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Kommentar Reiseverbote an Weihnachten: Italien hat den härteren, aber ehrlicheren Weg gewählt

Nur mit straffen Regeln kann Rom eine dritte Corona-Welle verhindern. Italiens Härte sollte ein Vorbild für die deutsche Politik sein, die sich zu zögerlich zeigt.
05.12.2020 - 13:53 Uhr 1 Kommentar
Weihnachten fällt in Italien praktisch aus. Quelle: action press
Maskiertes Krippenspiel in Kathedrale von Turin

Weihnachten fällt in Italien praktisch aus.

(Foto: action press)

Rom Irgendwie Weihnachten retten: Das schien das Mantra der deutschen Politik in den vergangenen Wochen zu sein. Erst der Verzicht im November-light-Lockdown, zur Belohnung dann die Bescherung an Heiligabend. Das Fest der Liebe als Sakrileg, unantastbar für die leidige Pandemie.

Eine absurde Vorstellung, wie sich mittlerweile gezeigt hat. Die Infektionszahlen ebben nicht wie gewünscht ab, die Zahl der Corona-Patienten auf Intensivstationen steigt rapide, zu viele neue Hotspots ploppen auf. Viel zu zögerlich waren die politischen Entscheidungen im Herbst – und zu sanft.

Italiens Regierung hat den härteren, aber ehrlicheren Weg gewählt: Am Donnerstagabend verkündete Premier Guiseppe Conte das Ende aller Illusionen, die sich vielleicht auch so mancher Italiener gemacht hat: Vom 21. Dezember bis zum 6. Januar dürfen die Bürger ihre Region nur in wenigen Ausnahmen verlassen.

Italiens Premier verkündet am Donnerstagabend drastische Corona-Maßnahmen. Quelle: ROPI
Premier Giuseppe Conte

Italiens Premier verkündet am Donnerstagabend drastische Corona-Maßnahmen.

(Foto: ROPI)

Niemand soll von Rom nach Venedig fahren, um die Eltern zu besuchen, niemand von Ligurien in Richtung Alpen aufbrechen, um im Ferienhaus ins neue Jahr zu feiern. Auch Skifahren und Kreuzfahrten sind verboten. Was schon einschneidend klingt, wird zum Fest noch extremer: An den Feiertagen und an Neujahr dürfen die Italiener nicht einmal ihre Gemeinde verlassen. Weihnachten fällt damit praktisch aus.

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    Auch wenn die Bewegungsfreiheit der Bürger massiv eingeschränkt wird: Der Schritt ist absolut notwendig, wenn Italien eine dritte Welle verhindern will. Das Beispiel Deutschland zeigt, dass auch geschlossene Restaurants und Bars steigende Infektionszahlen nicht verhindern. Menschen zieht es an kalten, dunklen Tagen nun mal gern nach drinnen. Und zu viele bleiben dort nicht unter sich.

    Ein nicht zu unterschätzender Teil der Bevölkerung nimmt die Corona-Warnungen auf die leichte Schulter, trifft sich heute mit einem Haushalt, morgen mit dem anderen, am Wochenende darf Oma die Enkel knuddeln.

    Die Corona-Müdigkeit schleicht sich ein

    Auch in Italien ist das ähnlich, wo „la famiglia“ einen noch größeren Stellenwert hat, wo oft viele Generationen in einem Haus leben, das Küsschen-links, Küsschen-rechts zur nationalen Identität gehört.

    Monatelang waren die meisten Italiener diszipliniert, haben sich an die strengen Vorschriften gehalten, einen Erlass nach dem anderen akzeptiert. Doch langsam schleicht sich auch hier eine gewisse Corona-Müdigkeit ein. Die Impfstoffe kommen doch bald, kann da die Maske an Weihnachten nicht etwas lockerer sitzen?

    Dabei haben sich die Bilder von Militärtransportern, die im März in der Lombardei Särge abtransportierten, ins kollektive Gedächtnis gebrannt. Sie sollten eine stetige Warnung für das sein, was passieren könnte, wenn die dritte Welle sich zu hoch auftürmt. Indes ist die zweite noch nicht mal überstanden. Noch immer sind mehr als 750.000 Menschen im Land mit dem Virus infiziert.

    Trauriger Rekord

    993

    Corona-Todesfälle innerhalb von 24 Stunden verzeichnete Italien am Donnerstag

    Am Donnerstag starben 993 Menschen innerhalb von 24 Stunden – ein grausamer neuer Rekordwert. Einige Krankenhäuser sind noch immer überlastet, Operationen wurden aufgeschoben, für Patienten ohne Covid-19 gibt es zu wenig Plätze. Aber die Kurve ebbt langsam ab, die Zahl der Intensivpatienten wird kleiner – auch wegen der harten neuen Maßnahmen, die in weiten Teilen des Landes seit November gelten.

    Wer in Deutschland gerade darüber jammert, nicht ins Restaurant oder Kino gehen zu dürfen, sollte sich klarmachen, dass viele Italiener seit mehr als einem Monat schon wieder in ihren Wohnungen eingesperrt sind – fast wie damals im drastischen Frühjahrs-Lockdown. Auch wer in diesem Winter in den roten Zonen des Landes lebt, darf nur für die Arbeit, Einkäufe oder Arztbesuche raus, immer mit einer Selbstauskunft in der Tasche. Im ganzen Land gilt noch immer eine Ausgangssperre ab 22 Uhr.

    An diesem Wochenende wechseln zwar viele Regionen die Notfall-Farbe auf Gelb oder Orange, die strengsten Regeln gelten nur noch für die Abruzzen. Aufatmen, das macht Contes Weihnachtsplan klar, darf das Land deswegen aber keineswegs. Auch wenn sich Italien nach diesem sozial wie ökonomisch schmerzhaften Jahr nach einem würdigen, feierlichen Ausklang sehnt: Gerade jetzt muss das Volk mitziehen.

    Die bittere Erkenntnis: Weihnachten muss ausfallen

    Die Zahl der Vernünftigen überwiegt, die Weihnachten im kleineren Kreis feiern wollen. Aber selbst der kleine Kreis ist noch zu groß. Auch wenn es schwerfällt, das zu akzeptieren: Dieses Fest wird ein komplett anderes sein als sonst – es muss in großen Teilen ausfallen. Eine harte Wahrheit, die sich Italiens Regierung im Gegensatz zur deutschen getraut hat auszusprechen.

    Rom hat die bittere Erkenntnis zudem in Politik umgemünzt. Die mag nicht überall passgenau und gerecht sein: Mailänder oder Römer sind ob der Größe ihrer Stadt viel weniger eingeschränkt als Italiener auf dem Land. Aber der Grundsatz, so wenig Kontakte und so wenig Bewegung wie möglich zuzulassen, ist absolut richtig.

    Ein Verbot, sich mit der Großfamilie zu treffen, hat die Regierung zwar nicht ausgesprochen. Aber dafür intensiv an die Vernunft der Bürger appelliert. Und doch suchen sich die Menschen trotz des Reiseverbots ihre Schlupflöcher. Schon jetzt sind die Zugbuchungen für das letzte Wochenende vor dem Reise-Lockdown hochgeschnellt.

    Es ist ein typischer Reflex, neue Verbote zu umschiffen. Was nicht untersagt ist, ist doch irgendwie erlaubt. Aber in diesem Jahr sollte der Egoismus hintanstehen, egal ob in Deutschland oder Italien. Weihnachten ist das Fest der Liebe. Und diese Liebe für Familie, die älteren Mitmenschen, die ganze Gesellschaft drückt sich in diesem Jahr nicht durch Nähe aus, sondern durch größtmögliche Distanz.

    Mehr: Wie unterschiedlich die Strategien der Länder beim Corona-Impfplan aussehen

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    1 Kommentar zu "Kommentar: Reiseverbote an Weihnachten: Italien hat den härteren, aber ehrlicheren Weg gewählt"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Der schon lange härtere Weg in Italien, Spanien und Frankreich hat bei Betrachtung der Zahlen wenig gebracht.
      Wer die Menschen einsperrt nimmt hohe Kollateralschäden in Kauf. Auch bei uns sterbe viele alte Menschen mit und ohne Virus, weil sie einfach keine Lust mehr haben, einsam sind und ihre Lieben vermissen. Wer nur Leben retten willo, der hätte das Geld in die Krebsforschung gesteckt und damit definitiv mehr Menschen gerettet. Hier geht es wieder ums politische Taktieren und nicht wirklich um die Menschen. Warum wurde in den Sommermonaten ein Schutzkonzept für Alten- und Pflegeheime so sträflich vernachlässigt? Wegen dieser fehlleistung der Behörden und Politiker, die immer nur mit der Gießkanne arbeiten, sind tausende gestorben und soll es für alle nun kein Weihnachten geben. Es wäre gut, wenn die ewigen bedenkenträger in Deutschland mal bis zum jahresende den Mund halten würden, und wir zum Ferienanfang mit dem Impfen beginnen würden. Dann wären Mitte Januar die Pflegekräfte und viele über 80-jährige geimpft und geschützt. Wir müssen lernen, mit 95% Sicherheit zu leben und nicht in Watte gepackt mit 99%. Das ist das Prinzip 'Mündiger Bürger'.
      W. Diekmann

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