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Kommentar Schluss mit der Datenschlamperei an jeder Ecke

In der Coronakrise müssen viele Firmen Daten sammeln. Viele gehen damit schlampig um. Das ist ein Risiko für sie und ihre Kunden.
08.07.2020 - 19:21 Uhr Kommentieren
Quelle: Kostas Koufogiorgos
Karikatur
(Foto: Kostas Koufogiorgos)

Vor aller Augen ereignet sich in Deutschland derzeit ein massiver Datenskandal. Täglich werden mehr Menschen Opfer der neuen kollektiven Fahrlässigkeit im Umgang mit persönlichen Daten: Namen, Nummern und Adressen. Nein, es ist keine Petitesse: Es ist grob fahrlässig, wie die Datenschlamperei akzeptiert wird.

Denn man sieht es an jeder Ecke. Alles, was Spaß macht, gibt es nur noch gegen Daten. Ins Kino gehen, im Café sitzen, Ausflüge mit der Bimmelbahn – überall müssen Listen mit Namen, Adressen und Telefonnummern für die Nachverfolgung möglicher Kontaktpersonen im Falle einer Corona-Infektion angefertigt werden. Das Problem: Die Betreiber haben von der rechtskonformen Verarbeitung keine Ahnung, finden sie lästig und werden dabei auch kaum kontrolliert.

Im Ergebnis fliegen Zettel mit Adressen und Handynummern herum, als wären es alte Einkaufslisten. Eine Stichprobe des Hamburger Datenschutzbeauftragten hat gezeigt, dass ein Drittel der Gaststätten und Gewerbebetriebe die Daten auf Listen sammelt, die andere Besucher lesen können. Und das ist nur die offensichtliche Verantwortungslosigkeit.

Menschen und Unternehmer müssen in der Coronazeit vor sich selbst geschützt werden. Der Schock des Lockdowns sitzt tief und zeigt sich in einer Egal-Haltung. Die Verbraucher denken: Hauptsache, wir dürfen wieder reisen, ausgehen, feiern; Unternehmer denken: Hauptsache, wir dürfen wieder öffnen und Events veranstalten.

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    Das ist nachvollziehbar, aber Wochen nach der Wiedereröffnung nicht mehr tolerierbar. Denn die Virusbedrohung wird auf absehbare Zeit nicht schwinden. Aber um tragfähige Lösungen scheint sich niemand zu kümmern. Wie kann das sein?

    Die Bundesregierung hat sich lange mit einer App zur Kontaktverfolgung verzettelt, die an den gesellschaftlichen Bedürfnissen vorbeigeht. Denn viele Menschen können sie nicht nutzen und Betriebe schon gar nicht.

    Feigenblatt-Politik der Bundesregierung

    Aber gerade weil es dabei am Anfang viel Aufregung um Fragen der Datenspeicherung, Auftragsvergabe an Unternehmen und den Einfluss von US-Konzernen gab, ging das größte Problem bei der Sache unter: Es handelt sich um Feigenblatt-Politik. Deutschland betreibt einen kleinen Teil der Corona-Eindämmung mit strengen Datenschutzvorgaben. Aber insgesamt steht es bei der Sicherheit in Sachen Kontaktverfolgung ziemlich nackig da.

    Nur weil die Corona-App nun gut ankommt, gilt die Sache als erledigt und sogar als Erfolg. Dabei zeigt die hohe Nutzungszahl doch nur, dass die Leute für ein bisschen Freilauf derzeit alles tun würden.

    Die App wird das Virus nicht totkriegen. Sie hilft den Unternehmen nicht, die weiter Kundendaten sammeln müssen. Und sie schließt Menschen aus, die sich neue Smartphones nicht leisten können oder wollen. Obwohl das Problem vor dem App-Start bekannt war, schmückt man sich nun nichtdestrotz damit.

    Der rechtliche Rahmen für die Datensammlung in Betrieben wurde dagegen halbherzig angefertigt. So hat der Hamburger Senat erst nach Hinweisen des Datenschützers klargestellt, dass Dritte keine Kenntnis von erhobenen Kundendaten erlangen dürfen. Aber man muss auch die Unternehmen in die Verantwortung nehmen. Schließlich geht es um ihre Kunden und ihren Ruf.

    Wohnung leer bis zum Dessert?

    Vielleicht muss man das Problem so formulieren, damit es jeder versteht: Wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, dass junge Frauen nur noch im Tausch gegen ihre Telefonnummer vom Kellner eine Cola kriegen sollen? Die Frage ist alles andere als rhetorisch: Längst sind erste Fälle bekannt, in denen Baristas Besucherinnen später Nachrichten schickten. 

    Das ist nur ein kritisches Beispiel. Prominente sind froh, wenn sie in der Freizeit nicht erkannt werden. Schon gar nicht möchten sie, dass Fans oder Kritiker ihre privaten Daten bekommen. Zudem treffen sich Menschen in der Öffentlichkeit, die vermeiden möchten, dass jemand davon erfährt. Das ist ihr gutes Recht, beruflich wie privat.

    Wer noch denkt, er sei nicht betroffen, sollte sich beim nächsten Restaurantbesuch klarmachen, dass bis zum Dessert seine Wohnung ausgeräumt werden könnte. Denn Personal und andere Gäste haben genug Zeit, ihre Adresse weiterzuschicken.

    Natürlich lässt sich einwenden, dass man falsche Daten angeben kann und dafür wohl nicht belangt wird. Aber damit scheitert die Virusbekämpfung. Unternehmen können die falschen Angaben in die Bredouille bringen, wenn das Gesundheitsamt im Falle eines Covid-19-Falls die Kunden nicht erreicht. Das kann sogar zum Bußgeld führen.

    Die Politik muss die Probleme ernster nehmen. Aber Firmen können auch selbst handeln, um ihre Kunden, ihren Ruf und sich selbst zu schützen. Schon vor der Coronakrise gab es spezialisierte Dienstleister zur Verarbeitung von Kundendaten. Auch mit banalen Lösungen ist Besserung möglich, etwa mit geschlossenen Umschlägen statt offener Listen. Sie sollten die Daten einfach behandeln wie Rechnungen und Einnahmen. Die lassen sie auch nicht einfach liegen.

    Mehr: Tech-Autor Reischl im Podcast: „Jeder sollte Angst vor Hackern haben.“

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