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Kommentar Raus aus dem Stillstand: Deutschland braucht endlich einen Plan für die Zukunft

Zu lange hat sich Deutschland auf die Vergangenheit konzentriert. Nun gilt es, dem Stillstand zu entkommen. Dabei darf die Strategie für die Zukunft nicht nur national gedacht werden.
03.01.2021 - 18:15 Uhr 3 Kommentare
Wir werden allerdings scheitern, wenn wir unsere Ziele nur national zu regeln versuchen. Quelle: dpa picture alliance, ddp, imago
Deutschland braucht eine neue Strategie

Wir werden allerdings scheitern, wenn wir unsere Ziele nur national zu regeln versuchen.

(Foto: dpa picture alliance, ddp, imago)

Es liegt ein Jahr hinter uns, das in vielerlei Hinsicht eine historische Zäsur war. Eine Gesundheitskatastrophe hat das Leben von Milliarden Menschen verändert und den modernen Gesellschaften ihre Verletzlichkeit vor Augen geführt – sogar die Verteilung von Impfstoffen bereitet ihnen Probleme.

Zudem hat sich Großbritannien aus der EU verabschiedet, und in den USA wurde ein Präsident abgewählt, der bis zuletzt mit Eifer an der Zerrüttung der amerikanischen Demokratie arbeitet. Dies alles fällt damit zusammen, dass die große Krisenkanzlerin Angela Merkel das Land ein letztes Mal zusammengehalten hat. Im Herbst wird sie nach 16 Jahren im Amt abtreten.

Die Ära Merkel waren Jahre, in denen Deutschland aus dem Vollen schöpfen konnte, ohne dass die Politik dafür etwas tun musste. Die Unternehmen verkauften Autos, Maschinen und Anlagen in die ganze Welt, die Steuereinnahmen verdoppelten sich nahezu, und die Verschuldung des Staates sank. Von der Finanz- über die Euro-Krise bis hin zur Corona-Pandemie ließen sich deshalb viele Probleme mit Geld lösen.

So einfach ist es nicht mehr. Deutschland steckt nicht nur in einer Pandemie, die zu einer akuten Wirtschaftskrise wurde.

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    Die aktuelle Krise trifft auf eine strukturelle, die für die Wirtschaft ohnehin schon den größten Umbau seit dem Zweiten Weltkrieg bedeutet: Die Direkteinspritzer-Profis von VW sollen plötzlich Elektropioniere sein; Autozulieferer werden zu Softwareherstellern; und der industrielle Mittelstand, für den Innovationen noch ziemlich oft eine Schweißnaht haben, hat es nun mit Big Data zu tun.

    Das ist eine neue Situation für viele deutsche Unternehmen, die sich allzu oft damit zufriedengeben, bestehende Produkte und Prozesse zu optimieren. Sie leben sehr gut von der Vergangenheit. Aber wie lange noch? Revolutionen werden derweil anderswo angezettelt. Tesla etwa ist an der Börse mehr als doppelt so viel wert wie VW, Daimler und BMW zusammen.

    Die Zeit war nie besser

    Die neue Bundesregierung kann sich nicht mehr darauf beschränken, diesen Umbruch bloß zu moderieren. Sie muss schnell die strukturellen Voraussetzungen für die Innovationen und damit die Basis für das Wachstum von morgen schaffen.

    Die Zeit dafür war nie besser. Denn die Welt steht vor einer Welle echter Innovationen: In Fabriken übernehmen Computer und Roboter die Steuerung von Maschinen, Big-Data-Analysen helfen im Kampf gegen Krebs, und Durchbrüche in der Biotechnologie werden völlig neue medizinische Therapien möglich machen.

    Auf all diesen Feldern stehen die Chancen für Deutschland gut: Biontech aus Mainz und Curevac aus Tübingen sind dabei, technologisch die Medizin zu revolutionieren. Münchener Start-ups wie Celonis entwickeln Softwarelösungen, mit denen Konzerne weltweit Geschäftsprozesse digitalisieren.

    Das Mainzer Unternehmens Biontech hat einen Corona-Impfstoff entwickelt. Quelle: dpa
    Labor von Biontech

    Das Mainzer Unternehmens Biontech hat einen Corona-Impfstoff entwickelt.

    (Foto: dpa)

    Und alte Schlachtschiffe der Deutschland AG wie Bosch zeigen, dass sie in Sachen Künstliche Intelligenz mitunter sogar mit Google mithalten können. Doch solche Beispiele sind zu oft Einzelfälle, von allein wird Deutschland auf den Feldern keine Führungsrolle einnehmen.

    Kurzfristig braucht die neue Bundesregierung daher eine Strategie, die den Unternehmen hilft, aus der Krise hinauszuwachsen. Ein kluges Signal wäre die Senkung der Unternehmensteuern auf ein international wettbewerbsfähiges Niveau sowie eine einfachere Verrechnung der Verluste aus dem Corona-Jahr mit den Gewinnen der Vorjahre.

    Fundament für Innovationen der Zukunft

    Mindestens so wichtig aber ist es, jetzt das Fundament zu legen, auf dem die Innovationen der Zukunft entstehen können. Denn während die USA und China um die digitale Vorherrschaft kämpfen und bereits große Teile des Betriebssystems unseres digitalen Alltags liefern, schlafwandeln die Europäer dahin: Deutschland fällt, das zeigen zahlreiche Studien, bei der digitalen Wettbewerbsfähigkeit immer weiter zurück.

    Das Land des dreifachen Formulardurchschlags hat es bislang nicht einmal geschafft, seine Verwaltungen zu digitalisieren. Und so bleiben die vielerorts überforderten Gesundheitsämter im Kampf gegen die Corona-Pandemie mit ihren Faxgeräten allein.

    Die künftige Bundesregierung muss eine Strategie für die Industrie der Zukunft entwickeln, die etwas durchdachter ist als das, was Wirtschaftsminister Peter Altmaier schnell daheim zusammengeschrieben hat.

    Deutschland fällt bei der digitalen Wettbewerbsfähigkeit zurück. Quelle: Edgard Garrido
    Roboter Sophia

    Deutschland fällt bei der digitalen Wettbewerbsfähigkeit zurück.

    (Foto: Edgard Garrido)

    Die Basis dafür ist ein Bildungssystem, das viel konsequenter auf die Disruptionen in den entscheidenden Zukunftstechnologien ausgerichtet ist. Gleichzeitig muss die Wissenschaft enger mit Investoren und Konzernen vernetzt werden, denn auf dieser Schnittstelle entstehen die Ideen für die milliardenschweren Geschäftsmodelle von morgen.

    Mit diesen Ideen ließe sich sogar die Klimakrise lösen. Doch auch dafür muss die Politik den Rahmen setzen. Ein erster Schritt wäre ein ernst zu nehmender CO2-Preis von 100 Euro – und ein Mechanismus, der sicherstellt, dass nicht sozial Schwächere darunter leiden oder Unternehmen, die im globalen Wettbewerb stehen.

    Echte Offenheit für neue Technologien

    Und noch etwas fehlt: eine echte Offenheit für neue Technologien. Die Wirtschaftspolitik sollte sich nicht von einzelnen Firmen einreden lassen, dass etwa die Batterie für die Mobilität von morgen die einzige Lösung ist. Sie sollte eben vor allem konsequente CO2-Ziele vorgeben. Wenn ein Unternehmen diese etwa mit Wasserstoff schneller erreicht, dann profitiert das Klima – und nicht der Batterie-Lobbyist.

    An all diesen Zielen werden wir allerdings scheitern, wenn wir sie nur national zu regeln versuchen. Auch wenn es nun bei der europaweiten Beschaffung von Impfstoffen Kritik geben mag: Die Zukunftsthemen müssen im europäischen Verbund bearbeitet werden, weil sie sonst keine Wirkung hätten – ob bei einer Industriestrategie, einer CO2-Steuer oder einer Strategie für den Umgang mit Daten. Wer immer Angela Merkel nachfolgt, wird noch mehr Europa wagen müssen.

    Die Zukunftsthemen müssen im europäischen Verbund bearbeitet werden. Quelle: ddp images/Iaroslav Danylchenko
    EU-Parlament in Brüssel

    Die Zukunftsthemen müssen im europäischen Verbund bearbeitet werden.

    (Foto: ddp images/Iaroslav Danylchenko)

    Das vergangene Jahr war ganz sicher eines, in dem es auch hartgesottene Optimisten schwer hatten, sich ihren Optimismus zu bewahren. Doch der erste zugelassene Impfstoff ist ein Grund für Zuversicht.

    Er ist das Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen Forschern, Unternehmern, Investoren und einem Staat, der mit einer schnellen Zulassung den Rahmen gesetzt hat. All dies kam in vorbildlicher Weise zusammen: in Deutschland und Europa. Nun muss sich diese Geschichte nur noch auf anderen Feldern wiederholen.

    Mehr: Lesen Sie hier, welche überraschenden Erfolge Deutschland zum Ende der EU-Ratspräsidentschaft vorweisen kann.

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    3 Kommentare zu "Kommentar: Raus aus dem Stillstand: Deutschland braucht endlich einen Plan für die Zukunft"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Deutschland - quo vadis? Die Analyse bringt trefflich auf den Punkt, was schon seit ca. 20 Jahren absehbar ist. Wer errinert sich noch daran, wie Deutsche Wirtschaftsführer, Ingenieure und Journalisten das erste Auto "Made in China" (Marke Brillance) Ender der 199er Jahre belächelt haben? Alle haben sich selbstgefällig zurück gelehnt, waren sich selbst gernug und haben die Welt die nächsten 20 Jahre lang mit Diesel-SUVs beglückt. Batterien, Brennstoffzelle - alles längst bekannte Technologiefelder, aber gerade mal gut genug für Alibi-Concept-Cars, ohne Commitment aus der Führungsetage. "Weiter so, war das fatale Credo der Eliten! Ideen von auserhalb der Führungzirkel, schlimmstenfalls von der Basis, wurden belächelt und gekonnt verhindert. Doch betrifft das nur Deutschland?
      Nein, wohl eher: Europa - der kranke Mann der Wirtschaftsräume. Das Impfstoff-Debakel ist die Spitze des Eisberges. Tatsächlich desaströs für die Zukunft Europas, ist der permanente Versuch der Mitgliedsstaaten, immer die für sich beste Sonderregel zu nutzen, um maximal viel aus Europa "herauszuholen". Die Bereitschaft, in europäsiche Werte und eine gemeinsame Strategie zu investieren, sieht man etwa in der Flüchtlingsthematik dahin darben - und im BREXIT dahin schwinden. Das größte Problem dabei: Europa hat keine gemeinsame Strategie und keine wirklich relevant Zukfuntsvision - keinen Masterplan. Und wo es an klarer Strategie und gemeinsamen Werten fehlt, da ist auch eine strake Wirtschaft nicht drin. Man macht einen Schritt nach vorn, einen zurück - aber erzielt keine Fortschritte. Ein US-Historiker hat einige Punkte schon vor 10 Jahren genannt (er schließt militärische Probemfelder mit ein, denn: wer politische und wirtschafltiche Interessen durchsetzen will, braucht auch eine relevante (wenn schon nicht ebenbürdige) militärische Schlagkraft (aufbauend auf Schlüsseltechnologien). All das hat Europa aktuell nicht...
      https://youtu.be/go8uMp-gUsY

    • Absolut richtiger Ansatz. Die konsequenten CO2 Ziele müssen vorgegeben werden, aber auch der Beitrag von einzelnen Technologien muss nach tatsächlichen Einsparungen von CO2 bewertet werden, pro individuelles Fahrzeug an Hand von Daten von back-End Systemen von Fahrzeugherstellern (und nicht pauschal wie heute im BImmSchG).
      Ich bin ziemlich sicher, dass die Batterie dann immer noch Gewinner ist, vor allem wegen der honen Energieeffizienz der gesamten Kette verglichen mit dem grünen Wasserstoff aus Elektrolyse. Aber dann wäre kein Vorwurf mehr machbar, das wären die Batterie-Lobbyisten...

    • Ein richtiger und guter Kommentar, danke dafür. Schon jetzt und hier in der Coronakrise sehen wir unsere Stärken und Schwächen deutlich: Die Disziplin, Entschlossenheit, Konsequenz, das ringen um den Konflikt Rechtsstaat vs. Beschränkung der Freiheit sind bekannte und wohltuende Stärken. Die Schwierigkeiten bei der medizinischen Ausrüstung, des Kaufes der Impfstoffe und deren Verteilung, kratzen am Image der Effizienzdeutschen, wie schon der BER oder der Stuttgarter Bahnhof... Bei Kreativität, Flexibilität und Innovation kostet unsere Behäbigkeit mittlerweile viel Geld und sogar Menschenleben. Notfallzulassung des Biontech-Impfstoffes Fehlanzeige, Anwendung in Großversuchen des Curevac-Impfstoffes an Freiwilligen vor der Zulassung Fehlanzeige. Und ja, gemeinsam mit anderen in Europa und der Welt. Allerdings bitte wir als Beschleuniger und nicht Bremser des Fortschritts!

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