrer jetzt um Hilfe. Sie haben ohne die App und ihre Nutzer kein Geschäftsmodell und keine Kunden. Die Scheinselbstständigkeit zeigt ihr hässlichstes Gesicht. Die Fahrer fordern von Uber und Lyft ihre Einstellung – und Geld aus einer Kampagne, mit denen die Fahrdienste und drei Essenslieferdienste sich genau gegen diese Forderungen stemmen.

    Ein neues Gesetz verlangt nämlich seit Anfang des Jahres, dass aus einigen Gig-Arbeitern Angestellte werden. Doch die Firmen geben ihre Mission nicht auf. 110 Millionen Dollar sollen sie in die Abwehrkampagne gesteckt haben. „Schützt Arbeitsflexibilität und Unabhängigkeit“, heißt es auf der Website. Bis zur Krise kamen mehr als eine Million Unterschriften zusammen.

    Inzwischen gibt es sogar US-Rettungstöpfe für Auftragnehmer. Doch Uber-Fahrer berichten, sie seien an dem Antrag gescheitert. Eine App als Auftraggeber anzugeben war nicht vorgesehen.

    Für die Fahrdienste hat die Auseinandersetzung gerade erst begonnen. Der Generalstaatsanwalt des US-Bundesstaats Kalifornien hat Anklage gegen Uber und Lyft erhoben. Er will die Unternehmen zwingen, ihre Fahrer einzustellen. Manchmal brauche es erst eine Pandemie, um aufzurütteln, meint der Ankläger. Anleger und Management hingegen scheinen diese Weckaktion noch vor sich zu haben.

    Mehr: Uber macht Milliardenverlust – doch Anleger kaufen stark zu

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