Kommentar Provokation statt Analyse

Thilo Sarrazin hat es wieder geschafft: Er beherrscht die Debatte – dieses mal die über den Euro. Das gelingt ihm, indem er die Beziehung zum Holocaust herstellt. Der Skandal überlagert die überfällige Debatte. Leider.
44 Kommentare
Dirk Hinrich Heilmann
Der Autor

Dirk Hinrich Heilmann ist Managing Direktor des Handelsblatt Research Institute und Chefökonom des Handelsblatts.

Thilo Sarrazins Euro-Buch ist ein Aufreger. Der Autor tritt mit der eingeübten Haltung des Tabubrechers an und sagt doch eigentlich nichts wirklich Neues. Seine Gegner stürzen sich auf die „Stelle“, wo der Euro zur „Buße für Holocaust und Weltkrieg“ verzerrt wird und nehmen die restlichen 95 Prozent des Buchs nicht zur Kenntnis. Damit stecken wir bereits wieder in einer dieser typischen Sarrazin-Debatten, die am Ende zu nichts führen. Schade.

Denn eine Debatte über Angela Merkels Satz „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa“ ist überfällig. Es ist vor allem dieser Satz, an dem sich vor Sarrazin schon andere Gegner der Euro-Rettungspolitik gerieben haben. In ihm hat die Kanzlerin noch einmal den Konsens der bundesrepublikanischen Eliten wiederzubeleben versucht. Er besteht darin, dass die europäische Integration an sich ein Ziel ist, dem alle anderen Ziele unterzuordnen sind. Aber die Menschen, die heute in Deutschland leben, fühlen das nicht mehr so, wie es vielleicht die Deutschen vor dreißig Jahren noch fühlten. Gerade die jüngeren Generationen nehmen die europäische Einigung als gegeben hin. Sie genießen es, auf ihrem Heimatkontinent frei über die Grenzen zu reisen, mal hier zu studieren, mal dort zu arbeiten. Sie sehen aber keinen Wert an sich darin, die Integration immer weiter voranzutreiben, bis sich die Nationalstaaten in ein Europa auflösen. Die schrecklichen Kriege, an die sich die Gründerväter der EU noch sehr lebhaft erinnerten, sind für die neue Generation Europäer ferne Vergangenheit.

Darum ist es falsch, den Euro heute noch vor allem politisch-historisch zu begründen. Was wir wollen, ist eine ehrliche Debatte über die wirtschaftlichen und politischen Nutzen und Kosten des Euro. Wir brauchen einen Integrationsprozess, an dem die Bevölkerung Europas beteiligt wird anstelle einer Abfolge von Krisengipfeln mit „alternativlosen“ Entscheidungen. Es gibt Alternativen: Entweder wir erklären das Experiment für gescheitert und zerlegen die Euro-Zone oder wir gehen weiter Richtung Fiskalunion und geben dem Euro die institutionelle Basis, die ihn bisher fehlt. Zur Wahrheit gehört, dass die Alternative Auflösung höchstwahrscheinlich Kosten hätte, gegen die die Folgen der Lehman-Pleite ein Sandkastenspiel waren – und dass die Alternative engere Integration nicht ohne die Verlagerung nationaler Macht nach Brüssel ginge.

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44 Kommentare zu "Kommentar: Provokation statt Analyse"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Ohne Frage hat sich Sarrazin auf die Provokation verlegt.
    Aber ehrlich gesagt finde ich das eher erfrischend. Weil gerade diejenigen, die sich provoziert fühlen in aller Regel ebenso unzulässig die dahinterstehenden Probleme ignorieren, wie Sarrazin sie überzeichnet.
    Die Aufregung und die Empörung kommt also primär aus Positionen, die ebenso viel Aufregung und Empörung verdienen.
    Ich persönlich halte die Homo Ehe für prinzipiell richtig. Aber insgesamt macht der Streit doch nur deutlich, wie wenig prinzipiengerecht die Regelungen an dieser Stelle sind. Das Gleiche galt schon für die Einwanderungspolitik. Wer jetzt ein vorgehen gegen Sarrazin fordert wird letztlich nur die eigene Heuchelei aufrechterhalten, die alles ausblendet was den Idealvorstellungen in der Praxis eben nicht entspricht.

    Im Grunde genommen ist der Vorwurf an Sarrazin nur der Spiegel für Vorwürfe, die sich an die Kritiker selbst richten. Der Erfolg Sarrazins ist eben nur möglich, weil in seinen Übertreibungen auch Wahrheit liegt, denen sich die Kritiker nicht stellen wollen. Wäre es anders, wären es ganz schnell still um diese Thematiken.

    H.

  • Vorweg: Ich habe Thilo Sarrazins Euro-Buch nicht gelesen.
    Dirk Heilmann schreibt im Textteil seines Artikels, das Buch enthält eine umfangreiche Analyse (der Titel suggeriert das Gegenteil), aber die Medien behandeln bedauerlicherweise nur eine kleine als provokant eingestufte Stelle.

    Thilo Sarrazin hat bei der Euro-Einführung mitgewirkt. Er weiß sicherlich, welche Rolle „Buße für Holocaust und Weltkrieg“ bei der Umtauschkursfestsetzung gespielt hat.
    Ich empfand damals, für meine D-Mark zu wenig Euro bekommen zu haben.

    Eine gemeinsame Währung hat für die Bevölkerung aller beteiligten Gesellschaften nur Vorteile gegenüber einer eigenen. Keine Währung wird durch Auseinandersetzungen zwischen Gläubigern und Schuldnern beschädigt. Das Geld ist nicht weg, es hat nur immer wer anders.

    „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa“ ist eine populistische, dämagogische Phrase im Interesse der hauptsächlichen Gläubiger. Der Euro und besonders Europa und die betriebene Euro-Rettungspolitik kranken an Demokratiemangel. Fern von nationalen Parlamenten werden es die Privilegierten der Gesellschaften noch leichter haben, ihre Vorteile durchzusetzen.
    Der Vertrag über eine Fiskalunion wird sich genau wie die Euro- und Europapaverträge leicht brechen lassen. Die beabsichtigte Aufnahme der unzureichenden Schuldenbremse der hochverschuldeten deutschen Gesellschaft wird ihn nicht viel wirkungsvoller machen.

  • Sigip
    Stimmt
    Und bemerkenswert war, dass Steinbrück relativ wenig gesagt hat, weil er Sarrazin nichts entgegen setzen konnte.
    Bei Steinbrück reichts halt für ein paar Vorträge die nichtsnutzige Manager, die ja ebenfalls nicht viel auf dem Kasten haben, sich anhören, aber von wirklichen ökonomischen Zusammehängen versteht er offenbar nichts.
    Für Steinbrück war dieser Auftritt bei Jauich ein Armutszeugnis.
    man kann nur hoffen, dass der nicht zum Kanzelerkandidaten gekürt wird

  • steuer_michel
    Steinbrück ist ein eitler und sich selbsts überschätzendes arrogantes Großmaul
    und das was Sie sagen über die Jusos mit ihren Schildern fand ich genau so entsetzlich.
    Ist aber bei Teilen der Linken der SPD und vorrangig der Günen normal.
    Sie hassen nichts so sehr, wie die Deutschen
    Aufgerufen zu dieser Demo hat die Grüne Künast
    Und wenn man sich dann mal vorstellt, dass die von uns, den Detushen die sie so hassen, bezahlt werden, wird einem schlecht
    Am Tag der Deutschen Einheit vor zwei Jahren während der BuPrä Köhler seine Rede hielt, standen draußen Antifa-Chaoten und sonstige Linke, Grüne etc. mit Schildern auf denen stand "nie wieder Deutschland"
    Daran sehen wir, wie sehr der Hass der auf Deutchland ist von einigen Linken und vorrangig den Grünen.
    So was darf gezeigt werden ohne dass die Polizei eingreift. Die stand daneben
    Aber wehe Sie parken mal 5 Min. falsch
    Und ja, ich gebe Ihnen Recht, es kann einem so langsam Angst werden. Ein Land was solche antideutschen Politiker hat ist schon dem Untergang geweiht

  • HerrEiche
    ja das war Kohls krimiellste Hinterlassenschaft, dagegen ist seine Spendenaffäre Kinderkacke

  • mondahu
    Nein, der Zusammenhang zwischen Holocaust und 2. WK ist schon richtig.
    Steinbrück bestätigte dies ja auch
    Und das ist ja nun wirklich ein ausgekochter Blödsinn und man muß so lagsam nach dem Geisterszustand unserer Politiker fragen
    Aber es kann ja nicht sein, dass Deutschland durch diesen Euro verarmt werden soll und andere Länder finanzieren soll, weil wir mal vor 60 Jahren....
    Das muß endlich aufhören
    Dafür hat Deutschland gezahlt und braucht nicht ein neues Versaille
    Der Nazi-Wahn unserer Politiker, den sie uns ständig aufpfropfe wollen, nimmt enorm krankhafte Züge an
    Unsere antideutschen Politikler sind sich offenbar nicht im Klaren, was sie mit ihrem Schuldkult auf Sicht anrichten.
    Sie bereiten den Weg für Rechtsradikalität

  • Es gibt übrigens noch ein Buch über diesen Euro.
    Aber da es nicht von Sarrazin ist, gibt es kein solches hysterischen Geschrei.
    Woran man sieht, das es unsere linken Zecken von den Grünen, die zu diesem Geplärre aufgestachelt haben, nur um Sarrazin geht. Das ganze Buch haben diese Typen mit Sicherheit nicht gelesen, denn sie sind ohnehin zu dumm es zu verstehen
    Hier das Buch
    Bruno Bandulet, Wilhelm Hankel, Bernd-Thomas Ramb, Karl Albrecht Schachtschneider, Udo Ulfkotte
    Gebt uns unsere D-Mark zurück!

    Ulfkotte ist ja auch so ein feindbild für die antidetuschen Grünen

  • Herr Heilmann
    ein guter Beitrag. Aber gerade die Gründerväter der europ. Union würden sich heute im Grab umdrehen wenn sie diesen ganzen Mist erleben müßten. Das ist nicht mehr da Europa das de Gaulle und Adenauer wollten
    Und Merkel sei mal anzuraten, sich etwaws zurück zuhalten in ihrem krankhaften Geltugsdrang. Sie tut immer so als hätte sie Europpa erfunden. Wir hatten schon ein Europa als es Merkel noch gar nicht gab.
    Und der Euro hat nichts mit Europa zu tun und entscheidet nicht über Krieg und Frieden wie diese FDJ-Trulla ständtig redet.
    Dieses unsinnige Euro-Theater muß beendet werden und ja, Sarrazin hat Recht, Europa braucht keinen Euro
    Dr Euro bring Unfrieden.
    Unsere Eurofanatiker müssen endlich begreifen, dass der Euro ein Irrtum war, ehe ganz Europa in den Abgrund gerissen wird
    Aber mache Sie das mal Dilettanten klar, die in ihrem Leben noch keienr Arbeit nachgegangen sind um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sondern sich vom Stuerzahler alimentieren lassen

  • man muß wie immer unterscheiden zwischen politisch "GEWOLLTEM" und ökonomisch "SINNVOLLEM"

    Da Politiker ohne ausreichend ökonomischen Sachverstand den Euro eingeführt haben droht dieses "Konstrukt" zu scheitern. Die ersten Verlierer sieht man bereits (Griechenland) weitere (Portugal und Spanien) werden folgen.

    Es liegt Politikversagen vor. Auch hinsichtlich der Unfähigkeit den Finanzsektor zu regulieren.

    Abgesehen von 17 Ländern mit 17 Sprachen und 17 Regierungen

  • @Heilmann; @Steinberg: "Zur Wahrheit gehört, dass die Alternative Auflösung höchstwahrscheinlich Kosten hätte, gegen die die Folgen der Lehman-Pleite ein Sandkastenspiel waren – und dass die Alternative engere Integration nicht ohne die Verlagerung nationaler Macht nach Brüssel ginge."

    Tatsache ist, das bei einer Auflösung des € alle Lasten / Kosten eher auf den Tisch kommen, während bei einer Fortführung dieses Experiments die Verantwortlichen die Lasten weiterhin in
    - Bürgschaften
    - Target II-Konten
    - Krediten
    - direkten Zuwendungen
    - Schuldenschnitten
    - ESM
    - EZB-Staatsfinanzierung
    - Inflation usw. verstecken können.

    Herr Heilmann, Sie haben die dritte Alternative vergessen. Wahrscheinlich bewusst, denn diese würde nicht in den Kontext Ihres Kommentars passen:

    Es geht um die Beachtung von Recht & Gesetz, die Einhaltung von Verträgen, sowie das Prinzip der "schwäbischen Hausfrau", nur soviel auszugeben, wie im Portemonaie vorhanden ist. Ohne die Einhaltung dieser simplen Prinzipien sind Ihre & alle anderen Vorschläge nichts wert!

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